Elevance verdient an der Kostendisziplin, Fresenius bekommt sie verordnet

Elevance und Thermo Fisher erhöhen ihre Jahresziele; eine geplante US-Erstattungsreform belastet Fresenius Medical Care.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Elevance hebt Jahresziel je Aktie an
  • Thermo Fisher steigert Umsatz und Marge
  • FMC-Aktie unter Druck durch Reformplan
  • Northrop meldet Rekord beim Auftragsbestand

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

die Berichtssaison im Gesundheitssektor liefert heute die klarste Lehrstunde in Kostendisziplin. Elevance Health und Thermo Fisher schlagen die Erwartungen deutlich, und beide heben die Jahresprognose an.

Zugleich zeigt Fresenius Medical Care im DAX, dass dieselbe Disziplin auch von außen erzwungen werden kann, wenn die US-Politik an den Erstattungen dreht. Für Anleger stellt sich damit die Frage, welche Margen selbst erarbeitet sind und welche nur geliehen.

Elevance, Thermo Fisher, FMC: Wer die Marge selbst schreibt

Drei Gesundheitswerte, drei sehr verschiedene Qualitäten von Gewinn.

Elevance Health meldet für das dritte Quartal ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von 6,99 Dollar, der Konsens lag bei rund 4,70 Dollar. Allerdings stecken darin rund 1,85 Dollar aus nicht-operativen Effekten. Operativ entscheidend ist die Schadenquote: Der Anteil der Prämien, der für Behandlungen abfließt, sank auf 90,6 Prozent, erwartet waren 91,2 Prozent.

Der Krankenversicherer hebt die Jahresprognose auf ein bereinigtes Ergebnis von mindestens 29 Dollar je Aktie an, zuvor waren es mindestens 27 Dollar. Für 2027 verspricht Elevance ein bereinigtes Gewinnwachstum von mindestens 12 Prozent, allerdings ab einer bereinigten Basis von 26,75 Dollar, also unterhalb der diesjährigen Prognose.

Die Mitgliederzahl ging binnen eines Jahres um 487.000 auf 44,9 Millionen zurück. Elevance wächst also nicht durch Volumen, sondern durch Auswahl und Kostenkontrolle, und genau das belohnt die Wall Street: Die Aktie notierte vorbörslich mit 448 Dollar über ihrem bisherigen 52-Wochen-Hoch.

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Wie unterschiedlich die Gewinnqualität selbst innerhalb einer Branche ausfallen kann, zeigt der Gesundheitssektor heute eindrucksvoll – umso wichtiger ist der Blick auf Themen mit strukturellem Rückenwind. Analyst Mike Rückert stellt in seinem kostenlosen PDF-Sonderreport fünf Aktien aus Bereichen wie Energie, Gesundheit und Hightech vor, die 2026 zu den großen Börsengewinnern zählen könnten. Sonderreport mit den fünf Aktien herunterladen

Thermo Fisher Scientific steigert das bereinigte Ergebnis je Aktie um 15 Prozent auf 6,68 Dollar (berichtet nach GAAP: 4,64 Dollar). Der Umsatz legt um 9 Prozent auf 12,14 Milliarden Dollar zu, organisch um 6 Prozent. Die bereinigte operative Marge verbessert sich auf 24,5 Prozent.

Hier lohnt der Blick ins Kleingedruckte: Von den 28 Cent Überraschung stammen rund 15 Cent aus Zollrückerstattungen, also gut die Hälfte. Die Diagnostiksparte schrumpfte um 6,5 Prozent. Die Jahresprognose steigt auf ein bereinigtes Ergebnis von 25,13 bis 25,43 Dollar je Aktie, für 2026 sind rund 4 Milliarden Dollar Aktienrückkäufe geplant.

Die Thermo-Fisher-Aktie startete schwach, notiert aktuell aber leicht im Plus bei knapp 696 Dollar, nahe dem 52-Wochen-Hoch vom 15. Oktober. Nach 25 Prozent Kursgewinn seit Jahresbeginn ist die Latte hoch, und ein Beat, der zur Hälfte aus Zollrückzahlungen besteht, rechtfertigt keine neue Bewertungsstufe.

Fresenius Medical Care zeigt die Kehrseite. Das US-Gesundheitsministerium plant mit dem „Kidney Care National Plan“ eine Reform der Nierenbehandlungen, die FMC-Aktie war am Mittag DAX-Schlusslicht und liegt am Nachmittag knapp 2 Prozent im Minus.

Für den Dialyseanbieter ist das US-Geschäft der Ergebnismotor, und jede Änderung der Erstattungslogik trifft direkt die Marge. Die Reform ist noch ein Plan, aber der Markt preist bereits ein, dass Kostendisziplin hier nicht Wahl, sondern Vorgabe wird.

Northrop und RTX: Rekordbestände, aber der Hebel heißt Marge

Die Rüstungsbranche liefert heute das Gegenstück aus der Auftragsseite. Northrop Grumman übertrifft mit einem bereinigten Ergebnis von 7,89 Dollar je Aktie den Konsens von 7,18 Dollar, obwohl der Umsatz von 11,12 Milliarden Dollar die Erwartung knapp verfehlte.

Der Auftragsbestand erreicht mit 109,6 Milliarden Dollar einen Rekord. Die Jahresprognose steigt auf ein bereinigtes Ergebnis von 29,35 bis 29,75 Dollar, zuvor 28,60 bis 29,10 Dollar. Für 2027 stellt Northrop ein Umsatzplus von 5 bis 7 Prozent und ein Wachstum des bereinigten freien Mittelzuflusses von 16 Prozent in Aussicht.

Baird stuft von Neutral auf Outperform hoch und hebt das Kursziel von 550 auf 675 Dollar. Guggenheim erhöht auf 640 Dollar (Kaufen), RBC auf 550 Dollar (Sector Perform). Die Northrop-Aktie notiert bei rund 540 Dollar und damit gut ein Prozent fester, nur knapp drei Wochen nach dem 52-Wochen-Tief vom 2. Oktober.

RTX meldet einen Rekord-Auftragsbestand von 340 Milliarden Dollar, davon 164 Milliarden aus dem Rüstungsgeschäft. Bei RTX stieg der Umsatz um 11 Prozent auf 25 Milliarden Dollar, das bereinigte Ergebnis je Aktie um 33 Prozent auf 2,26 Dollar, die Jahresprognose wurde auf 7,65 bis 7,75 Dollar angehoben. Der US-Haushalt für 2027 sieht 1,5 Billionen Dollar für Verteidigung vor.

Für deutsche Depots bleibt Renk der handelbare Anschluss. Jefferies bestätigt Kaufen mit Kursziel 60 Euro bei einem Kurs um 38 Euro. Jefferies erwartet für das Gesamtjahr ein bereinigtes EBIT am oberen Ende der Zielspanne von 255 bis 285 Millionen Euro.

Renk legt seine Zahlen am 5. November vor. Die Lehre aus Northrop ist, dass die Gewinnprognose steigt, obwohl der Umsatz nicht liefert; der Hebel liegt in der Marge, und genau diesen Hebel honoriert der Markt derzeit höher als reines Volumen.

Super Micro: Margenerholung auf Zuruf

Super Micro Computer sorgt für die Tagesüberraschung im KI-Hardwaregeschäft. Super Micro hebt die vorläufige Umsatzprognose für das erste Geschäftsquartal auf 18,5 bis 19,5 Milliarden Dollar an. Zuvor waren es 14,5 bis 15,5 Milliarden, der Konsens lag bei rund 15 Milliarden.

Die Bruttomarge soll 12 bis 12,5 Prozent erreichen statt 10,4 bis 10,8 Prozent. Der Auftragsbestand liegt bei über 60 Milliarden Dollar von mehr als 20 Kunden. Die Zahlen sind vorläufig und ungeprüft, die vollständigen Ergebnisse folgen am 3. November.

Die Analysten bleiben gespalten. Rosenblatt hebt das Kursziel von 51 auf 57 Dollar (Kaufen). Citi bleibt bei Neutral mit 45 Dollar und warnt vor Margen- und Working-Capital-Risiken. Bank of America hält an Underperform fest. Die Super-Micro-Aktie sprang um 13 Prozent über die Marke von 36 Dollar. Auf Zwölfmonatssicht bleibt dennoch ein Minus von 33 Prozent.

Dell und HPE zogen vorbörslich um 7 beziehungsweise knapp 5 Prozent mit. Nvidia stellt parallel in Berlin einen fertig verkabelten KI-Container mit sieben Vera-Rubin-Racks vor, der per Lkw angeliefert wird. Wer in Super Micro einsteigt, kauft eine Margenerholung auf Zuruf; der Belastungstest kommt in zwei Wochen mit den geprüften Zahlen.

Netflix: Sparen, wenn das Wachstum ausgeht

Netflix zeigt, wie Kostendisziplin aussieht, wenn das Wachstum ausgeht. Der Umsatz stieg im dritten Quartal um 12 Prozent auf 12,87 Milliarden Dollar, das schwächste Plus seit fast drei Jahren. Das berichtete Ergebnis von 0,87 Dollar je Aktie lag über den erwarteten 0,82 Dollar, die operative Marge erreichte 34,6 Prozent.

Der Ausblick enttäuscht: Für das vierte Quartal erwartet Netflix 13,44 Milliarden Dollar Umsatz, unter dem Konsens, und eine operative Marge von 26 Prozent. Das Werbeumsatzziel für 2026 sinkt auf rund 2,7 Milliarden Dollar, zuvor 3 Milliarden.

Netflix streicht 6 Prozent der Stellen, tauscht Content-Chefin Bela Bajaria gegen den Ex-Disney-Manager Peter Rice aus und kauft trotzdem für 4,8 Milliarden Dollar Aktien zurück. Needham stuft von Kaufen auf Halten ab, Bank of America senkt das Ziel auf 90 Dollar, Morgan Stanley auf 77 Dollar, Guggenheim auf 78 Dollar.

Die Netflix-Aktie liegt aktuell bei rund 67 Dollar und 2,7 Prozent im Minus, zeitweise rutschte sie unter das bisherige 52-Wochen-Tief. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von gut 18 ist Netflix günstiger als vor Jahresfrist, aber ein Streamer, der Hits und Werbeprodukte gleichzeitig nachliefern muss, verdient noch keinen Bewertungsaufschlag.

Grand City greift nach LEG: Wohnungsaktien wieder als Übernahmeziel

Im deutschen Mittelbau bewegt eine Beteiligung mehr als jede Quartalszahl. Grand City Properties stockt seinen Anteil am Konkurrenten LEG Immobilien auf gut 20 Prozent auf. Die Grand-City-Aktie notiert 4,4 Prozent fester, LEG lag am Mittag über 4 Prozent im Plus, Großaktionär Aroundtown profitiert mit. Das Signal lautet, dass Wohnungsaktien nach dem Kursverfall des Jahres wieder als Übernahmeziel taugen.

Jenoptik springt im MDAX um über 10 Prozent, nachdem die operative Margenprognose für 2026 auf 22 Prozent angehoben wurde, zuvor 20 bis 21 Prozent. Münchener Rück notiert bei 551 Euro und damit über den frisch angehobenen Zielen von RBC (530 Euro, Neutral) und Jefferies (550 Euro, Halten).

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Unterm Strich

Heute Abend folgen SAP, Meta und IBM mit Quartalszahlen. Für SAP erwartet der Konsens 1,81 Euro je Aktie bei 10,11 Milliarden Euro Umsatz. Bei Meta preist der Optionsmarkt eine Kursbewegung von rund 10 Prozent ein.

Die Bundesbank stellt nach einem stagnierenden Sommer eine Erholung im Schlussquartal in Aussicht, doch Großhandelspreise von plus 8,7 Prozent und Brent über 100 Dollar füllen die Inflationspipeline. Wer heute die Beats feiert, sollte morgen prüfen, wie viel davon aus Zöllen, Sondereffekten und Stellenabbau stammt.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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