Eurosatory-Woche elektrisiert die Rüstungsbranche — von Renk bis Red Cat
Die Waffenmesse in Paris zeigt neue Technologien, während Renk, OHB und Red Cat mit Kursverlusten und Verwässerungsängsten kämpfen.

Kurz zusammengefasst
- Renk präsentiert autonomes Panzerkonzept
- OHB plant Kapitalerhöhung über 500 Millionen
- Red Cat zeigt Hellcat-Drohne in Paris
- Lockheed kooperiert mit GM Defense
Autonome Panzer, Kampfdrohnen mit NATO-Siegel und eine halbe Milliarde Euro frisches Kapital: Die Pariser Waffenmesse Eurosatory 2026 liefert den Rüstungswerten diese Woche Schlagzeilen am Fließband. Während die Auftragsbücher der Branche aus allen Nähten platzen, zeigen die Kurse ein gespaltenes Bild. Innovation und Verwässerungsängste liegen dicht beieinander.
Renk: Autonomer Panzer feiert Premiere — Kurs bleibt unter Druck
Gemeinsam mit dem finnischen Partner Patria hat Renk auf der Eurosatory ein schweres unbemanntes Bodenfahrzeug (UGV) vorgestellt. Das TRACKX-Konzept kombiniert Patrias Plattform mit Renks HSWL-076-Drive-by-Wire-Getriebe. 15,5 Tonnen schwer, bis zu 80 km/h schnell und 500 Kilometer Reichweite — die Eckdaten lesen sich beeindruckend. Die Serienproduktion ist für 2027 geplant.
CEO Alexander Sagel betonte, dass digitale und skalierbare Fahrzeugarchitekturen die Zukunft der Landkriegsführung bestimmen werden. Die europäische Kooperation soll unbemannte Fähigkeiten schneller zur Serienreife bringen.
Operativ strotzt Renk vor Stärke. Allein im ersten Quartal 2026 lag der Auftragseingang bei 582,3 Millionen Euro — das deckt bereits über 90 Prozent des Jahresumsatzziels von mehr als 1,5 Milliarden Euro ab. Die Hauptversammlung genehmigte einen Beherrschungsvertrag, einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden und eine Dividendenerhöhung um 38 Prozent.
An der Börse spiegelt sich diese Dynamik allerdings nicht wider. Mit aktuell 47,13 Euro notiert die Aktie rund 47 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn hat der Kurs knapp 15 Prozent verloren. Gerüchte über ein mögliches Rahmenabkommen im Iran-Konflikt sowie Spekulationen über Budgetkürzungen beim deutsch-französischen Kampfpanzerprojekt MGCS belasten die Stimmung.
Die Analysten bleiben trotzdem optimistisch. Warburg Research bestätigte das Kaufvotum mit einem Kursziel von 63 Euro, Berenberg sieht 72 Euro als fair, Deutsche Bank sogar 73 Euro. Der Konsens von 14 Analysten liegt bei durchschnittlich 66,71 Euro — ein erheblicher Abstand zum aktuellen Kurs.
OHB SE: Halbe Milliarde für den Sprung zum Europäischen Space-Prime
Der Bremer Satellitenbauer wagt einen großen Schritt. Eine voll vermarktete Kapitalerhöhung über rund 500 Millionen Euro soll das Wachstum in Europas Weltraum- und Verteidigungsprogrammen finanzieren. Die Erlöse fließen in Übernahmen, Raketentechnik und die Industrialisierung von Produktionsanlagen. Zugleich steigt der Streubesitz, weil die Gründerfamilie Fuchs und der KKR-nahe Investor Orchid Lux ihre Bezugsrechte abtreten. KKR reduziert seinen Anteil leicht, bleibt aber mit rund 29 Prozent weiterhin stark engagiert.
Strategisch untermauern gleich zwei Joint Ventures den Kurs: KIRK mit Helsing für weltraumgestützte Aufklärungs- und Verteidigungssysteme sowie OHB Rheinmetall Space Networks für das Bundeswehr-Programm SATCOMBw Stufe 4. Das Ziel: ein Gesamtleistungsvolumen von über vier Milliarden Euro bei einer bereinigten EBITDA-Marge von rund 13 Prozent mittelfristig.
Die Quartalszahlen stützen die Ambition. Der Q1-Umsatz 2026 kletterte um 15 Prozent im Jahresvergleich auf 200,8 Millionen Euro. Der Auftragsbestand erreichte mit etwa 3,4 Milliarden Euro ein Rekordniveau.
Der Markt reagierte gespalten. Am Tag der Ankündigung stürzte die Aktie ab — heute liegt OHB bei 393,50 Euro, ein Tagesverlust von gut 9 Prozent. Die Verwässerungsangst überlagert kurzfristig die operative Stärke. Seit Jahresbeginn steht allerdings immer noch ein Plus von knapp 224 Prozent. Bei einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von über 152 Prozent ist OHB derzeit nichts für schwache Nerven.
Red Cat: Hellcat-Drohne begeistert Eurosatory — Insiderverkäufe trüben die Euphorie
Das US-Drohnenunternehmen nutzte die Eurosatory für den Erstflug der Hellcat, eines neuen kleinen unbemannten Flugsystems. GPS-freier Betrieb, verschlüsselte Kommunikation, geringe Sichtbarkeit und Feldreparierbarkeit — die Hellcat ist für harte Einsatzumgebungen konzipiert und bietet über 50 Minuten Flugzeit.
Rückenwind kommt aus Washington. Das Pentagon hat sein 1,1 Milliarden Dollar schweres „Drone Dominance Program“ aufgelegt, und Red Cat ist als Finalist in einem zentralen Drohnenprogramm gelistet. Zusätzlich setzt Safe Pro bis Ende 2026 auf Red Cats Black-Widow-Drohnen für sein Bedrohungsanalyse-Kit der U.S. Army. Die Einheit Blue Ops fährt zudem die Produktion unbemannter Überwasserfahrzeuge (Variant 7) auf volle Rate hoch.
Die Schattenseite: Direktor Paul Funk II verkaufte kürzlich 165.028 Aktien im Wert von knapp 1,9 Millionen Dollar. Und die Fundamentaldaten mahnen zur Vorsicht — bei rund 40,7 Millionen Dollar Umsatz liegt die EBIT-Marge bei minus 123 Prozent, die Nettomarge nahe minus 114 Prozent. Profitabilität liegt noch in weiter Ferne.
Aktuell notiert Red Cat bei 10,09 Euro, ein Tagesplus von knapp 7 Prozent. Seit dem 52-Wochen-Tief hat sich der Kurs verdoppelt. Analysten sind bullisch: H.C. Wainwright vergibt ein Kaufvotum mit Kursziel 20 Dollar, Roth Capital geht mit 25 Dollar noch weiter. Das mittlere Zwölfmonats-Kursziel liegt bei 22 Dollar.
Lockheed Martin: Pakt mit GM Defense soll Produktionskapazität revolutionieren
Der weltgrößte Rüstungskonzern setzt auf einen ungewöhnlichen Partner. Am Montag unterzeichneten Lockheed Martin und GM Defense eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit, vermittelt durch das US-Verteidigungsministerium. Der Kern: Lockheeds Expertise bei Waffensystemen trifft auf General Motors‘ Fähigkeiten in der hochskalierten Industrieproduktion.
Drei Schwerpunkte stehen im Fokus:
- Lieferketten stärken: Engpässe in der Verteidigungslogistik sollen durch kommerzielle Fertigungskompetenz entschärft werden
- Fertigungs- und Designfähigkeiten ausbauen: Technologietransfer zwischen ziviler und militärischer Produktion
- Produktionskapazitäten erweitern: GM-Infrastruktur als Hebel für schnellere Skalierung
Lockheed investiert bis 2030 insgesamt neun Milliarden Dollar in die Modernisierung von 20 Standorten. Die Dringlichkeit erklärt sich durch die explodierende Nachfrage: Die Patriot-PAC-3-MSE-Raketenproduktion soll verdreifacht, die THAAD-Fertigung vervierfacht werden.
COO Frank St. John brachte es auf den Punkt: Amerikas Sicherheit hänge nicht nur von der Entwicklung fortschrittlicher Technologien ab, sondern von der Fähigkeit, sie schnell, zuverlässig und in großem Maßstab zu produzieren.
An der Börse verharrt die Aktie bei 462,90 Euro — nahezu exakt auf dem 200-Tage-Durchschnitt. Die niedrige Volatilität von knapp 22 Prozent signalisiert relative Ruhe. Goldman-Sachs-Analyst Noah Poponak hält allerdings an seiner Verkaufsempfehlung fest und verweist auf höhere vertragliche Risiken sowie flache F-35-Produktionsraten im Aeronautik-Segment. Der Median-Konsens von 31 Analysten liegt bei 665 Dollar mit einer Spanne von 520 bis 770 Dollar. Die Quartalsdividende beträgt 3,45 Dollar je Aktie, zahlbar am 26. Juni.
Leonardo: Italiens Regierung gibt grünes Licht für Baykar-Drohnen-Allianz
Die italienische Regierung hat den Weg freigemacht. Das Joint Venture zwischen Leonardo und dem türkischen Drohnenhersteller Baykar — im März 2025 angekündigt und als 50/50-Partnerschaft strukturiert — darf produzieren. Die neue Gesellschaft LBA Systems wird ihren Sitz in Italien haben und an vier Standorten fertigen, darunter Ronchi dei Legionari. Die Zertifizierung neuer Plattformen ist noch für 2026 angestrebt.
Eine politisch brisante Bedingung begleitet die Genehmigung: Der Verkauf der Drohnen und jede weitere internationale Entwicklung des Joint Ventures beschränkt sich auf Länder, die politisch mit Europa und der NATO verbündet sind. Diese Klausel gibt Baykar erstmals strukturierten Zugang zum EU-Verteidigungsmarkt — im Gegenzug erhält Leonardo kampferprobte UAV-Plattformen.
Ex-CEO Roberto Cingolani hatte die Drohnen als potenzielle Komponente des KI-gestützten Luftverteidigungssystems „Michelangelo Dome“ ins Spiel gebracht. Sein Abgang im Mai 2026 gilt als Risiko für die industrielle Kontinuität, da das visionäre Team hinter der aktuellen Strategie auseinanderbricht.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 2025 stieg der Umsatz um knapp 10 Prozent auf 19,5 Milliarden Euro, der Gewinn legte um 14 Prozent zu. Der Auftragsbestand erreichte mit 57 Milliarden Euro einen historischen Höchststand. Für 2026 werden Neuaufträge im Volumen von rund 25 Milliarden Euro erwartet. Leonardo notiert aktuell bei 52,38 Euro und damit rund 20 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Der Analysten-Konsens von 18 Experten lautet „Kaufen“ mit einem mittleren Kursziel von 68,67 Euro.
Produktionsfähigkeit wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor
Die Eurosatory-Woche verdichtet ein zentrales Thema: Nicht mehr allein die Technologie entscheidet über den Erfolg im Rüstungssektor, sondern die Fähigkeit, sie in Serie zu bringen. Lockheeds GM-Pakt, Renks Patria-Kooperation, OHBs milliardenschwere Kapitalerhöhung und Leonardos LBA-Genehmigung zielen alle auf denselben Engpass — Skalierung.
Die Kluft zwischen operativer Stärke und Kursentwicklung bleibt auffällig, besonders bei Renk und OHB. Rekordaufträge und steigende Umsätze stehen Verwässerungsängsten, geopolitischen Stimmungsschwankungen und Insiderverkäufen gegenüber. Red Cat wiederum kämpft trotz wachsender Pentagon-Unterstützung mit tiefroten Margen.
Ob die Aktienkurse irgendwann den prall gefüllten Auftragsbüchern folgen, bleibt die bestimmende Frage für die zweite Jahreshälfte 2026. Die Branche investiert aggressiv in ihre Zukunft — der Markt verlangt erst noch den Beweis, dass aus Aufträgen auch Gewinne werden.
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