Geopolitik trifft Wirtschaft: Wenn alte Konflikte neue Märkte prägen
Liebe Leserinnen und Leser,
während Europa noch immer mit der eigenen Verkehrswende hadert – Stichwort Berliner Autobahn-Chaos – verschieben sich global die tektonischen Platten der Geopolitik. Von Nahost über Indien bis China: Die Welt ordnet sich neu, und das hat konkrete wirtschaftliche Konsequenzen, die auch uns in Deutschland betreffen werden.
Annexion als Antwort: Israels gefährliches Spiel
Israel erwägt die Annexion von Teilen des Westjordanlands. Was nach einer regionalen Machtdemonstration klingt, könnte globale Wirtschaftsschockwellen auslösen.
Premier Netanyahu’s Sicherheitskabinett tagt heute zu diesem brisanten Thema. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Frankreich, Großbritannien und weitere westliche Staaten planen für September die offizielle Anerkennung Palästinas bei der UN-Vollversammlung. Israels mögliche Reaktion? Ein präventiver Schlag durch territoriale Fakten.
Die wirtschaftlichen Implikationen sind erheblich. Schon jetzt steht Israel international unter Druck wegen des Gaza-Kriegs. Eine Annexion würde nicht nur zu verschärften Sanktionen führen, sondern könnte auch die Abraham Accords – jene historischen Wirtschaftsabkommen mit den Golfstaaten – gefährden. Für europäische Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen in die Region bedeutet das: erhöhte Compliance-Risiken und möglicherweise schmerzhafte Entscheidungen zwischen Märkten.
Besonders pikant: Die Position der Trump-Administration bleibt unklar. Während Trump in seiner ersten Amtszeit die Annexionspläne noch gegen Normalisierungsabkommen eintauschte, schweigt Washington diesmal. Für deutsche Exporteure, die sowohl in Israel als auch in arabischen Märkten aktiv sind, wird die Navigation durch diese geopolitischen Untiefen zur Herausforderung.
Modi bei Xi: Wenn Erzrivalen Händchen halten
In Tianjin treffen sich heute zwei Männer, deren Länder sich noch vor wenigen Jahren im Himalaya prügelten: Indiens Premier Modi und Chinas Präsident Xi. Was sie zusammenführt? Donald Trumps Strafzölle.
Washington hat Indien mit 50-prozentigen Zöllen belegt – die Strafe für den Kauf russischen Öls. Die Botschaft aus Delhi und Peking ist eindeutig: Der Westen kann uns mal. Beide Giganten rücken zusammen, und das verändert die globalen Handelsströme fundamental.
Für deutsche Unternehmen ist das eine zweischneidige Entwicklung. Einerseits öffnen sich neue Märkte: China hebt Exportbeschränkungen für Seltene Erden und Düngemittel nach Indien auf, Direktflüge werden wieder aufgenommen. Das bedeutet effizientere Lieferketten und neue Geschäftsmöglichkeiten in einem wachsenden indo-chinesischen Wirtschaftsraum.
Andererseits droht Europa zwischen die Fronten zu geraten. Wenn sich die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt gegen westliche Wirtschaftssanktionen verbünden, entstehen parallele Handelsstrukturen. Der Yuan-Rupie-Handel könnte den Dollar umgehen, alternative Zahlungssysteme könnten SWIFT Konkurrenz machen.
Modi’s Aussage, die Beziehungen sollten „nicht durch die Linse eines Drittlandes“ gesehen werden, ist eine kaum verhüllte Spitze gegen Washington. Für uns in Europa stellt sich die Frage: Wie positionieren wir uns in dieser neuen multipolaren Wirtschaftswelt?
Chaos auf der A100: Deutschlands Verkehrswende im Stau
Zurück nach Berlin, wo die Verkehrswende gerade spektakulär gegen die Wand fährt – oder besser: im Tunnel stecken bleibt. Der für 720 Millionen Euro gebaute neue Abschnitt der A100 musste bereits am zweiten Tag nach Eröffnung gesperrt werden. Der Grund: zu viel Verkehr.
Das mag wie eine Lokalposse klingen, ist aber symptomatisch für Deutschlands Infrastruktur-Dilemma. Wir pumpen Milliarden in Straßen, während andere Metropolen Autobahnen abreißen. Seoul, San Francisco, selbst Paris – überall werden urbane Highways in Parks verwandelt. Berlin baut neue.
Verkehrsforscher Andreas Knie bringt es auf den Punkt: Die Autobahn „saugt den Verkehr förmlich an“ und schafft Probleme, die es vorher nicht gab. Die Lösung der Behörden? Eine Ampel an der Ausfahrt, die den Verkehrsfluss drosselt.
Für die deutsche Wirtschaft ist das ein Warnsignal. Während China in Hochgeschwindigkeitszüge und E-Mobilität investiert, während selbst die USA mit dem Infrastructure Bill massiv in moderne Verkehrskonzepte investieren, verstopfen wir unsere Städte mit neuen Autobahnen. Die Produktivitätsverluste durch Staus kosten die deutsche Wirtschaft bereits heute Milliarden. Mit jedem neuen Autobahnkilometer zementieren wir unseren Rückstand in der Mobilitätswende.
Krieg und Frieden: Die Ökonomie der Eskalation
Die Nachrichten aus der Ukraine und dem Nahen Osten lesen sich wie ein Drehbuch für den nächsten Weltkrieg. Doch hinter den Schlagzeilen verbirgt sich eine ökonomische Realität, die Anleger nervös macht.
Israel eliminiert systematisch die Führung seiner Gegner – vom Hamas-Sprecher Abu Obeida bis zum Huthi-Ministerpräsidenten im Jemen. Die Präzision dieser Operationen demonstriert technologische Überlegenheit, aber auch: Der Konflikt ist längst regional. Vom Libanon über Gaza bis zum Jemen – der Nahe Osten brennt.
In der Ukraine intensivieren beide Seiten ihre Angriffe. Russland zielt auf kritische Infrastruktur, die Ukraine plant „tiefe Schläge“ in russisches Territorium. Die Folgen spüren wir an den Energiemärkten. Jeder Angriff auf eine Pipeline, jede Drohung gegen Raffinerien treibt die Preise.
Aber es gibt auch andere Signale. In Kolumbien arbeiten ehemalige FARC-Rebellen und Ex-Soldaten gemeinsam daran, die Leichen des Bürgerkriegs zu exhumieren. In Australien demonstrieren Tausende gegen Immigration – und Gegendemonstranten für Toleranz. Die Welt ist nicht nur schwarz-weiß.
Bürgergeld-Nullrunde: Der deutsche Sozialstaat am Scheideweg
Zum Schluss ein Blick auf die heimische Sozialpolitik, wo Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) die zweite Nullrunde beim Bürgergeld verkündet. 563 Euro bleiben 563 Euro. Gleichzeitig kündigt sie härtere Sanktionen an: Wer Termine schwänzt, dem wird „deutlich mehr gestrichen“.
Kanzler Merz wird noch deutlicher: „Wir leben seit Jahren über unsere Verhältnisse.“ Die Botschaft ist klar: Der Sozialstaat soll schrumpfen. Doch die Realität ist komplexer. Fast jeder dritte Euro des BIP fließt in Sozialausgaben – nicht weil wir zu großzügig sind, sondern weil die Gesellschaft altert und die Gesundheitskosten explodieren.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob wir uns den Sozialstaat leisten können, sondern wie wir ihn finanzieren. Während Merz bei den Schwächsten kürzen will, bleiben Vermögenssteuern tabu. Während das Bürgergeld eingefroren wird, steigen die Mieten weiter. Das ist keine Wirtschaftspolitik, das ist Klassenkampf von oben.
Was die Woche bringt
Der September startet turbulent. Am Montag nimmt die Regierungskommission zur Sozialstaatsreform ihre Arbeit auf – erwarten Sie kontroverse Vorschläge. Die EZB-Sitzung am Donnerstag könnte die lang erwartete Zinssenkung bringen, während aus den USA die neuesten Arbeitsmarktdaten die Fed-Politik beeinflussen werden.
Besonders spannend: Die UN-Vollversammlung wirft ihre Schatten voraus. Die Anerkennung Palästinas durch weitere Staaten könnte eine Kettenreaktion auslösen. Und vergessen Sie nicht die Kommunalwahlen in NRW am 14. September – sie gelten als Stimmungstest für die Bundesregierung.
Die Welt ordnet sich neu, das spüren wir von Berlin bis Peking. Die Frage ist nicht, ob sich etwas ändert, sondern wie schnell wir uns anpassen. In der Geopolitik wie in der Wirtschaft gilt: Wer zu spät kommt, den bestraft nicht nur das Leben, sondern auch der Markt.
Einen nachdenklichen Start in die neue Woche wünscht Ihnen
Ihr Eduard Altmann
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P.S.: Während ich diese Zeilen schreibe, bereitet sich Israel möglicherweise auf die Annexion vor, verhandeln Modi und Xi über eine neue Weltordnung, und irgendwo in Berlin steht wieder alles im Stau. Manchmal frage ich mich: Lernen wir eigentlich noch aus der Geschichte, oder sind wir dazu verdammt, sie in Endlosschleife zu wiederholen? Die kommenden Wochen werden zeigen, in welche Richtung das Pendel ausschlägt.