Deutschlands Chemieindustrie blutet — warum der Markt trotzdem Gewinner findet

Siemens Energy und Airbus überzeugen mit operativer Stärke, während Evonik und BASF unter der schweren Chemieflaute leiden.

Eduard Altmann ·
Wacker Chemie Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Siemens Energy plant Abspaltung einer Sparte
  • Airbus erreicht Viermonatshoch dank Analystenurteil
  • Evonik streicht Tausende Stellen in Deutschland
  • Halbleiter-Sektor profitiert von Apple-Intel-Deal

Liebe Leserinnen und Leser,

6.000 Stellen. So viele Jobs streicht Evonik bis Ende des Jahrzehnts — und der Essener Konzern ist nur das jüngste Symptom einer Branche, die sich in ihrer schwersten Krise seit drei Jahrzehnten befindet. Doch wer am Donnerstag nur auf die Verliererliste schaut, verpasst die andere Hälfte der Geschichte: Siemens Energy legt knapp sechs Prozent zu, Airbus markiert ein Viermonatshoch, und aus den USA schwappt ein Halbleiter-Impuls nach Europa. Die operative Glaubwürdigkeit einzelner Unternehmen schlägt gerade jedes Makro-Rauschen.

Siemens Energy: Warum der Markt eine Abspaltung feiert

Die stärkste DAX-Geschichte des Tages liefert Siemens Energy. Die Aktie springt um 5,8 Prozent auf 171,18 Euro. Auslöser: ein Bericht des Manager Magazins, wonach der Konzern die Abspaltung seiner kleinsten Sparte „Transformation of Industry“ ernsthaft prüft. Ein internes Papier vom April 2026 skizziert den Plan — rund 60 Prozent der Anteile sollen via Spin-off oder Börsengang abgegeben werden, 40 Prozent behält Siemens Energy übergangsweise. Die Sparte bringt es auf 5,7 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Dass der Markt sofort mit fast sechs Prozent Plus reagiert, verrät viel über den Zustand dieses Konzerns: Investoren hungern nach Klarheit. Portfoliobereinigungen bei Industriekonglomeraten haben historisch zwei Effekte — sie schärfen den Fokus auf das Kerngeschäft (hier: Stromnetze und Windenergie) und heben Bewertungsreserven, die im Konglomerat versteckt bleiben. Siemens Energy betont, noch keine Entscheidung getroffen zu haben. Wer bereits investiert ist, hat einen komfortablen Puffer gewonnen. Wer einsteigen möchte, wartet besser auf einen konkreten Zeitplan.

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Airbus erreicht Viermonatshoch — und das Signal kommt nicht vom Ölpreis

Airbus notiert bei 192 Euro auf dem höchsten Stand seit vier Monaten. Der Treiber ist nicht der gesunkene Kerosinpreis, sondern ein Analystenurteil mit operativer Substanz: Kepler Cheuvreux stuft die Aktie von „Hold“ auf „Buy“ hoch und hebt das Kursziel von 196 auf 212 Euro. Analyst Aymeric Poulain begründet das Upgrade damit, dass Airbus die monatelangen Lieferkettenprobleme zunehmend löst — mit direkten Folgen für Auslieferungsvolumen und Margen.

Das ist kein zyklischer Trade. Airbus hatte in den vergangenen Quartalen regelmäßig Auslieferungsziele verfehlt, was die Aktie unter Druck hielt. Wenn ein erfahrener Sektoranalyst nun operative Entspannung sieht, ist das ein handfestes Signal. Das Kursziel von 212 Euro impliziert vom aktuellen Niveau noch rund zehn Prozent Aufwärtspotenzial. Für Anleger, die auf eine Normalisierung des Luftfahrtzyklus setzen, bietet das einen soliden fundamentalen Anker.

Evonik und die Chemie-Krise: 6.000 Stellen, ein geschlossener Standort

Evonik kündigt den Abbau von 3.200 weiteren Stellen bis Ende 2029 an, davon 2.150 in Deutschland. Das Polyester-Geschäft mit rund 150 Millionen Euro Jahresumsatz wird bis 2027 komplett eingestellt, der Standort Witten mit 266 Beschäftigten geschlossen. Parallel laufen bereits Programme, die bis Jahresende weitere 2.800 Stellen kosten. Ende März beschäftigte Evonik noch gut 30.600 Menschen.

Konzernchef Kullmann nennt unsichere Weltlage, schwaches Wachstum und asiatischen Wettbewerb als Gründe. Er steht damit nicht allein. Wacker Chemie, Lanxess, BASF — die gesamte deutsche Chemieindustrie steckt nach Einschätzung der Süddeutschen Zeitung in der schwersten Krise seit 30 Jahren. Die Evonik-Aktie verliert am Donnerstag rund 3,9 Prozent auf 15,17 Euro. BASF gibt 3,6 Prozent nach auf 48,09 Euro — obwohl die Deutsche Bank am selben Tag ihr Kaufvotum erneuert hat.

Für Anleger: Bei Evonik fehlt ein klarer Wachstumsimpuls jenseits des Sparens — die Aktie bleibt ein Geduldsfall ohne absehbaren Lohn. Bei BASF sieht die Rechnung etwas anders aus: Der Q1-Gewinn je Aktie stieg auf 1,06 Euro (Vorjahr: 0,91 Euro), die Dividendenprognose für 2026 liegt bei 2,28 Euro. Bei einem Kurs unter 49 Euro ergibt das eine Rendite, die Einkommensinvestoren zumindest prüfen sollten. Die nächsten Quartalszahlen kommen am 29. Juli.

Apple-Intel-Deal treibt Halbleiter — Infineon profitiert mit

Aus den USA kommt ein kräftiger Impuls für den Technologiesektor: Präsident Trump bestätigte auf Truth Social eine Partnerschaft zwischen Apple und Intel zur Chip-Produktion in den USA. Intel-Aktien steigen im US-Handel um rund zehn Prozent, der iShares Semiconductor ETF (SOXX) legt knapp fünf Prozent zu. Micron, AMD und Broadcom ziehen mit.

Für europäische Anleger ist der direkte Hebel begrenzt, aber Infineon profitiert mit einem Plus von 3,5 Prozent von der Sektorstimmung. Wichtiger als der Tageseffekt ist die strukturelle Botschaft: Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur, Rechenzentrum-CPUs und Speicherchips bleibt robust. Intels Q1-Zahlen unterstreichen das — Umsatz 13,6 Milliarden Dollar, plus sieben Prozent zum Vorjahr, Data-Center-Sparte plus 22 Prozent. Die nächsten Intel-Quartalszahlen folgen am 23. Juli.

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Quintessenz

Zwei Unsicherheiten bestimmen die kommenden Tage: Ob das vorläufige US-Iran-Rahmenabkommen in den 60-tägigen Verhandlungen Substanz bekommt — davon hängen Ölpreis und Konjunkturprognosen ab. Und wie ernst die Märkte die hawkischen Fed-Signale nehmen: Neun von 18 FOMC-Mitgliedern erwarten mindestens eine Zinserhöhung noch in diesem Jahr, die Medianprognose stieg auf 3,8 Prozent.

Doch die eigentliche Lektion dieses Donnerstags ist eine andere. Die deutsche Industrie spaltet sich. Auf der einen Seite Unternehmen, die mit strategischer Klarheit überzeugen — Siemens Energy mit dem Abspaltungsplan, Airbus mit der Lieferketten-Wende. Auf der anderen eine Chemieindustrie, die Tausende Stellen streicht und trotzdem keinen Wachstumspfad erkennen lässt. Wer in Qualitätstitel mit operativer Stärke investiert, ist besser positioniert als wer auf den nächsten Makro-Impuls wartet. Nicht jede Krise trifft jeden gleich — und genau darin liegt die Chance.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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