Globale Inflation: Zentralbanken unter Druck

Trotz Waffenstillstandsabkommen bleibt die Inflation weltweit hoch. Die Fed unter Kevin Warsh steht vor ihrer ersten richtungsweisenden Zinsentscheidung.

Felix Baarz ·
Globale Inflation: Zentralbanken unter Druck

Kurz zusammengefasst

  • Britische Inflation überrascht mit 2,8 Prozent
  • Südkorea meldet Mehr-als-Zwei-Jahres-Hoch
  • Fed-Entscheid unter neuem Chef Warsh
  • G7-Gipfel sucht Alternativen zu China

Der US-Iran-Krieg hat die Weltwirtschaft in eine neue Inflationswelle getrieben. Öl- und Gaspreise schossen hoch, Zentralbanken reagierten mit Zinserhöhungen, und nun sorgt ein Waffenstillstandsdeal für vorsichtigen Optimismus — während die Märkte auf das erste Fed-Statement unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh warten.

Inflation bleibt hartnäckig — trotz Kriegs-Ende in Sicht

Großbritannien meldete am Mittwoch eine Inflationsrate von 2,8 Prozent für Mai — unverändert zum Vormonat, aber überraschend niedriger als die von Ökonomen erwarteten 3,0 Prozent. Kein Zufall, dass das Pfund danach leicht nachgab: Märkte hatten sich auf höhere Zahlen eingestellt. Die britische Notenbank hatte im Januar noch mit einer deutlich niedrigeren Rate gerechnet; die Realität liegt fast einen Prozentpunkt darüber, hauptsächlich wegen Englands starker Abhängigkeit von importiertem Erdgas.

In Südkorea sieht das Bild noch deutlicher aus: Die Inflation stieg im Mai auf 3,1 Prozent — ein Mehr-als-Zwei-Jahres-Hoch. Bank-of-Korea-Gouverneur Shin Hyun-song stellte am Mittwoch klar, man werde „aktiv reagieren, bis die Inflation sicher auf das Zielniveau zusteuert.“ Eine Zinserhöhung schon im Juli gilt als wahrscheinlich. Auch die Bank of Japan zog bereits die Zinsen auf ein 31-Jahres-Hoch an — ein markantes Symbol dafür, wie weit der Konflikt die globale Geldpolitik umgekrempelt hat.

Der gemeinsame Nenner: Öl. Brent-Futures sind zwar inzwischen unter 80 Dollar pro Barrel gefallen, nachdem Details des US-Iran-Abkommens bekannt wurden. Doch der Schaden sitzt tief — in Lieferketten, Energierechnungen und Inflationserwartungen weltweit.

Warsh vor seiner Feuertaufe

Am Abend des 17. Juni trifft die Fed ihre erste Zinsentscheidung unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh. Erwartet wird, dass die Zinsen unverändert bleiben — doch der eigentliche Blick der Märkte gilt dem Statement, den Projektionen und der Pressekonferenz.

Warsh gilt als Skeptiker der „Forward Guidance“, jener Praxis, Märkte mit expliziten Zinsversprechen zu lenken. Von Präsident Trump eingesetzt mit dem klaren Auftrag, die Zinsen zu senken, steht er nun vor einem Dilemma: Die Inflation liegt über dem Ziel, die Beschäftigung ist solide, und der Markt erwartet eigentlich eine Erhöhung. Gibt er keinen Widerspruch, wirkt das hawkish. Gibt er nach, wachsen die Inflationssorgen.

„Warsh wird mit Fragen bombardiert, wie er die Fed in die Richtung steuern will, die er über die Jahre angedeutet hat“, sagte Erik Weisman, Chefvolkswirt bei MFS Investment Management. „Es sind noch frühe Tage. Er muss vielleicht erst einen Konsens schmieden, bevor er klare Signale setzt.“

Der Dollar zeigte sich im Vorfeld leicht schwächer — der DXY-Index fiel auf 99,50. Auch der Yen bleibt ein Sorgenkind: Mit rund 160 Yen pro Dollar bewegt er sich in jenem Bereich, den Händler als Interventionszone der japanischen Behörden betrachten.

G7: Friedensgipfel mit leeren Händen?

Während Zentralbanken handeln, trifft sich die G7 im französischen Evian-les-Bains — und agiert auffällig zurückhaltend. Steigende Inflationsraten, ein Ölpreisschock von 30 Prozent und wachsende Spannungen im globalen Handel: Die Probleme liegen auf dem Tisch, doch eine offene Konfrontation mit Washington bleibt aus.

Das ist kein Zufall. Frankreichs Präsident Macron, der diesjährige G7-Vorsitzende, hat vorsorgliche die Abschlusserklärung abgesagt, um Konflikte zu vermeiden. Stattdessen konzentriert sich der Gipfel auf engere Themen: kritische Rohstoffe, globale wirtschaftliche Ungleichgewichte und KI. IMF-Chefin Kristalina Georgieva zeigte sich nach dem Waffenstillstandsdeal vorsichtig optimistischer — nach Monaten, in denen sie vor einem Absturz auf 2 Prozent Weltwachstum gewarnt hatte.

Besonders im Fokus: die Abhängigkeit vom chinesischen Rohstoffmarkt. Peking hatte 2025 Exportbeschränkungen für Dauermagnete aus seltenen Erden verhängt und damit westliche Lieferketten in Energie, Verteidigung und Technologie in Bedrängnis gebracht. Der G7 sucht nun gemeinsam nach Alternativen — mit Preisgarantien, Subventionen und garantierten Abnahmemengen.

„Das ist natürlich nicht nachhaltig“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit Blick auf Europas Rekordhandelsdefizit gegenüber China von über 360 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Verlierer und Gewinner — auch in Großbritannien

Die Krise trifft nicht alle gleich. Deutschlands Autozulieferer melden eine der düstersten Stimmungen seit Jahren: Laut einer VDA-Umfrage rechnet fast ein Drittel der Unternehmen mit einer weiteren Verschlechterung der Lage. Zwei Drittel verschieben, verlagern oder streichen geplante Investitionen in Deutschland — hauptsächlich nach Asien. Dazu kommt der Strukturdruck des Wandels zur Elektromobilität, der bis zu 225.000 Stellen kosten könnte.

Kurios dagegen: Nordirland meldet seit dem Brexit-Referendum das stärkste Wirtschaftswachstum aller britischen Regionen — ein Plus von 16,5 Prozent zwischen 2015 und 2023, verglichen mit 11 Prozent für Gesamtbritannien. Der Grund liegt in einer Sonderrolle: Durch das Windsor-Abkommen von 2023 hat Nordirland Zugang sowohl zum EU-Binnenmarkt als auch zum britischen Binnenmarkt. Finanzdienstleistungen wuchsen um 50 Prozent, während sie für den Rest des Vereinigten Königreichs um 24 Prozent einbrachen. Die Annäherung an die irische Republik beschleunigt sich — Irlands Anteil am nordirischen Waren- und Dienstleistungshandel stieg von 14 auf 26 Prozent.

Ausblick: Vorsichtiger Optimismus, große Restrisiken

Der Waffenstillstand zwischen USA und Iran soll am Freitag in der Schweiz unterzeichnet werden. Die Wiedereröffnung der Straße von Hormus würde Energiepreise weiter drücken — und Zentralbanken wie der Bank of England etwas Spielraum verschaffen. Die BoE wird am Donnerstag erwartet, die Zinsen bei 3,75 Prozent zu belassen.

Doch Ökonomen warnen: Selbst wenn der Deal hält, werden Handelströme Monate brauchen, um sich zu normalisieren. Die Inflationserwartungen sind bereits verankert, die Lieferketten gestresst. Wie Warsh die Fed durch diese Phase navigiert — und ob die G7 vom Zaungast zur handelnden Kraft wird — bleibt die offene Frage der kommenden Wochen.

Ähnliche Artikel

Geely Aktie: Galaxy TT greift C-Segment an

Geely Aktie: Galaxy TT greift C-Segment an

Auto & E-Mobilität ·
Amphenol Aktie: 70-Prozent-Rally trotz Anleger-Abflüsse

Amphenol Aktie: 70-Prozent-Rally trotz Anleger-Abflüsse

Industrie ·
Kirkstone Metals Aktie: 7.000 Meter Bohrungen bei Gorilla Lake

Kirkstone Metals Aktie: 7.000 Meter Bohrungen bei Gorilla Lake

Rohstoffe ·
D-Wave: 181-Qubit-System für 2028 geplant

D-Wave: 181-Qubit-System für 2028 geplant

KI & Quantencomputing ·
Anavex Aktie: Kellmeyer folgt Missling am 6. Mai

Anavex Aktie: Kellmeyer folgt Missling am 6. Mai

Nasdaq ·