Erneuerbare Energien: Verbio hebt Prognose, ABO Wind kämpft ums Überleben

Siemens Energy startet Milliarden-Rückkauf, ABO Wind droht im Juli die Zahlungsunfähigkeit. Verbio überzeugt mit Gewinnsprung.

Dr. Robert Sasse ·
Siemens Energy Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Siemens Energy kauft eigene Aktien zurück
  • ABO Wind vor existenzbedrohender Finanzlücke
  • Verbio hebt Jahresprognose erneut an
  • Vulcan Energy sichert Milliarden-Finanzierung

Zwei Gewinnwarnungen nach oben bei Verbio, ein milliardenschweres Rückkaufprogramm bei Siemens Energy — und eine Projektentwicklerin, der Ende Juli das Geld ausgehen könnte. Die Grünstrom-Branche zeigt sich im Juni 2026 so zerrissen wie selten zuvor. Fünf Aktien, fünf grundverschiedene Realitäten.

Siemens Energy: Milliarden-Buyback nach Rekordquartal

Die Dynamik bei Siemens Energy bleibt beeindruckend — zumindest operativ. Rekordaufträge von 17,7 Milliarden Euro im zweiten Quartal, ein Nettoergebnis von 835 Millionen Euro und eine erneut angehobene Jahresprognose: Das Unternehmen erwartet nun rund vier Milliarden Euro Nettogewinn im Geschäftsjahr 2026.

Den frischen Zahlen folgte ein konkretes Signal an die Aktionäre. Seit dem 4. Juni läuft ein Aktienrückkaufprogramm über bis zu eine Milliarde Euro, das bis Ende September abgeschlossen sein soll. Die Erlöse fließen teils in aktienbasierte Vergütungsprogramme, teils in die Einziehung der Papiere.

Am Kurs geht der operative Schwung allerdings gerade vorbei. Bei 156,46 Euro notiert die Aktie rund 20 Prozent unter ihrem Jahreshoch und hat auf Monatssicht gut zwölf Prozent eingebüßt. Der RSI von 38 deutet auf eine technisch überverkaufte Situation hin.

Jefferies-Analyst Lucas Ferhani hob sein Kursziel zuletzt deutlich auf 215 Euro an — begründet mit der beschleunigten Auftragsdynamik im Netzinfrastruktur-Geschäft und der wachsenden Rolle von Siemens Energy bei europäischen und US-amerikanischen Energiewende-Projekten. Der Analystenkonsens liegt bei rund 195 Euro, die Spanne reicht bis 250 Euro.

ABO Wind: Wettlauf gegen die Juli-Frist

Ein schärferer Kontrast ist kaum denkbar. ABO Wind (operativ unter dem Namen ABO Energy) hat den Verlust der Hälfte ihres Grundkapitals gemeldet und muss eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen. Der Termin steht: 9. Juli 2026. Bis Ende Juli braucht das Unternehmen eine tragfähige Restrukturierungsfinanzierung — sonst drohen weitreichende Konsequenzen.

Ein erster Entwurf des Restrukturierungsgutachtens bescheinigt dem Unternehmen grundsätzliche Sanierungsfähigkeit. Die Voraussetzung: eine funktionierende Anschlussfinanzierung mit Banken und Partnern. Chief Restructuring Officer Britta Hübner bezeichnete den Bericht als „Meilenstein auf dem Weg zur Restrukturierung“.

Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild. Für das Geschäftsjahr 2025 rechnet das Management mit einem Nettoverlust von rund 170 Millionen Euro. Stark gefallene Einspeisevergütungen bei überzeichneten Windkraft-Auktionen und Abschreibungen von 35 Millionen Euro belasten. Auch 2026 wird kein positives Konzernergebnis erwartet — eine Rückkehr zur EBITDA-Profitabilität peilt ABO Wind frühestens 2027 an.

Am Aktienmarkt spiegelt sich die Lage schmerzhaft wider. Die Aktie schloss gestern bei 5,61 Euro und hat seit Jahresbeginn mehr als 84 Prozent an Wert verloren. First Berlin Equity Research hat sein Rating bereits ausgesetzt.

Ein kleiner Lichtblick: In Külsheim begannen im Juni die Erdarbeiten für ein Repowering-Projekt. Drei moderne Turbinen sollen die Leistung auf rund 21,6 Megawatt vervielfachen. Inbetriebnahme: Sommer 2027 — sofern die Finanzierung steht.

Vulcan Energy: 2,2 Milliarden gesichert, Kurs trotzdem unter Druck

Vulcan Energy hat im Mai die wohl wichtigste Hürde vor dem Produktionsstart genommen: den Financial Close über ein Finanzierungspaket von 2,2 Milliarden Euro für das Lionheart-Projekt im Oberrheingraben. Das integrierte Lithium- und Geothermie-Vorhaben soll jährlich 24.000 Tonnen Lithiumhydroxidmonohydrat liefern, dazu 275 GWh Strom und 560 GWh Wärme — über eine Projektlaufzeit von 30 Jahren.

Der Markt zeigt sich davon unbeeindruckt. Die Aktie fiel in der vergangenen Woche um gut 16 Prozent auf 2,11 Euro und liegt damit fast 47 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Die Botschaft ist klar: Ankündigungen allein genügen nicht. Investoren wollen konkrete Baufortschritte und erste Produktionstonnagen sehen.

Strukturell spricht einiges für Vulcan. Nur etwa ein Prozent der globalen Lithiumproduktion stammt aus Europa. Der Industrial Accelerator Act der EU, der ab 2027 vorschreibt, dass Batterie-Komponenten für Elektrofahrzeuge in Europa gefertigt werden, verschärft die Versorgungslücke zusätzlich. Gleichzeitig haben sich die Spodumenpreise deutlich von ihren Tiefständen erholt und handeln bei rund 2.565 US-Dollar je Tonne — ein Signal, dass der Markt seine früheren Überkapazitäts-Annahmen revidiert.

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Der Analystenkonsens bleibt optimistisch: Das durchschnittliche Kursziel liegt bei umgerechnet rund 7,90 AUD, das höchste bei 10,75 AUD. Drei Analysten stufen die Aktie mit „Strong Buy“ ein. Die Kluft zwischen Bewertung und Kurs ist enorm — und sie wird sich erst schließen, wenn der nächste Meilenstein auf der Baustelle erreicht ist, nicht im Konferenzraum.

Energiekontor: Stille Stärke mit Dividende

Energiekontor macht keine Schlagzeilen. In der aktuellen Umgebung ist genau das ein Qualitätsmerkmal. Das Unternehmen hat zum dritten Mal in Folge die EMAS-Zertifizierung für sein Umweltmanagementsystem bestanden und im Juni eine Dividende von 1,00 Euro je Aktie ausgeschüttet.

Die Geschäftszahlen für 2025 untermauern den stillen Aufstieg:

  • Umsatz: 173,5 Millionen Euro (+37 % gegenüber Vorjahr)
  • Nettoergebnis: 41,0 Millionen Euro (+82 %)
  • Gewinnmarge: 24 Prozent (Vorjahr: 18 %)
  • Ergebnis je Aktie: 2,94 Euro (Vorjahr: 1,62 Euro)

Das eigene Portfolio umfasst 39 Wind- und Solarparks mit einer Gesamtleistung von rund 450 Megawatt. Für 2026 erwarten Analysten ein weiteres kräftiges Wachstum — der Umsatzkonsens liegt bei 232,8 Millionen Euro, das EPS-Ziel bei 3,02 Euro.

Die Aktie notiert bei 43,15 Euro, rund 18 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von gut 14 Prozent zu Buche — solide, aber gemessen an der operativen Dynamik eher zurückhaltend. DZ Bank und Warburg Research bestätigten zuletzt ihre Kaufempfehlungen. Die Bewertungslücke zwischen Fundamentaldaten und Kurs könnte eine der am meisten unterschätzten Chancen in dieser Gruppe sein.

Verbio: Doppelte Prognoseanhebung als Turnaround-Beweis

Verbio liefert die überzeugendste Erholungsgeschichte unter den fünf Titeln. Im Mai hob der Vorstand die EBITDA-Prognose für das Geschäftsjahr 2025/26 zum zweiten Mal an — auf nun 160 bis 180 Millionen Euro, nach zuvor 100 bis 140 Millionen Euro. Starke Ethanolmargen und die Erholung am Markt für Treibhausgasminderungsquoten treiben die Dynamik.

Das dritte Quartal 2025/26 illustriert den Umschwung eindrucksvoll: 60,2 Millionen Euro EBITDA, ein Anstieg um 52 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahresquartal. Saisonal hohe Nachfrage nach THG-Quoten und gestiegene Biomethan-Absatzmengen sorgten für den Schub.

Die Aktie hat seit ihrem Tief bei 9,79 Euro im Juni 2025 eine bemerkenswerte Rally hingelegt — auf nun 37,50 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von knapp 68,5 Prozent. In der vergangenen Woche gab der Kurs allerdings rund acht Prozent nach; eine Konsolidierung nach dem steilen Anstieg.

Auf der Investitionsseite fließen Mittel gezielt in höherwertige Anwendungen. 47,8 Millionen Euro Capex konzentrierten sich auf die Spezialchemie-Einheiten in Bitterfeld und das Werk in South Bend. Die Ethanolyse-Anlage in Bitterfeld liegt im Plan — erste erneuerbare chemische Moleküle sollen in der zweiten Jahreshälfte 2026 produziert werden.

Deutsche Bank erhöhte das Kursziel auf 42 Euro, der Analystenkonsens liegt bei 47,50 Euro mit einer Spanne bis 57 Euro. Die Bewertung signalisiert weiteres Aufholpotenzial — vorausgesetzt, die Margen stabilisieren sich auf dem aktuellen Niveau.

Grünstrom-Sektor im Zwei-Geschwindigkeiten-Modus

Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Technologien, sondern zwischen Bilanzen. Siemens Energy und Verbio liefern operative Ergebnisse, die den Kurs stützen — auch wenn beide Aktien kurzfristig korrigieren. Energiekontor wächst profitabel, wird vom Markt aber noch nicht entsprechend honoriert.

Vulcan Energy steht vor einer anderen Herausforderung: Die Finanzierung steht, die strukturelle Nachfrage wächst, aber ohne erste Produktionstonnagen bleibt die Aktie eine Wette auf die Zukunft. ABO Wind hingegen kämpft um die Existenz. Eine 34-Gigawatt-Pipeline klingt beeindruckend — bleibt ohne Finanzierung aber vor allem ein Bilanzproblem.

Drei Termine werden die Richtung im Sommer vorgeben. Ende Juli fällt bei ABO Wind die Entscheidung über die Restrukturierungsfinanzierung — ein binäres Ereignis. Am 30. Juni endet Verbios Geschäftsjahr; die Jahreszahlen werden zeigen, ob die doppelt angehobene Prognose hält. Und für Siemens Energy bringt die Q3-Berichterstattung im August den nächsten Härtetest: Lässt sich der Rekordauftragseingang auch in Margenexpansion bei der Windtochter Gamesa übersetzen?

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Siemens Energy Aktie

156,46 EUR

+ 0,76 EUR +0,49 %
KGV 61,95
Sektor Industrieunternehmen
Div.-Rendite 0,44 %
Marktkapitalisierung 133,89 Mrd. EUR
ISIN: DE000ENER6Y0 WKN: ENER6Y

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