Die Auftragslücke, die niemand sehen will

Trotz Rekordauftragsbestand bei Rheinmetall warnen Analysten vor einer Auftragslücke. Munich Re kauft sich Wachstum, Siemens Energy zeigt starke Zahlen, Gasspeicher bleiben kritisch.

Eduard Altmann ·
Rheinmetall Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Rheinmetall braucht neue Großaufträge
  • Munich Re übernimmt Cyber-Versicherer At-Bay
  • Siemens Energy: Gewinn verdoppelt, Kurs hinkt
  • Gasspeicher-Füllstand deutlich unter Vorjahr

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

80,5 Milliarden Euro Auftragsbestand, und trotzdem warnt ein Analystenhaus vor einer „gewaltigen Auftragslücke“. Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber die eigentliche Geschichte des Tages: mwb research rechnet vor, dass Rheinmetall bis 2028 einen „signifikanten“ neuen Auftragseingang braucht, um die Konsensschätzungen beim Umsatz überhaupt zu erreichen – der prall gefüllte Backlog allein reicht nicht. Ein Muster, das sich heute durch mehrere Sektoren zieht, die als geopolitisch krisensicher gelten: Rüstung, Rückversicherung, Energieinfrastruktur, Gold. Überall dieselbe Frage – trägt die Substanz wirklich, oder verkauft sich hier nur eine gute Geschichte?

Rheinmetall: Wenn der Rekordbestand nicht mehr reicht

Der Fall liegt auf dem Tisch: Um die Wachstumsprognosen der nächsten Jahre zu untermauern, muss Rheinmetall in den kommenden Quartalen kräftig neue Order einsammeln – der bestehende Auftragsberg von 80,5 Milliarden Euro deckt die Ambitionen für 2028 nicht ab. Das Analystenlager lässt sich davon bislang wenig beeindrucken: 18 von ihnen empfehlen die Aktie weiterhin zum Kauf, das mittlere Kursziel liegt bei 1.679,38 Euro. Die Börse selbst ist skeptischer. Die Aktie gab zuletzt spürbar nach und notiert bei rund 1.177 Euro, nachdem sie zeitweise über 1.220 Euro gestanden hatte – auf Monatssicht bleibt trotzdem ein Plus von etwa 19 Prozent, auf Jahressicht aber ein Minus von rund einem Viertel. Die geopolitische Kulisse liefert derweil reichlich Nachfrage-Logik, aber keine belastbaren Order: Die Emirate stoppten jeglichen Handel mit Iran, Teheran soll Vergeltungsschläge gegen US-Ziele in Bulgarien und Zypern prüfen, und in der ukrainischen Stadt Cherson starben bei einem Drohnenangriff auf einen Bus vier Menschen. Das alles begründet, warum Rüstungsaktien strukturell gefragt bleiben – es ersetzt aber keinen einzigen unterschriebenen Vertrag. Wer in den Titel investiert ist, sollte deshalb weniger auf die nächste Krisenmeldung schauen als auf die nächste Auftragsmeldung. Nur die schließt die Lücke, vor der die Analysten warnen.

Munich Re: Der Rückversicherer kauft sich Wachstum, das er selbst nicht schnell genug aufbauen könnte

Während bei Rheinmetall die Substanzfrage über fehlende neue Aufträge läuft, beantwortet Munich Re sie auf ihre Weise – durch Zukauf. Der Konzern übernimmt das US-Insurtech At-Bay für 575 Millionen Dollar Unternehmenswert und sichert sich damit einen auf kleine und mittlere Unternehmen spezialisierten Cyber-Versicherer, der 2025 auf 278 Millionen Dollar Bruttobeitragseinnahmen kam und 280 Mitarbeiter in den USA und Israel beschäftigt. Der Abschluss ist für das erste Quartal 2027 terminiert. Die Aktie reagierte mit leichten Abgaben – ein für einen Konzern dieser Größenordnung überschaubarer Dämpfer. Bemerkenswerter ist die strategische Logik dahinter: Statt darauf zu warten, dass organisches Wachstum das margenstarke Cyber-Segment erschließt, kauft sich Munich Re direkt Marktanteile und Kundenbasis in einem Bereich, den die wachsende digitale Bedrohungslage strukturell wachsen lässt. Für Anleger ist das ein Signal, wie traditionelle Versicherer derzeit über Tempo statt Geduld entscheiden.

Siemens Energy: Die Zahlen sind besser als der Kurs es zeigt

Auch bei Siemens Energy klafft eine Lücke – allerdings zwischen Bilanz und Kursverlauf, nicht zwischen Auftragsbuch und Prognose. Im dritten Quartal 2026 stieg der Gewinn je Aktie auf 1,28 Euro, nach 0,71 Euro im Vorjahresquartal, bei einem Umsatz von 11,45 Milliarden Euro – ein Plus von 17,47 Prozent. Das durchschnittliche Analysten-Kursziel liegt bei 196,30 Euro, die Aktie selbst notiert aktuell bei rund 153,62 Euro, deutlich unter dem Konsensziel und auch spürbar unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro. Auf Jahressicht steht dennoch ein Plus von 64 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn von 28 Prozent. Die operative Substanz – kräftiges Umsatzwachstum, deutlich verbesserter Gewinn – widerspricht damit einem Kurs, der zuletzt unter der allgemeinen Risikoaversion bei Tech- und Halbleiterwerten gelitten hat, ohne dass ein Unternehmensgrund dahintersteckt. Für Anleger mit langem Atem bleibt die fundamentale Story intakt; die kurzfristige Kursbewegung spiegelt derzeit eher Sentiment als Zahlen.

Anleihen und Gold: Wenn die Zinssorge zum Kaufargument wird

Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr warnte zuletzt vor einer globalen Staatsschuldenkrise – und die Rendite-Landschaft gibt ihm Argumente. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren mit 3,27 Prozent so hoch wie zuletzt im Mai 2011, dreißigjährige US-Staatsanleihen kletterten auf 5,321 Prozent, ein Niveau, das seit 2007 nicht mehr erreicht wurde. Die US-Bruttoauslandsschuld liegt bei 200 Prozent der Wirtschaftsleistung. Genau in diesem Umfeld gewinnt Gold an Bedeutung: Der Preis legte zuletzt um 2,7 Prozent zu und steht binnen zwölf Monaten rund 36 Prozent höher – auch wenn er von seinem 52-Wochen-Hoch bei 5.586 Dollar noch ein gutes Stück entfernt bleibt. Für Anleger, die sich gegen wachsende Unsicherheit an den Anleihemärkten wappnen wollen, bleibt das Edelmetall damit ein naheliegender Depot-Baustein – nicht, weil es besonders billig wäre, sondern weil die Alternativen gerade teurer werden.

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Gasspeicher: Die stille Flanke vor dem Winter

Ein Substanz-Thema, das direkt auf die europäische Industrie durchschlägt: Die deutschen Gasspeicher sind mit 50,06 Prozent Füllstand deutlich niedriger gefüllt als vor einem Jahr, als es noch 67 Prozent waren. EU-weit liegt der Stand bei 61,37 Prozent gegenüber 74 Prozent im Vorjahr. Der Terminkontrakt TTF stieg auf 64,60 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Mitte März. Das Wirtschaftsministerium appelliert bereits an Händler, während die gesetzliche Füllvorgabe von 80 Prozent zum 1. November unangenehm näher rückt. Für Anleger in Energie- und Versorgerwerten ist das ein Frühindikator mit zwei Gesichtern: Steigende Gaspreise vor dem Winter belasten die Margen energieintensiver Industrie, während Versorger mit eigenen Speicherkapazitäten von genau dieser Preisentwicklung profitieren könnten.

Unterm Strich

Der rote Faden des Tages ist unbequem: Vier Sektoren, die gemeinhin als Krisengewinner gelten – Rüstung, Rückversicherung, Energieinfrastruktur, Gold –, zeigen bei genauem Hinsehen jeweils eine eigene Bruchstelle. Bei Rheinmetall ist es die fehlende Anschlussorder, bei Siemens Energy die Kluft zwischen Bilanz und Kurs, bei den Gasspeichern der Rückstand zum Vorjahr. Munich Re und der Goldpreis zeigen dagegen, wie Kapital auf diese Unsicherheit reagiert – durch gezielten Zukauf im einen Fall, durch Absicherung im anderen. Wer in den kommenden Wochen auf „sichere“ Sektoren setzt, sollte genau das im Blick behalten: neue Großaufträge bei Rheinmetall, die Kursreaktion bei Siemens Energy auf die eigentlich starken Zahlen, und ob die Anleiherenditen ihren Anstieg fortsetzen. Dort, nicht in der Schlagzeile über geopolitische Risiken, entscheidet sich, ob Substanz tatsächlich Stabilität ins Depot bringt.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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