Gerresheimer: APAS-Verfahren gegen KPMG wegen Bilanzfehler

Prüferaufsicht leitet Verfahren gegen KPMG ein, während BaFin und DSW die Vorwürfe gegen den Medizintechnikkonzern weiter verfolgen.

Dr. Robert Sasse ·
Gerresheimer Aktie

Kurz zusammengefasst

  • APAS ermittelt gegen KPMG
  • BaFin prüft Bilanzierungsfehler
  • DSW erwägt Klagen gegen Ex-Vorstände
  • Centor-Verkauf als strategischer Schritt

Ein Bilanzskandal, drei Fronten. Bei Gerresheimer weitet sich die juristische Aufarbeitung aus — und das Unternehmen muss parallel einen operativen Umbau stemmen, während der Jahresabschluss noch immer fehlt.

KPMG im Visier der Prüferaufsicht

Die Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS hat ein berufsrechtliches Verfahren gegen KPMG eingeleitet. Der Vorwurf: Die Prüfer hätten den Jahresabschluss 2024 trotz systematischer IFRS-Fehler bei der Umsatzrealisierung uneingeschränkt testiert. Besonders heikel ist der Zeitpunkt — KPMG hatte erst 2024 Deloitte abgelöst und beglaubigte unmittelbar danach einen fehlerbehafteten Abschluss.

Im Kern des Skandals stehen sogenannte Bill-and-Hold-Vereinbarungen: Gerresheimer stellte Kunden Waren in Rechnung, lieferte sie jedoch erst später aus — und buchte die Umsätze entgegen den IFRS-Vorschriften zu früh. Eine unabhängige Anwaltskanzlei bestätigte die systematischen Verstöße. Sie belasten 35 Millionen Euro Umsatz und 24 Millionen Euro bereinigtes EBITDA.

Die BaFin leitete am 6. März 2026 eine eigene Prüfung des Konzernzwischenabschlusses ein. Im Fokus stehen möglicherweise falsch ausgewiesene Leasingverbindlichkeiten mit einem Buchwert von 65,5 Millionen Euro, fehlerhafte Angaben zu aktivierten Entwicklungskosten mit 29,4 Millionen Euro sowie nicht erfasste Wertminderungen im Segment Advanced Technologies — dort stehen 196,5 Millionen Euro auf dem Spiel.

DSW prüft Klagen gegen Ex-Vorstand

Der Aktionärsschutzverband DSW erhöht den Druck auf die frühere Führungsebene. Mithilfe eines Gutachtens prüft er Schadensersatzansprüche gegen Ex-Vorstandschef Dietmar Siemssen und Ex-Finanzvorstand Bernd Metzner — sowie gegen den Aufsichtsrat und dessen Prüfungsausschuss. DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler machte deutlich: Je klarer sich die Ansprüche herausschälten, desto wahrscheinlicher werde das Engagement eines Prozessfinanzierers. Ferner stehen Bewertungsfragen rund um Geschäftswerte von rund 676 Millionen Euro im Raum.

Centor-Verkauf als operativer Ausweg

Während die Aufarbeitung läuft, treibt das Management den Umbau voran. Der Bieterprozess für die US-Tochter Centor Inc. — Ende 2024 mit 292 Millionen Euro bilanziert — läuft mit einer zweistelligen Anzahl von Interessenten, begleitet von Morgan Stanley. Gerresheimer rechnet noch in diesem Jahr mit dem Vollzug. Parallel schließt das Unternehmen bis Ende 2026 die Glasfabrik in Chicago Heights und verlagert die Produktion nach Italien und Indien.

An den operativen Zielen hält das Management fest: Erlöse zwischen 2,3 und 2,4 Milliarden Euro sowie eine bereinigte EBITDA-Marge von 18 bis 19 Prozent für 2026.

Jahresabschluss fehlt, Kurs erholt sich

Der testierte Jahresabschluss für 2025 ist erst für Juni 2026 angekündigt — solange fehlt institutionellen Anlegern eine belastbare Grundlage. Die Aktie notiert bei 23,86 Euro, rund 53 Prozent über dem Februar-Tief, liegt aber noch etwa 17 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 28,59 Euro. Auf Jahressicht steht ein Minus von fast 14 Prozent.

Der nächste konkrete Meilenstein ist der Halbjahresbericht, geplant für den 14. Juli 2026. Bis dahin hängt der Kurs vom Fortschritt der BaFin-Prüfung, dem Ausgang der DSW-Gutachten und dem Erfolg des Centor-Verkaufs ab.

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Sektor Gesundheitswesen
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