Das produzierende Gewerbe in Europa beendet das Jahr 2025 mit einem durchwachsenen Bild: Während Frankreichs Fabriken überraschend aufblühen, versinkt Deutschlands Industrie tiefer im Abschwung. Die unterschiedlichen Entwicklungen in den Eurozone-Staaten werfen die Frage auf, ob die Region 2026 Tritt fassen kann – oder ob strukturelle Probleme die Erholung weiter verzögern.
Frankreichs unerwarteter Lichtblick
Frankreichs Fertigungssektor liefert zum Jahresende 2025 eine überraschende Wendung. Der HCOB France Manufacturing PMI kletterte im Dezember auf 50,7 Punkte – der stärkste Wert seit dreieinhalb Jahren. Nach drei Monaten rückläufiger Geschäftsbedingungen markiert dies eine bemerkenswerte Trendwende. Besonders beeindruckend: Die Exportaufträge stiegen so schnell wie seit fast vier Jahren nicht mehr, mit Zuwächsen aus Ost- und Südeuropa, Nordamerika sowie Teilen Afrikas.
Die positive Dynamik spiegelt sich auch am Arbeitsmarkt wider. Französische Hersteller schufen Stellen im schnellsten Tempo seit August 2024 – bereits zum siebten Mal in acht Monaten entstanden mehr Fabrikjobs als verloren gingen. Die Produktionsvolumen stabilisierten sich nach dem scharfen Rückgang im November nahezu. Dennoch mahnen Analysten zur Vorsicht: Die Stimmung unter den Produzenten bleibt durch anhaltende politische Unsicherheit im Land gedämpft.
„2025 schließt mit einer überraschend positiven Note“, kommentiert Jonas Feldhusen, Junior-Ökonom bei der Hamburg Commercial Bank. Er verweist auf Potenzial durch Großaufträge in Verteidigung und Luft- und Raumfahrt, warnt jedoch: „Persistente politische Instabilität und die daraus resultierende Unsicherheit bei Unternehmen und Haushalten bleiben zentrale Gegenwind-Faktoren.“
Deutschlands Rückfall belastet Eurozone
Deutschlands Industrie dagegen liefert enttäuschende Zahlen. Der HCOB Germany Manufacturing PMI fiel im Dezember auf 47,0 Punkte – ein Zehn-Monats-Tief und der erste Produktionsrückgang seit zehn Monaten. Die Neuaufträge sanken zum dritten Mal in vier Monaten, und zwar im schnellsten Tempo seit Januar 2025. Besonders alarmierend: Die Exportverkäufe brachen den fünften Monat in Folge ein, mit der stärksten Abschwächung seit Dezember 2024.
„Die Fertigung hatte früher in 2025 Anzeichen einer Erholung gezeigt, aber der Abschwung hat sich im Dezember erneut vertieft“, erklärt Cyrus de la Rubia, Chefökonom der Hamburg Commercial Bank. „Der scharfe Rückgang bei Exportaufträgen deutet auf einen sehr schwachen Start in 2026 hin.“
Deutsche Produzenten reagierten mit Personalabbau im schärfsten Tempo seit sechs Monaten und reduzierten Einkaufsaktivitäten sowie Lagerbestände. Die Lieferketten gerieten unter Druck, mit den längsten Lieferzeiten seit September 2022. Nach fast drei Jahren fallender Kosten stiegen zudem die Inputpreise wieder – ein zusätzlicher Belastungsfaktor.
Gesamtbild der Eurozone verschlechtert sich
Die divergierenden Entwicklungen prägen das Gesamtbild: Der HCOB Eurozone Manufacturing PMI rutschte im Dezember auf 48,8 Punkte – der niedrigste Stand seit neun Monaten. Die Produktion schrumpfte erstmals seit Februar, während neue Aufträge im schnellsten Tempo seit fast einem Jahr zurückgingen.
Neben Deutschland glitten auch Italien und Spanien zurück in den Kontraktionsbereich. Die Nachfrage nach Produkten aus der Eurozone schwächte sich erneut ab, mit sinkenden Auftragsbeständen und fortgesetztem Lagerabbau. Lieferkettenprobleme tauchten erneut auf, was die Inputkosten auf ein 16-Monats-Hoch trieb. Dennoch senkten Fabriken ihre Verkaufspreise zum siebten Mal in acht Monaten, um die schwache Nachfrage anzukurbern.
„Unternehmen scheinen weder fähig noch willens, Schwung für das kommende Jahr aufzubauen, sondern üben Zurückhaltung – Gift für die Wirtschaft“, warnt de la Rubia. Die Betriebe reduzierten Personal den 31. Monat in Folge.
Griechenland und Türkei zeigen Resilienz
Abseits der großen Volkswirtschaften bieten periphere Märkte differentierte Signale. Griechenlands Fertigungssektor verbesserte sich im Dezember solide, mit einem PMI-Anstieg auf 52,9 Punkte. Treiber waren schneller wachsende Neuaufträge und leicht gestiegene Exportverkäufe aus Europa. Allerdings bremsten Lieferkettenprobleme durch Streiks und Proteste das Outputwachstum auf ein Drei-Monats-Tief.
Die Inputkosteninflation beschleunigte auf den schnellsten Stand seit neun Monaten, teilweise durch Materialmangel bedingt. Griechische Hersteller erhöhten ihre Verkaufspreise schneller als im November, wobei die Rate dennoch zu den langsamsten in 2025 gehörte. Die Beschäftigung wuchs weiterhin kräftig, wenn auch etwas langsamer als im Vormonat. Die Geschäftserwartungen verbesserten sich auf ein Sieben-Monats-Hoch.
Auch die Türkei näherte sich der Stabilisierung. Der Istanbul Chamber of Industry Türkiye Manufacturing PMI stieg auf 48,9 Punkte – der zweite monatliche Zuwachs in Folge und die geringste Verlangsamung seit zwölf Monaten. Neuaufträge gingen nur minimal zurück, die Produktion schrumpfte im langsamsten Tempo seit einem Jahr. Einige Firmen berichteten von verbesserter Kundennachfrage.
„Mit dem PMI auf dem höchsten Stand seit einem Jahr nimmt der Fertigungssektor etwas Schwung mit ins Jahr 2026″, sagt Andrew Harker, Economics Director bei S&P Global Market Intelligence.
Divergierende Perspektiven für 2026
Die unterschiedlichen Entwicklungen werfen Fragen über Europas industrielle Zukunft auf. Während Frankreich von Verteidigungsaufträgen und Exportstärke profitieren könnte, kämpft Deutschland mit strukturellen Herausforderungen und schwacher Auslandsnachfrage. Die Eurozone insgesamt bleibt anfällig für externe Schocks.
Trotz aktueller Schwäche verbesserte sich die Herstellerzuversicht über die Aussichten für 2026 auf den höchsten Stand seit Februar 2022 – unmittelbar vor Russlands Ukraine-Invasion. Unternehmen setzen auf neue Produkte, erhöhte Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben sowie potenzielle Nachfrageschübe.
„Expansive Fiskalpolitik könnte helfen“, betont de la Rubia. Ob dies ausreicht, um die strukturellen Probleme zu überwinden, bleibt offen. Die ersten Monate 2026 werden zeigen, ob Europas Industrie die Wende schafft – oder ob die Spaltung zwischen starken und schwachen Volkswirtschaften weiter vertieft wird.
