Deutschlands zweite Reihe: Kahlschlag hier, Neugründung dort
United Internet setzt auf Einsparungen, Novo Nordisk gerät wegen des Patentablaufs unter Druck und Commerzbank bleibt politischer Spielball.

Kurz zusammengefasst
- 800 Stellen bei Töchtern entfallen
- Morgan Stanley senkt Novo-Nordisk-Einstufung
- Bund fordert Bedingungen für Commerzbank-Deal
- flatexDEGIRO erreicht neues Jahrestief
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
12.812 Unternehmen haben im ersten Halbjahr 2026 Insolvenz angemeldet, so viele wie seit 2013 nicht mehr. Im selben Zeitraum wagten 143.000 Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit, und die Zahl der Startup-Neugründungen kletterte um 52 Prozent auf 3.053. Zwei Zahlenreihen, eine Volkswirtschaft – und genau diese Zweiteilung zieht sich heute durch die Kursbewegungen abseits der großen DAX-Schlagzeilen. Der Index selbst hält sich stabil im Bereich um 25.500 Punkte, doch spannender ist, was darunter passiert: bei einer Telekom-Restrukturierung, einem Pharma-Abstufer und einem Übernahmepoker, der gerade in eine neue politische Phase eintritt.
United Internet: Der Markt honoriert den Rotstift bei den Töchtern
United Internet zieht bei 1&1 Versatel und Ionos einen harten Schnitt: 800 Stellen fallen weg. Bei 1&1 Versatel sinkt die Belegschaft von 1.350 auf 1.000 Vollzeitkräfte, bei Ionos verschwinden 450 der 3.800 Stellen. Die Restrukturierung kostet einmalig rund 95 Millionen Euro – 35 Millionen bei Ionos, 60 Millionen bei 1&1 –, soll aber ab 2027 bei Ionos jährlich 30 Millionen Euro sparen und den 1&1-Ergebnisbeitrag ab 2028 um 25 Millionen Euro jährlich erhöhen. Die Ebitda-Prognose für 2026 von 1,45 Milliarden Euro bleibt bestätigt.
Bemerkenswert ist die Kursreaktion: Die Töchter selbst legen zu, 1&1 notiert bei 23,95 Euro (intraday +2,8 Prozent), Ionos bei 34,82 Euro (+2,2 Prozent). Die Konzernmutter United Internet gibt dagegen leicht nach auf 27,60 Euro (-0,7 Prozent). Der Markt liest die Einschnitte offenbar als notwendige Sanierung, die die Ebitda-Guidance absichert. Das Risiko liegt in der langen Vorlaufzeit: Bis die Einsparungen tatsächlich im Ergebnis ankommen, vergehen anderthalb bis zwei Jahre.
Novo Nordisk: Der Patentablauf wird jetzt eingepreist
Ganz anders die Lage bei Novo Nordisk, wo eine Zäsur bereits Jahre im Voraus eingepreist wird. Morgan Stanley stuft die Aktie auf „Underweight“ zurück, Kursziel 250 dänische Kronen – umgerechnet knapp 33,4 Euro und damit spürbar unter dem aktuellen Niveau. Begründung ist der drohende Patentablauf von Semaglutid Anfang der 2030er-Jahre, dem Wirkstoff hinter den Abnehmspritzen, die den Aktienkurs jahrelang getragen haben. Die Aktie gibt auf 37,12 Euro nach (-2,5 Prozent im Verlauf) und liegt binnen Jahresfrist rund ein Fünftel im Minus.
Für Anleger wird der Kapitalmarkttag am 21. September zum entscheidenden Termin: Nur überzeugende Antworten zur Pipeline jenseits von Semaglutid dürften die Bewertung stabilisieren – und das, obwohl der Patentschutz noch gar nicht ausgelaufen ist. Der Markt handelt hier die Zukunft, nicht die Gegenwart.
Commerzbank und UniCredit: Der Bund pocht auf Bedingungen, der Kurs ist längst entschieden
Der Übernahmepoker um die Commerzbank verschärft sich politisch. UniCredit hält mittlerweile Zugriff auf fast 50 Prozent der Commerzbank-Anteile, der Bund selbst 12 Prozent – und die Bundesregierung fordert nun explizit den Erhalt der Mittelstandsfinanzierung sowie den Sitz in Frankfurt als Bedingung für ihre Zustimmung.
An der Börse ist von dieser politischen Unsicherheit wenig zu spüren. Die Commerzbank-Aktie notiert bei 42,89 Euro (+2,7 Prozent) und damit nur knapp unter ihrem am 8. September markierten 52-Wochen-Hoch von 43,12 Euro. UniCredit legt ebenfalls zu, auf 85,02 Euro (+1,7 Prozent), nahe dem eigenen Jahreshoch. Beide Kurse preisen einen erfolgreichen Deal längst weitgehend ein. Die politischen Bedingungen aus Berlin sind damit weniger eine Frage des Ob als eine Frage des Timings und der endgültigen Struktur.
flatexDEGIRO: Ein Rücktritt schickt die Aktie auf Jahrestief
Weniger souverän reagiert der Markt bei flatexDEGIRO. Dort sorgt der überraschende Rücktritt von Aufsichtsratschef Lotter für Verunsicherung: Die Aktie fällt im Verlauf um 7,2 Prozent auf 31,62 Euro und markiert bei 30,58 Euro ein neues 52-Wochen-Tief. Auf Monatssicht steht bereits ein Minus von 8,8 Prozent zu Buche. Für ein Unternehmen, das im margenschwachen Online-Brokerage-Geschäft ohnehin unter Wettbewerbsdruck steht, ist ein Führungsvakuum an der Spitze kein gutes Signal. Wer die Aktie hält, sollte die Nachfolgeregelung im Aufsichtsrat genau beobachten, bevor er die jüngste Schwäche als reine Übertreibung abtut.
Die Zweiteilung der deutschen Wirtschaft
Damit schließt sich der Kreis zur eingangs erwähnten Zahl. Allein im Juni stiegen die Insolvenzanträge um 15,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während parallel die Gründerszene boomt. Diese Zweiteilung spiegelt sich an der Börse: Der DAX markierte Ende August mit 26.618,74 Punkten ein Hoch und steht auf Jahressicht mit 4,3 Prozent im Plus, während kleinere und mittlere Unternehmen mit steigenden Finanzierungskosten kämpfen. Dass exportstarke Industriewerte abseits des schwächelnden Mittelstands durchaus Wachstumsstorys liefern können, zeigt JPMorgans Hochstufung von Alstom auf „Overweight“ mit Kursziel 28 Euro – ausgelöst durch einen Milliardenauftrag für batterieelektrische Züge in Großbritannien.
Während heimische Industriewerte wie Alstom von einzelnen Großaufträgen profitieren, spielt sich die größte Wachstumsstory unserer Zeit auf einer anderen Bühne ab: dem globalen Wettlauf um Halbleiter und Künstliche Intelligenz.
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Unterm Strich
Die eigentliche Anlegerfrage lautet heute nicht, wohin der nächste EZB-Zinsschritt geht, sondern wie sehr sich die DAX-Schwergewichte von der Breite der deutschen Wirtschaft entkoppelt haben. Wer in Nebenwerte oder Regionalbanken investiert ist, sollte die Kreditrisiken der Insolvenzwelle ernst nehmen. Wer dagegen in Commerzbank, United-Internet-Töchtern oder Alstom engagiert ist, profitiert derzeit weniger von der gesamtwirtschaftlichen Lage als von handfesten, unternehmensspezifischen Sondersituationen. Diese Unterscheidung dürfte in den kommenden Wochen wichtiger werden als jede Indexbewegung.
Einen erholsamen Ausklang der Woche wünscht Ihnen
Beste Grüße, Ihr Eduard Altmann
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