Liebe Leserinnen und Leser,
kennen Sie den schwierigsten Moment beim Radfahren? Es ist nicht die rasante Abfahrt und nicht der mühsame Anstieg. Es ist der Augenblick kurz vor dem Stillstand, wenn die Vorwärtsbewegung fast versiegt und der Fahrer hektisch am Lenker reißt, um die Balance zu halten.
Genau dieses Bild drängte sich mir auf, als wir gestern den Schlussstrich unter die erste volle Handelswoche des Jahres 2026 zogen. Die US-Wirtschaft, dieser gewaltige Motor der globalen Konjunktur, läuft nur noch auf wenigen Zylindern. Die bloße Zahl von 50.000 neu geschaffenen Stellen im Dezember ist mehr als nur eine Enttäuschung – sie ist ein Warnsignal. Das Jahr 2025 geht als das schwächste Job-Jahr seit 2010 (die Pandemie ausgenommen) in die Geschichtsbücher ein.
Doch wer nun Panik an den Märkten erwartet, unterschätzt den Zynismus der Wall Street. Statt den Abschwung zu fürchten, feierten die Händler gestern die schlechten Nachrichten als Garant für künftige Zinssenkungen. Der S&P 500 schloss auf Rekordhoch, und unser heimischer DAX pulverisierte die 25.000er-Marke mit einem Wochenschluss von 25.261 Punkten förmlich.
Wir erleben eine faszinierende Entkopplung: Die Realwirtschaft sendet SOS, die Finanzmärkte feiern Party. Wie lange diese Balance auf dem fast stehenden Fahrrad gehalten werden kann, ist die große Frage dieses Wochenendes.
Das Rauschen unter der Oberfläche
Es ist ein Paradoxon, das Ökonomen Sorgenfalten auf die Stirn treibt, während Aktienhändler den Champagner kaltstellen. Die gestern veröffentlichten US-Arbeitsmarktdaten (Non-Farm Payrolls) offenbaren eine gefährliche Dynamik. Dass nur 50.000 neue Jobs entstanden sind, ist für eine Volkswirtschaft dieser Dimension faktisch Stagnation. Erschwerend kommt hinzu: Die Zahlen für Oktober und November wurden massiv nach unten korrigiert.
Wir blicken auf ein klassisches „Low Hire, Low Fire“-Szenario. Die Unternehmen entlassen (noch) nicht im großen Stil – die Arbeitslosenquote sank sogar leicht auf 4,4 Prozent –, aber sie haben faktisch aufgehört, einzustellen.
Die Logik der Märkte ist dabei so simpel wie riskant: Schwache Daten zwingen die US-Notenbank Fed zum Handeln. Zwar taxieren die Märkte die Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung noch im Januar auf magere 5 Prozent, doch das „Long Game“ für 2026 steht fest: Solange die Tech-Gewinne sprudeln und die Politik stimuliert, werden Rezessionsängste ausgeblendet. Für den exportabhängigen DAX ist das ein Ritt auf der Rasierklinge. Wenn der US-Konsument den Geldbeutel schließt, wird die Luft in Frankfurt dünner – 25.000 Punkte hin oder her.
Die Dividende der Geopolitik
Während der Gesamtmarkt auf das Prinzip Hoffnung setzt, reagiert ein Sektor ganz konkret auf die harte Realität. Die Aktie von Rheinmetall avancierte in dieser Woche zum unangefochtenen Star im DAX und legte fast 19 Prozent zu, um bei 1.900 Euro ins Wochenende zu gehen. Auch US-Pendants wie L3Harris markierten neue 52-Wochen-Hochs.
Der Treiber liegt diesmal nicht in der Ukraine, sondern in Südamerika. Der US-Militäreinsatz in Venezuela und die Gefangennahme von Machthaber Maduro haben die Karten neu gemischt. Analysten erkennen hier ein doppeltes Kalkül:
- Der Rüstungs-Boom: Präsident Trumps Ankündigung erhöhter Militärausgaben und die Demonstration von Stärke wirken wie ein Konjunkturprogramm für die gesamte Branche.
- Die Öl-Wette: Zwar stieg der Ölpreis (WTI) auf Wochensicht um gut 3 Prozent auf rund 59 Dollar, doch die langfristige Strategie zielt auf das Gegenteil. Die USA planen offenbar, über 100 Milliarden Dollar in den Wiederaufbau der venezolanischen Ölinfrastruktur zu pumpen. Das Ziel ist klar: Das Angebot massiv ausweiten, um die Preise langfristig zu drücken.
Rheinmetall wandelt sich damit in den Depots vieler Anleger von einer reinen Verteidigungswette zu einem globalen Risiko-Hedge.
Die jüngsten Entwicklungen bei Rheinmetall zeigen eindrucksvoll, wie schnell sich Marktchancen ergeben können. Genau solche Bewegungen – ob bei Rüstungswerten, Tech-Aktien oder anderen Sektoren – lassen sich mit der richtigen Strategie gezielt nutzen. In einem kostenlosen Webinar wird gezeigt, wie Sie durch fokussiertes Trading systematisch von Marktbewegungen profitieren können, mit konkreten Beispielen aus verschiedenen Branchen und Marktphasen. Details zur Trading-Strategie ansehen
Krypto-Winter im Januar?
Während Aktienrekorde fallen, herrscht an den Krypto-Märkten Katerstimmung. Bitcoin klammert sich mühsam an die 90.000-Dollar-Marke, wirkt dabei aber seltsam kraftlos. Der Grund liegt in den Kapitalflüssen: In der ersten vollen Handelswoche 2026 zogen Investoren massiv Gelder ab. Allein zwischen dem 6. und 9. Januar summierten sich die Abflüsse aus US-Spot-ETFs auf rund 1,38 Milliarden Dollar.
Institutionelle Anleger scheinen hier den „Risk-Off“-Schalter zu betätigen, verunsichert durch die makroökonomische Gemengelage. Doch wer genau hinsieht, erkennt, dass die „Smart Money“-Akteure die Arena keineswegs verlassen. Im Gegenteil: Morgan Stanley hat diese Woche Anträge für neue ETFs eingereicht, die neben Bitcoin und Ethereum auch Solana abbilden sollen – inklusive Staking-Mechanismen.
Das Signal ist eindeutig: Die großen Wall-Street-Adressen nutzen die aktuelle Schwäche nicht zum Ausstieg, sondern zum Ausbau der Infrastruktur für die nächste Phase. Cardano-Gründer Charles Hoskinson mag mit seiner Prognose von 250.000 Dollar bis Mitte 2026 optimistisch sein, doch die institutionelle Vorbereitung im Hintergrund spricht Bände.
Was sonst noch wichtig war
- General Motors zieht den Stecker: Der US-Autobauer hat eine massive Sonderbelastung von rund 6 Milliarden Dollar angekündigt, um den Rückzug aus bestimmten Elektrofahrzeug-Segmenten zu finanzieren. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Euphorie der letzten Jahre in der Automobilbranche einer harten Kostenrealität weicht.
- Trumps Hypotheken-Hebel: US-Hausbauer wie Lennar oder D.R. Horton gehörten am Freitag zu den Gewinnern. Der Grund ist ein Plan des US-Präsidenten, Hypothekenanleihen im Wert von 200 Milliarden Dollar aufzukaufen. Ein künstlicher Eingriff, um die Zinsen zu drücken und den Immobilienmarkt zu stützen.
- Gold im Höhenrausch: Unbeeindruckt von der Aktien-Rallye notiert Gold weiter in Rekordnähe bei rund 4.500 Dollar je Feinunze. In einer Welt, in der Staatsschulden explodieren und geopolitische Grenzen in Venezuela oder der Arktis neu gezogen werden, bleibt das Edelmetall der ultimative sichere Hafen.
Der Schlussgedanke
Diese Woche hat uns eine Lektion in Marktpsychologie erteilt. Wir sehen schwächelnde Fundamentaldaten am Arbeitsmarkt, geopolitische Eskalationen in Südamerika und Kapitalflucht aus dem Krypto-Sektor – und dennoch stehen die großen Aktienindizes auf Allzeithochs.
Das erinnert an das Prinzip des „Mauerblümchens“ auf der Tanzfläche: Solange die Musik spielt (sprich: die Liquidität vorhanden ist), wird getanzt. Doch die Musik wird leiser. Die kommende Woche wird zeigen, ob die Anleger bereit sind, die warnenden Töne vom Arbeitsmarkt weiter zu ignorieren, oder ob eine Neubewertung des Risikos ansteht.
Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Rest des Wochenendes und einen klaren Kopf für die kommende Woche.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann
