Gerresheimer Aktie: Existenzkrise eskaliert

Der Verpackungsspezialist Gerresheimer befindet sich im technischen Kreditverzug, verkauft Unternehmenswerte und steht unter verschärfter BaFin-Prüfung. Die Zukunft hängt von den Gläubigern ab.

Eduard Altmann ·
Gerresheimer Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Ausschluss aus dem SDAX und technischer Kreditverzug
  • Verkauf der US-Sparte Centor zur Liquiditätsbeschaffung
  • BaFin weitet Ermittlungen zu Bilanzverstößen massiv aus
  • Fehlende testierte Bilanzen blockieren Übernahmeszenarien

Der Rauswurf aus dem SDAX am heutigen Freitag markiert für Gerresheimer nur die sichtbare Spitze einer tiefen Unternehmenskrise. Wegen fehlender testierter Bilanzen befindet sich der Verpackungsspezialist im technischen Kreditverzug und muss nun hastig Unternehmensteile zu Geld machen. Während die BaFin ihre Untersuchungen wegen mutmaßlicher Bilanzverstöße massiv ausweitet, liegt die unmittelbare Zukunft des Konzerns in den Händen der Gläubiger.

Radikale Einschnitte zur Rettung

Die fehlenden Jahresabschlüsse haben den gesamten Berichtsrhythmus lahmgelegt. Weder der Bericht zum ersten Quartal noch die Hauptversammlung können wie geplant stattfinden. Diese Verletzung der vertraglichen Reporting-Pflichten bringt das Unternehmen in einen technischen Verzug. Das Management verhandelt derzeit intensiv mit den Banken über Fristverlängerungen, um eine Kündigung der lebenswichtigen Kreditlinien abzuwenden.

Um schnell an frische Liquidität zu gelangen, zieht der Vorstand die Notbremse. Die US-Medikamentenverpackungssparte Centor, die zuletzt mit 292 Millionen Euro in den Büchern stand, steht zum Verkauf. Parallel schließt der Konzern bis Ende 2026 sein Werk in Chicago Heights. Der drastische Kursverlust der vergangenen zwölf Monate von über 68 Prozent auf aktuell 17,17 Euro spiegelt die schwindende Zuversicht der Anleger wider.

BaFin weitet Bilanzprüfung aus

Ursprung der Misere sind systematische Verstöße gegen Rechnungslegungsstandards, insbesondere durch unzulässige „Bill-and-Hold“-Vereinbarungen. Gerresheimer verbuchte Umsätze, bevor die Ware an Kunden ausgeliefert wurde. Neben den bereits bekannten Korrekturen von 35 Millionen Euro beim Umsatz und geplanten Wertberichtigungen von bis zu 240 Millionen Euro, greift die Finanzaufsicht nun härter durch.

Im Fokus der BaFin stehen konkret folgende Unstimmigkeiten:
* Falsch ausgewiesene Leasingverbindlichkeiten in Höhe von 65,5 Millionen Euro
* Fehlerhaft angegebene Nutzungsdauern bei aktivierten Entwicklungskosten (29,4 Millionen Euro)
* Nicht erfasste Wertminderungen im Segment Advanced Technologies (196,5 Millionen Euro)

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Die Affäre zieht weite Kreise in die Wirtschaftsprüferbranche. Die Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS ermittelt mittlerweile gegen KPMG. Die Prüfer hatten den Jahresabschluss 2024 trotz der fehlerhaften Buchungen uneingeschränkt testiert.

Blockierte Übernahmefantasie

Auf dem stark gedrückten Kursniveau positionieren sich erste institutionelle Investoren neu. Deka Investment und der CastleKnight Master Fund meldeten kürzlich Einstiegspositionen. Auch Übernahmegerüchte durch den US-Konzern Silgan Holdings kursieren im Markt. Allerdings blockiert das Fehlen testierter Bilanzen derzeit jegliche konkreten Übernahmeszenarien durch externe Interessenten.

Der nächste konkrete Termin für Gerresheimer fällt auf Juni 2026, wenn der verschobene Jahresabschluss vorliegen soll. Bis dahin agiert der Markt ohne verlässliche Bewertungsgrundlage. Die kurzfristige Existenzsicherung und die damit verbundene Kursentwicklung hängen nun primär davon ab, ob die Banken den beantragten Fristverlängerungen zustimmen und die Kreditlinien aufrechterhalten.

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Gerresheimer Aktie

27,20 EUR

– 0,70 EUR -2,51 %
KGV 40,35
Sektor Gesundheitswesen
Div.-Rendite 0,15 %
Marktkapitalisierung 947,78 Mio. EUR
ISIN: DE000A0LD6E6 WKN: A0LD6E

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