Finanzmärkte unter Zinsdruck

Steigende Zinserwartungen und schwache Konjunkturdaten belasten die Märkte. Tech-Aktien fallen, der Dollar steigt, und der Yen erreicht ein 40-Jahres-Tief.

Felix Baarz ·
Qualcomm Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Wahrscheinlichkeit für US-Zinserhöhung steigt
  • Britischer Dienstleistungssektor schrumpft überraschend
  • Yen fällt auf tiefsten Stand seit 1986
  • SpaceX-Aktie verliert massiv an Wert

Steigende Zinsen, schwache Konjunktur und ein Yen auf dem niedrigsten Stand seit 40 Jahren — die globalen Finanzmärkte stehen am 23. Juni unter erheblichem Druck. Die Kulisse ist unruhig: Tech-Aktien rutschen ab, Europas Wirtschaft strauchelt, und die Notenbanken senden klare Warnsignale.

Zinshöher-für-Länger: Die Angst kehrt zurück

Die Zinserwartungen treiben die Märkte. An der Wall Street preisen Terminmärkte inzwischen eine 75-prozentige Wahrscheinlichkeit einer US-Zinserhöhung bis September ein. BofA Global Research und die Deutsche Bank haben ihre bisherigen Prognosen für eine stabile Fed-Politik aufgegeben und erwarten nun einen Zinsschritt noch in diesem Jahr — mit Verweis auf die robuste Wirtschaftslage und hartnäckig hohe Inflation.

Die Folgen sind unmittelbar spürbar. Nasdaq-100-Futures fielen am Dienstag zeitweise um 2,8 %, S&P-500-Futures verloren 1,45 %. Europäische Futures folgten: STOXX-600-Kontrakte gaben 1,1 % nach, DAX-Futures rund 0,7 %. Tech-Aktien, die in den vergangenen Monaten zu den größten Gewinnern gehörten, sind nun besonders verwundbar — je höher die Zinsen, desto teurer werden schuldenfinanzierte Wachstumswetten.

Der Dollar profitiert. Der Dollar-Index notierte nahe einem Jahreshoch bei 101,01. Auch der Euro gab nach und handelte bei rund 1,1423 Dollar in der Nähe eines Dreimonatstiefs.

Europas Wirtschaft sendet Alarmsignale

Mitten in diesen Turbulenzen kommen aus Großbritannien besonders schwache Daten. Der S&P-Global-Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor — das Rückgrat der britischen Wirtschaft — fiel im Juni auf 48,7, den niedrigsten Stand seit Januar 2023. Erwartet hatten Analysten einen Anstieg auf 50,1. Werte unter 50 signalisieren Schrumpfung, und besonders der Einbruch bei Neuaufträgen auf den schwächsten Stand seit Januar 2021 lässt aufhorchen.

Das kommt zu einem politisch brisanten Zeitpunkt. Premierminister Keir Starmer hatte am Vortag seinen Rücktritt angekündigt. Sein wahrscheinlicher Nachfolger Andy Burnham erbt damit nicht nur ein politisch aufgewühltes Land, sondern auch eine Wirtschaft, die laut S&P Global im zweiten Quartal insgesamt stagnieren dürfte, nachdem das Bruttoinlandsprodukt im Mai bereits um 0,1 % schrumpfte.

„Das instabile politische Umfeld hat manche Unternehmen verunsichert, und eine Phase der Ruhe wäre nötig, um das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln“, sagte Chris Williamson, Chefvolkswirt bei S&P Global Market Intelligence.

Auch für die Eurozone warnt EZB-Chefvolkswirt Philip Lane vor anhaltend hoher Inflation. Lane sagte vor dem Wirtschaftsausschuss des Europaparlaments, die Inflation könnte bis weit ins erste Halbjahr 2027 deutlich über dem 2-Prozent-Ziel der EZB verharren — selbst wenn im Nahen Osten Frieden einkehrt. Die EZB hatte den Leitzins in diesem Monat bereits angehoben, um zu verhindern, dass höhere Energiepreise die langfristigen Inflationserwartungen nach oben ziehen.

Ölpreisrückgang: Entlastung mit Grenzen

Ein Lichtblick kommt vom Rohölmarkt. Brent-Rohöl fiel auf rund 77,19 Dollar je Barrel, nachdem Washington eine 60-tägige Lizenz für den Kauf und Import iranischen Öls ausgestellt hatte — ein Zeichen für Fortschritte in den US-Iran-Verhandlungen. Vor einigen Monaten lag Brent noch über 120 Dollar, getrieben von Sorgen um den Suezkanal und die Straße von Hormuz.

Die Entlastung ist real, aber begrenzt. Lane betonte, breitere Kostendruck bleibe relativ hoch — die Preise liegen noch immer rund 10 Dollar über dem Vorkonfliktniveau. S&P Global sieht für Großbritannien zwar eine leichte Entspannung der Preisdynamik, warnt aber ebenfalls vor weiterhin erhöhtem Inflationsdruck.

Yen an der Kippe

Während die westlichen Märkte mit Zinsdruck kämpfen, kämpft Japan mit dem genau entgegengesetzten Problem. Der Yen handelte am Dienstag bei 161,60 je Dollar — knapp unter dem schwächsten Stand seit 1986. Japans Finanzminister und US-Finanzminister Scott Bessent hielten eine Videokonferenz ab, um die Lage zu besprechen, Stichwort: Interventionsrisiko.

Marktbeobachter halten einen Eingriff für wahrscheinlich. „Wir glauben, dass die Behörden intervenieren und die Linie zumindest vorübergehend halten werden“, schrieb Tony Sycamore von IG — ohne dauerhafte Wirkung allerdings. In Südkorea fiel der KOSPI-Index indes um mehr als 6 %, nachdem Finanzminister Koo Yun-cheol den Won-Kurs als „übertrieben“ bezeichnet hatte.

SpaceX und der KI-Rausch: Bewertungen unter Druck

Die Bewertungsfrage beschäftigt auch den Tech-Sektor. SpaceX-Aktien verloren am Montag 16,4 % und gaben am Dienstag weitere 2,9 % nach. Von ihrem Hochpunkt bei über 225 Dollar ist kaum mehr als die Nähe zum IPO-Eröffnungskurs von 150 Dollar geblieben. Der Kurseinbruch vernichtete rund 400 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung. KeyBanc hatte zuvor die Bewertung als zunehmend überdehnt bezeichnet.

Gleichzeitig zeigt die Branche, dass der KI-Hunger ungebrochen ist. Qualcomm verhandelt Berichten zufolge über den Kauf des KI-Chip-Startups Modular für rund 4 Milliarden Dollar — mehr als das Doppelte der Bewertung aus einer Finanzierungsrunde vor weniger als einem Jahr. Das Muster ist bekannt: Etablierte Konzerne sichern sich KI-Assets, auch wenn die Bewertungen Schwindel erregend erscheinen.

Ausblick: Zwischen Zinsen, Geopolitik und Strukturwandel

Die Märkte bewegen sich in einem komplizierten Geflecht aus geldpolitischem Druck, geopolitischer Entspannung und strukturellem Wandel. Sinkende Ölpreise könnten die Inflation bremsen — doch sowohl die EZB als auch die Fed signalisieren, dass das Kapitel der Zinserhöhungen noch nicht abgeschlossen ist.

Für Anleger bleibt die entscheidende Frage, ob die aktuelle Schwäche bei Tech-Titeln und die konjunkturelle Abkühlung in Europa eine vorübergehende Delle darstellen oder den Beginn einer tieferen Neubewertung. Die Antwort dürfte von der Entwicklung im Nahen Osten, den nächsten Notenbankentscheidungen — und nicht zuletzt von der Ruhe oder Unruhe an Londons politischer Front — abhängen.

Anzeige

Qualcomm-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Qualcomm-Analyse vom 23. Juni liefert die Antwort:

Die neusten Qualcomm-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Qualcomm-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 23. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

Qualcomm: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...

Ähnliche Artikel

Walt Disney Aktie: Toy Story 5 trifft auf Gegenwind

Walt Disney Aktie: Toy Story 5 trifft auf Gegenwind

Dow Jones ·
BMW Aktie: Bernstein kappte Ziel auf 85 Euro

BMW Aktie: Bernstein kappte Ziel auf 85 Euro

Auto & E-Mobilität ·
Eutelsat Aktie: Millionen-Vertrag mit AST Networks

Eutelsat Aktie: Millionen-Vertrag mit AST Networks

Raumfahrt ·
Hochtief Aktie: Seit Montag im DAX

Hochtief Aktie: Seit Montag im DAX

Industrie ·
Kontron Aktie: Riegert und Billek investieren je 1,5 Millionen

Kontron Aktie: Riegert und Billek investieren je 1,5 Millionen

Insiderhandel ·