Fed kämpft mit Inflationsdruck

Hartnäckige US-Teuerung und ein schwacher Chicago-PMI erhöhen den Druck auf die Fed, während Kanadas Wirtschaft deutlich stärker wächst.

Felix Baarz ·
S&P 500 Aktie

Kurz zusammengefasst

  • PCE-Inflation bleibt über drei Prozent
  • Chicago-PMI fällt unter die Expansionsschwelle
  • Drei Fed-Regionalchefs votierten gegen Zinspause
  • Kanadas Wirtschaft wächst annualisiert um 3,3 Prozent

Während US-Notenbankchef Kevin Warsh in Jackson Hole vor hartnäckiger Inflation warnt, liefern frische Konjunkturdaten aus Chicago ein beunruhigendes Gegenstück: schwächelt die Wirtschaft, während die Preise weiter steigen? Genau dieses Spannungsfeld aus stagnierendem Wachstum und zäher Teuerung bestimmt derzeit die Debatte an den Finanzmärkten – und zeigt, wie unterschiedlich Notenbanken diesseits und jenseits der Grenze zu Kanada auf ähnliche Herausforderungen reagieren.

Warsh zwischen Inflationssorge und Zinsdruck

Kevin Warsh nutzte seine erste Grundsatzrede als Fed-Chef beim Notenbanker-Symposium in Jackson Hole, um klar Stellung zu beziehen: Die zugrunde liegende Inflationsentwicklung habe sich „nicht wesentlich verbessert“. Der bevorzugte Preisindikator der Fed, der PCE-Index, lag im Juli bei 3,7 Prozent im Jahresvergleich, die Kernrate bei 3,3 Prozent – bereits der achte Monat in Folge über der Drei-Prozent-Marke. Zuletzt notierte die Kennzahl im Februar 2021 unter dem Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank.

„Die Zahlen erzählen alle dieselbe Geschichte: Die Inflation liegt über unserem Zwei-Prozent-Ziel“, so Warsh wörtlich. Bemerkenswert ist dabei sein Kurswechsel im Kommunikationsstil. Anders als seine Vorgänger verzichtet er bewusst auf konkrete Zinssignale und hat stattdessen Arbeitsgruppen eingesetzt, die die gesamte Fed-Praxis überprüfen sollen. „Spielt den Ball, nicht die Fed“, ließ er Kritiker im Kongress wissen, die sich mehr Klarheit über künftige Zinsschritte wünschen.

Diese Zurückhaltung hat ihren Preis. Am Anleihemarkt zeigten sich Investoren zuletzt nervös – die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichte einen 19-Jahres-Hochstand, was das Finanzministerium vergangene Woche zu verstärkten Rückkäufen langlaufender Papiere zwang. Innerhalb des Offenmarktausschusses mehren sich zudem die Risse: Gleich drei Regionalpräsidenten stimmten bei der Juli-Sitzung gegen die Beibehaltung des Leitzinses, und laut Sitzungsprotokoll hält eine Mehrheit der Entscheider Zinserhöhungen für wahrscheinlich, sollte die Inflation nicht sinken. An den Terminmärkten wird die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung im September aktuell auf rund 33 Prozent taxiert.

Schwache Konjunkturdaten verschärfen das Dilemma

Just an dem Tag, an dem Warsh seine Inflationssorgen artikulierte, lieferte der Chicago Purchasing Managers‘ Index einen Dämpfer für die Wachstumsseite der Gleichung. Der Indikator fiel auf 47,1 Punkte – deutlich unter der Expansionsschwelle von 50 und weit entfernt von den erwarteten 57,9 Zählern. Im Vormonat hatte der Wert noch bei 57,6 gelegen. Ein derart abrupter Umschwung von Expansion zu Kontraktion lässt aufhorchen, gilt der Chicago-PMI doch als Frühindikator für den landesweiten ISM-Index der Industrie.

Kombiniert mit den bereits im Juli schwachen Zahlen zu den nichtlandwirtschaftlichen Beschäftigten ergibt sich ein Bild, das Warsh selbst nicht ganz von der Hand weisen wollte: Der Arbeitsmarkt sei „im Einklang mit Vollbeschäftigung“, die Preisseite hingegen „besorgniserregender“. Genau diese Gemengelage aus lahmender Industrie und hartnäckiger Teuerung erinnert an klassische Stagflationsängste – ein Szenario, das der Fed kaum Handlungsspielraum lässt, ohne entweder Wachstum oder Preisstabilität zu opfern.

An der Wall Street schlug sich die Unsicherheit in leicht rückläufigen Future-Kontrakten für S&P 500 und Nasdaq nieder, nachdem Nvidias starke Prognose am Vortag noch eine breite Tech-Rally ausgelöst hatte. Chipwerte wie Micron und Intel gaben nach, Marvell Technology verlor sogar 8,6 Prozent wegen Zweifeln am Zeitpunkt der Umsätze aus seiner KI-Chip-Partnerschaft mit Google. Analysten von StoneX brachten die Erwartungshaltung an Warsh auf den Punkt: Er müsse nicht auf eine Septemberanhebung festlegen, sondern lediglich klarmachen, dass ausbleibende Fortschritte bei der Inflation eine Straffung rechtfertigen würden. Ob ihm das gelingt, bleibt fraglich – zumal drei Fed-Vertreter bereits am Vortag eigene Inflationswarnungen ausgesprochen hatten.

Kanada zeigt sich robuster

Ein ganz anderes Bild liefert der nördliche Nachbar. Kanadas Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal annualisiert um 3,3 Prozent – deutlich mehr als die von der Bank of Canada im Juli prognostizierten 2,5 Prozent und ein kräftiger Sprung nach nahezu sechs Monaten Stillstand. Getragen wurde die Erholung von einem Exportplus von 3,6 Prozent, dem stärksten Zuwachs seit über drei Jahren, sowie einer wiedererstarkten Binnennachfrage. Konsumausgaben der Haushalte legten um 0,8 Prozent zu, Unternehmensinvestitionen sprangen nach vorheriger Kontraktion um 2,3 Prozent.

Die Zahlen fallen just in eine Phase frischer Handelsspannungen: Die USA haben in dieser Woche einen neuen 50-Prozent-Importzoll verhängt, Kanada reagierte mit Gegenmaßnahmen. Dass die Wirtschaft trotzdem robust wächst, verschafft der Bank of Canada Verschnaufpause. Laut einer Reuters-Umfrage unter 35 Ökonomen wird die Notenbank ihren Leitzins am 2. September unverändert bei 2,25 Prozent belassen – und das voraussichtlich für mindestens ein weiteres Jahr. Erst für das vierte Quartal 2027 rechnen Volkswirte mit einer Anhebung auf 2,50 Prozent.

Auch in Kanada liegt die Inflation bereits am oberen Rand der Zielspanne von ein bis drei Prozent, doch die stabile Kernrate signalisiert laut Ökonomen weiterhin schwache Nachfrage. „Sorgen über künftige Inflation werden von Risiken für das Wirtschaftswachstum durch Handelsspannungen in etwa aufgewogen“, erklärte CIBC-Chefvolkswirt Avery Shenfeld die abwartende Haltung der Notenbank.

Ausblick

Die Fed steht damit vor einer deutlich kniffligeren Gemengelage als ihr kanadisches Pendant. Während Ottawa auf robustes Wachstum und eine Notenbank im Beobachtungsmodus verweisen kann, muss Warsh in den kommenden Wochen eine Antwort auf die Frage finden, wie die Fed Preisstabilität „liefern“ will, ohne die ohnehin schon angespannten Anleihemärkte weiter zu verunsichern. Die nächste Gelegenheit dazu bietet die Zinsentscheidung im September – dann dürfte sich zeigen, ob seine bewusste Zurückhaltung bei Forward Guidance Vertrauen schafft oder die Nervosität am Markt weiter befeuert.

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