Fed-Zinswende: Countdown läuft

Vor dem Fed-Treffen am 15. und 16. September verschärfen Inflationsrisiken und steigende Ölpreise die Unsicherheit an den Finanzmärkten.

Felix Baarz ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Warsh-Rede verstärkt Zinserhöhungsängste
  • August-CPI wird zum Schlüsselfaktor
  • Brent steigt auf 96,28 Dollar
  • S&P 500 bleibt unter Rekordhoch

Die US-Notenbank steuert auf eine der spannungsgeladensten Zinsentscheidungen seit Jahren zu. Fed-Chef Kevin Warsh hat mit einer betont hawkishen Rede die Märkte aufgeschreckt – und ausgerechnet jetzt eskaliert im Nahen Osten ein Tankerkrieg, der die Ölpreise treibt und die Inflationsgefahr zusätzlich anheizt. Zwei Krisenherde, ein Termin: der 15. und 16. September.

Der Warsh-Faktor treibt die Zinserwartungen

Citi Research hat aus Warshs Jackson-Hole-Rede einen eigenen Indikator gebastelt, den „Warsh Shadow Rate“. Das Ergebnis: Der Wert nähert sich historischen Höchstständen, wie man sie sonst nur zu Beginn vergangener Zinserhöhungszyklen sieht. Pikant dabei – der Indikator läuft den Renditen zweijähriger US-Staatsanleihen tendenziell voraus. Die Märkte könnten also bereits richtig liegen, wenn sie eine steigende Wahrscheinlichkeit für eine erneute geldpolitische Straffung einpreisen.

Warsh selbst hat in seiner Rede klar Prioritäten gesetzt. Er gewichtet Kerninflation, Geldmenge, Arbeitslosenanträge, Finanzierungsbedingungen und Aktienmarktindikatoren stärker, während er Inflationserwartungen, Löhne und die Schlagzeilen-Beschäftigungszahlen herunterspielt. Genau die Kennzahlen, auf die er pocht, zeigen aktuell überwiegend ein hawkishes Signal – während die von ihm vernachlässigten Indikatoren sich eher abschwächen. Kein Wunder also, dass die Wall Street nervös auf jede neue Datenveröffentlichung reagiert.

CPI-Bericht wird zum Schicksalstag

Die eigentliche Entscheidung fällt am 11. September, wenn die August-Inflationszahlen veröffentlicht werden. Ökonomen rechnen im Schnitt mit einem Anstieg der Gesamt-CPI um 0,4 Prozent im Monatsvergleich, die Kernrate soll um 0,2 Prozent zulegen. Citi hat dafür klare Schwellenwerte definiert: Ein Anstieg der Kern-CPI um 0,3 Prozent oder mehr würde eine Zinserhöhung wahrscheinlicher machen, ein Wert von nur 0,1 Prozent könnte sie hinauszögern. Bei 0,2 Prozent bliebe die Lage unklar – ein Szenario, das die Unsicherheit an den Märkten noch verlängern dürfte.

Die Stimmung schwankt bereits im Wochentakt. Fed-Gouverneur Christopher Waller dämpfte am Donnerstag die Hike-Wahrscheinlichkeit mit dem Hinweis, er tendiere bei nachlassendem Inflationsdruck zu einem Kurshalten. Schon am Freitag drehte das Bild wieder: Überraschend starke Arbeitsmarktdaten mit 162.000 neuen Stellen – fast dreimal so viel wie erwartet – ließen die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung laut Fed-Funds-Futures auf 57 Prozent steigen. Barclays-Ökonomen sprechen von einem Bericht, der die Hike-Argumentation „marginal“ stärkt, richten den Blick aber ebenfalls schon auf die Inflationsdaten der kommenden Woche.

Der S&P 500 spiegelt diese Nervosität wider. Nach einem Rückgang am Freitag beendete der Index die Woche nur mit einem hauchdünnen Plus und liegt rund ein Prozent unter seinem Mitte-August-Rekordhoch. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte zuletzt auf 4,78 Prozent – und nähert sich damit der Marke von 5 Prozent, die Anleger als kritisches Niveau für Aktienbewertungen im Blick haben.

Iran-Konflikt heizt die Ölpreise zusätzlich an

Während die Fed über Inflationsdaten grübelt, sorgt ein zweiter Krisenherd bereits für handfeste Preiseffekte. Der Konflikt zwischen den USA und Iran hat sich am Wochenende dramatisch verschärft. Die iranischen Revolutionsgarden meldeten Angriffe auf ein US-Drohnenboot sowie mehrere Handelsschiffe, nachdem am Samstag bereits ballistische Raketen auf einen US-Flugzeugträger abgefeuert worden waren. Washington reagierte mit Angriffen auf drei iranische Öltanker – zwei wurden dauerhaft außer Gefecht gesetzt, ein dritter sank nach US-Angaben.

Verteidigungsminister Pete Hegseth drohte offen damit, iranische Angriffe künftig mit der Zerstörung von Öltankern zu beantworten – ein Kurs, der die Spannungen in der Straße von Hormus weiter anheizen dürfte. Die Folgen für den Ölmarkt sind bereits spürbar: Brent-Rohöl schloss am Freitag bei 96,28 US-Dollar je Barrel, dem höchsten Stand seit dem 24. Juli. Die Nahost-Rohölexporte lagen im August laut TankerTrackers rund 39 Prozent unter dem Niveau von Januar und Februar, auch wenn sich die Lücke gegenüber dem Tief im Mai leicht verringert hat.

Für die Fed ist das eine unangenehme Gemengelage. Steigende Ölpreise wirken tendenziell inflationstreibend – genau zu einem Zeitpunkt, an dem Warshs hawkishe Rhetorik ohnehin schon für Unruhe sorgt. Auch für US-Finanzminister Scott Bessent wird die Lage komplizierter: Eine restriktivere Fed treibt die Anleiherenditen, insbesondere am zehnjährigen Laufzeitende, während steigende Ölpreise zusätzlich Druck auf das lange Ende der Zinskurve ausüben. Citi warnt, dass es schwieriger werden könnte, die Rendite 30-jähriger Anleihen unter 5,3 Prozent zu halten, sollte die Fed im September tatsächlich die Zinsen anheben.

Wenn Geopolitik auf Zapfsäule trifft

Die Auswirkungen des Tankerkriegs zeigen sich längst nicht mehr nur an den Kapitalmärkten. In Israel erreichten die Benzinpreise am 1. September mit 8,25 Schekel pro Liter – umgerechnet rund 10,41 US-Dollar pro Gallone – einen historischen Höchststand, einer der teuersten weltweit. Finanzminister Bezalel Smotrich reagierte prompt und senkte die Kraftstoffsteuer um 0,5 Schekel pro Liter, um den Preis auf 7,75 Schekel zu drücken. Ein Beispiel dafür, wie direkt sich der Konflikt in der Golfregion auf den Alltag auswirkt, obwohl Israel selbst seit dem April-Waffenstillstand nicht aktiv in die jüngsten Kämpfe involviert ist.

Auch OPEC+ reagiert auf die neue Gemengelage – allerdings mit Zurückhaltung. Das Kartell dürfte seine Förderpolitik für Oktober unverändert lassen, wie Reuters unter Berufung auf mit den Gesprächen vertraute Personen berichtete. Der Grund: Der Krieg verzerrt die Öl-Exporte durch die Straße von Hormus derart stark, dass klassische OPEC-Förderentscheidungen kaum noch Einfluss auf die tatsächlichen Marktpreise haben. Die Gruppe konzentriert sich stattdessen darauf, neue Förderbasislinien für 2027 festzulegen – ein Prozess, der eine Pause bei weiteren Fördererhöhungen im vierten Quartal wahrscheinlich macht.

Ausblick: Zwei Wochen, die alles entscheiden

Bis zum Fed-Meeting am 15. und 16. September bleiben zwei Datenpunkte entscheidend: der Erzeugerpreisindex am Donnerstag und die Verbraucherpreise am Freitag darauf. Citi selbst rechnet trotz aller Warnsignale nicht mit einer Zinserhöhung im September, sofern die Inflationsdaten mild ausfallen. Sollte sich die Kerninflation jedoch nicht wie im Juni und Juli weiter abkühlen, dürfte die Entscheidung denkbar knapp ausfallen – und der ohnehin schon nervöse Häuserkampf zwischen Anleihen, Aktien und Ölpreisen dürfte sich in den kommenden Wochen noch verschärfen. Historisch zeigt sich zudem: Nach einer ersten Zinserhöhung schwächeln Aktien meist rund 50 Handelstage, während Anleihen noch deutlich länger unter Druck bleiben. Für Anleger heißt das: Die Nervosität dürfte auch nach dem CPI-Bericht nicht so schnell verschwinden.

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