Deutschlands Wachstumswunder hat einen Adressaten: die Banken

Finanzwerte profitieren von der staatlich gestützten Erholung; Rüstungs- und Chipaktien verlieren, während Commerzbank-Optionen im Fokus stehen.

Eduard Altmann ·

Kurz zusammengefasst

  • Gemeinschaftsdiagnose hebt Wachstumsprognose auf 1,3 Prozent
  • Hessen führt Länder mit 1,8 Prozent Wachstum
  • Orlopp nennt drei mögliche Wege für Commerzbank
  • Rheinmetall und Infineon geben deutlich nach

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

1,8 Prozent Wachstum in Hessen, minus 0,8 Prozent in Thüringen: Schon an dieser Kluft lässt sich ablesen, wer vom deutschen Aufschwung 2026 profitiert – und wer nicht. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das Bruttoinlandsprodukt in der Gemeinschaftsdiagnose mehr als verdoppelt, von 0,6 auf 1,3 Prozent, und der Ifo-Geschäftsklimaindex kletterte im September auf den höchsten Stand seit über drei Jahren. Die Börse honoriert das nicht. Am Donnerstag gaben Rüstungs- und Chipwerte nach, während Versicherer, Telekom und Konsumtitel gefragt waren. Der Grund: Der Aufschwung ist staatlich finanziert, zeitlich begrenzt – und er landet in anderen Sektoren, als viele Anleger im Sommer gekauft haben.

Wachstum auf Kredit, mit Verfallsdatum

Die Institute nennen drei Treiber: Exporte, den KI-Boom und kreditfinanzierte Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung. Privater Konsum und Unternehmensinvestitionen bleiben schwach – und genau deshalb sieht die Prognosekurve so ungewöhnlich aus. 1,3 Prozent für 2026, 1,1 Prozent für 2027, aber nur noch 0,4 Prozent für 2028, wenn der fiskalische Impuls verpufft. Konjunkturexperte Stefan Kooths warnt ausdrücklich vor verfrühter Entwarnung: Ohne Reformen drohe langfristig Stagnation, die privaten Investitionen seien das eigentliche Sorgenkind. Die Institute kritisieren zudem den geplanten Tankrabatt und fordern stattdessen Ausgabenkürzungen. OECD (1,1 Prozent) und BDI (1,0 Prozent) trauen der Erholung ohnehin weniger zu als die Gemeinschaftsdiagnose.

Wer die Zahlen regional aufschlüsselt, sieht die Adressaten klar: Hessen wuchs im ersten Halbjahr preisbereinigt um 1,8 Prozent – Spitzenwert unter allen Bundesländern, getragen vom Finanzplatz Frankfurt mit Rekordergebnissen bei Deutscher Bank, Commerzbank und DZ Bank sowie vom Rechenzentrumsboom. Baden-Württemberg schaffte nach drei Rezessionsjahren wieder 1,4 Prozent, Thüringen bildet mit minus 0,8 Prozent das Schlusslicht. Bundesweit stand ein Plus von 0,9 Prozent. Für Anleger heißt das: Dies ist ein Dienstleistungs- und Finanzaufschwung, kein industrieller. Wer jetzt auf Zykliker setzt, kauft die Hoffnung auf 2027 – und selbst die Institute halten diese Hoffnung für begrenzt.

Orlopp legt drei Karten auf den Tisch, die HVB wird zum Joker

Wo der Aufschwung tatsächlich ankommt, zeigt sich am deutlichsten im Bankensektor – und dort tut sich gerade mehr als nur ein guter Jahresabschluss. Nach über zwei Jahren Übernahmeringen hält UniCredit inzwischen knapp 50 Prozent an der Commerzbank. Vorstandschefin Bettina Orlopp skizzierte am Donnerstag drei Wege aus der Pattsituation: einen Aktientausch, bei dem die Commerzbank die UniCredit-Tochter HypoVereinsbank übernimmt; einen direkten Zusammenschluss beider Häuser; oder ein weiteres Angebot von UniCredit an die verbliebenen Aktionäre, „höchstwahrscheinlich mit Prämie“, so Orlopp, mit dem Ziel, die 90-Prozent-Marke zu überschreiten. Dass die Commerzbank-Chefin selbst eine Prämie ins Spiel bringt, ist die eigentliche Nachricht: Aus der Abwehrschlacht ist eine Preisverhandlung geworden.

Die Aktie notiert bei rund 41,20 Euro, praktisch unverändert zum Vortag, aber seit Jahresbeginn 14 Prozent im Plus; das 52-Wochen-Hoch von 43,34 Euro ist erst zwei Wochen alt. UniCredit selbst gibt leicht nach auf gut 82,80 Euro. Für Commerzbank-Aktionäre bleibt die Lage komfortabel: Zwei der drei Optionen bedeuten Kursbewegung, die dritte bedeutet eine Prämie.

Den Sicherheitshintergrund liefert der gemeinsame Stresstest von BaFin und Bundesbank: 1.113 kleine und mittlere Institute, rund 90 Prozent aller deutschen Banken, wurden seit April durch ein dreijähriges Krisenszenario geschickt. Die harte Kernkapitalquote sinkt unter Stress um 3,8 Prozentpunkte auf 14,6 Prozent – solide, aber mehrere Dutzend Häuser verfehlten die Mindestanforderungen. Das ist, laut BaFin, etwa halb so viel wie vor zwei Jahren, als über 50 Institute durchfielen. Bundesbank-Vorstand Michael Theurer mahnt trotzdem zur Vorsicht bei der Kapitalplanung, mit Verweis auf geopolitische Risiken. Die Deutsche Bank, deren Rekordhalbjahr Hessens Wachstumszahl mitträgt, notiert bei rund 31,20 Euro, gut ein Prozent tiefer und seit Jahresbeginn 6 Prozent im Minus – der Abstand zum Hoch von 35,84 Euro vom 8. September hat sich in gut zwei Wochen aufgebaut.

Elektrifizierung hält die Stellung, Rüstung und Chips geben nach

Ganz anders die Lage in der Industrie, wo sich eine Schere öffnet. Rheinmetall verliert 2,7 Prozent und rutscht wieder unter die Marke von 1.000 Euro, Renk und Hensoldt geben noch deutlicher nach, Infineon war mit über 4 Prozent Minus größter DAX-Verlierer. Siemens Energy dagegen hält sich bei rund 143,50 Euro nahezu unverändert, Siemens legt zu. Rückenwind kommt von JPMorgan: Analyst Phil Buller bestätigt Siemens Energy auf „Overweight“ und verweist auf eine halbjährliche Investitionsumfrage, die robuste Nachfrage aus Rechenzentren und Hardware-Infrastruktur zeigt. Seit Jahresbeginn liegt Siemens Energy 19 Prozent vorn, hat sich aber vom Aprilhoch bei 195,38 Euro deutlich entfernt – in den letzten 30 Tagen ein Minus von 6,4 Prozent.

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Während Siemens Energy von der Rechenzentrums-Nachfrage profitiert und Infineon zum größten DAX-Verlierer wird, zeigt sich: Nicht jeder Energie- oder Hightech-Titel ist gleich gut für die kommenden Jahre positioniert. Ein Spezial-Report von Top-Analyst Mike Rückert stellt fünf Aktien aus Energie, Gesundheit und Hightech vor, die von den großen Megatrends besonders profitieren könnten. Jetzt Report anfordern

Dass Elektrifizierung strategisch gefragt bleibt, zeigt auch ein Deal aus Frankreich: Schneider Electric bietet 70 Euro je Aktie für die Shelly Group, eine Bewertung von rund 1,2 Milliarden Euro und eine Prämie von bis zu 27 Prozent. Die Gründer Dimitar Dimitrov (29 Prozent) und Svetlin Todorov (28 Prozent) stehen hinter dem Deal, die Mindestannahmeschwelle liegt bei 95 Prozent, Abschluss und Delisting sind für das erste Quartal 2027 geplant. Shelly stieg im SDax auf 67,10 Euro – der Abstand zum Angebot zeigt, dass der Markt die hohe Annahmeschwelle als Restrisiko einpreist. Schneider selbst gab leicht nach auf 292 Euro. Für Anleger ist das eher ein Signal als ein Trade: Netzinfrastruktur bis in den Haushalt bleibt ein Konsolidierungsfeld, in dem noch mehr passieren dürfte.

Delivery Hero: Der Gründer bleibt, weil Uber übernimmt

Ein Kurswechsel der besonderen Art meldet Delivery Hero: Die im Mai angekündigte Ablösung von Mitgründer Niklas Östberg wird zurückgezogen, sein Vertrag als CEO läuft nun bis zum 30. April 2029. Der Grund ist die Übernahme durch Uber für bis zu 13 Milliarden Euro (14,8 Milliarden Dollar), für die sich der US-Konzern bereits die Anteilsmehrheit gesichert hat – Großaktionär Prosus und Investor Aspex geben ihre Anteile ab. Uber garantiert den Berliner Hauptsitz und verzichtet bis mindestens 2029 auf Belegschaftsänderungen. Parallel übernimmt SSW Partners bei Vollzug für rund 1,6 Milliarden Dollar Geschäfte in 14 Märkten, darunter Glovo in Spanien und Polen sowie Yemeksepeti in der Türkei.

Bemerkenswert daran: Delivery Hero hat in 65 Ländern nie schwarze Zahlen geschrieben – die Aktie liegt seit Jahresbeginn trotzdem 61 Prozent im Plus und notiert bei rund 36,60 Euro. Für Uber-Aktionäre (Kurs rund 61,20 Euro, seit Jahresbeginn 12 Prozent im Minus) ist der Kauf ein Wachstumsversprechen auf Kredit der eigenen Rentabilität. Bei Delivery Hero dagegen ist das Kurspotenzial durch den Übernahmerahmen weitgehend abgesteckt – wer jetzt noch einsteigt, spekuliert auf Details, nicht auf Überraschungen.

Zollpause verschafft Zeit, der Ölpreis nimmt sie wieder

Zum Start des Staatsbesuchs von Xi Jinping verkündete US-Finanzminister Scott Bessent die Verlängerung der Zollpause mit China um zwei Monate bis zum 10. Januar; eine chinesische Bestätigung stand am Nachmittag noch aus. Die eigentlichen Streitpunkte – US-Chipkontrollen und Chinas Exportlizenzen für Seltene Erden – bleiben ungelöst. Für deutsche Exporteure ist das Zeitgewinn, kein Durchbruch. Deutlich unangenehmer ist der Ölpreis: Brent notiert nach Schiffsbeschuss in der Straße von Hormus und iranischen Drohungen über der 100-Dollar-Marke – und unterstreicht damit unmittelbar, wovor die Institute warnen, wenn sie von Energiekostenrisiken sprechen. Der Euro hält sich immerhin über 1,13 Dollar.

Unterm Strich

Der Widerspruch zwischen Konjunkturoptimismus und Kursverlusten löst sich auf, wenn man genauer hinschaut: Das Wachstum ist staatlich finanziert, zeitlich begrenzt – und es kommt bei Finanzwerten und Dienstleistern an, nicht bei den Zyklikern, die im Sommer noch gekauft wurden. Bei der Commerzbank rückt mit den drei Orlopp-Optionen eine Entscheidung näher, die für Aktionäre in jedem Fall Bewegung oder Prämie bedeutet. Bei Siemens Energy stützt JPMorgan die These, dass Rechenzentren die eigentliche Wachstumsstory sind, nicht Rüstung oder Chips. Die nächsten Wegmarken: Pekings Antwort auf die Zollpause, die weitere Entwicklung am Golf – und am 21. Oktober die SAP-Quartalszahlen als erster großer Test der Berichtssaison.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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