Globaler Anleihencrash bedroht Märkte

Steigende Ölpreise und politische Krisen treiben Anleiherenditen weltweit auf Mehrjahreshochs. Notenbanken stehen vor Zinswende.

Felix Baarz ·
Globaler Anleihencrash bedroht Märkte

Kurz zusammengefasst

  • Anleiherenditen erreichen Höchststände
  • Ölpreis über 111 US-Dollar je Barrel
  • G7 berät über Krisenbewältigung
  • Politisches Chaos in Großbritannien

Der Iran-Krieg hat die Finanzmärkte in einen Ausnahmezustand versetzt. Steigende Ölpreise, ein globaler Anleihen-Ausverkauf und politische Verwerfungen in Großbritannien – die Schockwellen überlagern sich und zwingen Notenbanken wie Regierungen gleichermaßen zum Handeln.

Öl als Brandbeschleuniger

Brent-Rohöl notiert aktuell bei rund 111 US-Dollar je Barrel – mehr als 50 Prozent über dem Niveau von knapp 70 Dollar, das noch vor Kriegsbeginn Ende Februar galt. Hauptgrund ist die de facto geschlossene Straße von Hormus, durch die in normalen Zeiten etwa ein Fünftel des weltweiten Öls fließt. Ein Drohnenangriff auf eine Nuklearanlage in den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie drei von Saudi-Arabien abgefangene Drohnen haben am Wochenende erneut Zweifel an dem fragilen Waffenstillstand zwischen Washington und Teheran genährt.

Trump schrieb auf Social Media, die Uhr ticke für Iran – um kurz darauf anzudeuten, Teheran sei „sterbend darauf, einen Deal zu unterzeichnen.“ Analysten der Deutschen Bank sehen in der bislang anhaltenden Feuerpause dennoch einen Hinweis darauf, dass Washington die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen einer Wiederaufnahme der Bombardierungen scheue – zumal steigende Benzinpreise die Midterm-Wahlen im November belasten dürften.

Anleihen unter Beschuss

Die Folgen des Ölschocks treffen den Anleihenmarkt mit voller Wucht. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg auf 4,631 Prozent – den höchsten Stand seit Februar 2025. Die 30-jährige Laufzeit kletterte auf ein Jahreshoch von 5,159 Prozent. Noch bedeutsamer: Die Märkte preisen inzwischen eine mehr als 50-prozentige Wahrscheinlichkeit ein, dass die US-Notenbank bis Dezember die Zinsen erhöht. Vor dem Krieg hatte die Erwartung noch auf Zinssenkungen gelautet.

Europa bleibt nicht verschont. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erreichte mit 3,193 Prozent den höchsten Stand seit 15 Jahren. Für die Europäische Zentralbank preisen Märkte mittlerweile drei Zinserhöhungen bis Jahresende ein – obwohl vor dem Konflikt noch von einer stabilen Zinspolitik die Rede war. Japan ergänzt das düstere Bild: Die 30-jährige Staatsanleihe sprang auf ein Rekordhoch von 4,200 Prozent, nachdem Tokio ankündigte, zur Abfederung der wirtschaftlichen Kriegsfolgen neue Schulden aufzunehmen.

„Der Ausverkauf am Anleihemarkt ist die dominante Geschichte an den globalen Finanzmärkten“, konstatieren Analysten der ING. Steigende Renditen erhöhen nicht nur Finanzierungskosten für Haushalte und Unternehmen – sie erhöhen auch den Abzinsungssatz für künftige Unternehmensgewinne und drücken so auf Aktienbewertungen. US-Futures lagen am Montag entsprechend im Minus.

G7 sucht gemeinsamen Nenner

Genau diese Gemengelage trieb die G7-Finanzminister nach Paris. Frankreichs Ressortchef Roland Lescure formulierte es nüchtern: „Wir befinden uns nicht mehr in einer Zeit, in der Staatsschulden kein Thema sind.“ Eine offene Marktkorrektur wollte er dennoch nicht ausrufen – „keine Kernschmelze, sondern eine Korrektur“, so sein Wording.

Auf der Agenda stand neben der Inflationsbewältigung auch die strukturelle Frage globaler Ungleichgewichte: China konsumiert zu wenig, die USA zu viel, Europa investiert zu wenig – ein Muster, das Lescure als „klar nicht nachhaltig“ bezeichnete. Zudem sollen kritische Rohstoffe und Seltene Erden koordinierter beschafft werden, um die Abhängigkeit von China zu reduzieren. US-Finanzminister Scott Bessent, frisch von einem Besuch in Peking zurückgekehrt, nannte den Trump-Xi-Gipfel „sehr erfolgreich“ und drängte die G7-Partner, den Sanktionsdruck auf Irans „Kriegsmaschinerie“ zu erhöhen.

Großbritannien: Politisches Beben trifft Anleihen

Besonders dramatisch spielte sich die Gemengelage in Großbritannien ab. Die Rendite zehnjähriger Gilts schoss in der Vorwoche um 26 Basispunkte auf ein 18-Jahres-Hoch von 5,187 Prozent – angetrieben nicht nur von globalen Inflationssorgen, sondern auch von innenpolitischem Chaos rund um Premierminister Keir Starmer.

Knapp 100 Labour-Abgeordnete fordern Starmers Rücktritt nach schwachen Kommunalwahlergebnissen. Gesundheitsminister Wes Streeting trat zurück. Manchester-Oberbürgermeister Andy Burnham gilt als aussichtsreichster Nachfolgekandidat und bewirbt sich offenbar um einen Parlamentssitz, den er für eine formelle Kandidatur benötigt. Starmer selbst ließ über seinen Sprecher ausrichten: „Es wird keinen Zeitplan für einen Abgang geben.“

Der IWF erhöhte zwar seine Wachstumsprognose für Großbritannien 2026 leicht auf 1,0 Prozent – von zuvor 0,8 Prozent. Die Warnung folgte jedoch auf dem Fuß: „Innenpolitische Unsicherheit könnte Konsum- und Investitionsentscheidungen bremsen.“ Finanzministerin Rachel Reeves nutzte die IWF-Einschätzung offensiv, um potenzielle Rivalen zu disziplinieren: Wer die Stabilität jetzt gefährde, treffe Familien und Unternehmen. Am Montag erholten sich Gilts leicht – die Rendite fiel um vier Basispunkte auf 5,14 Prozent.

Brasilien und der globale Gegenwind

Auch aus Brasilien kommen gemischte Signale. Das BIP-Barometer IBC-Br wuchs im ersten Quartal um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal – solide, doch das März-Minus von 0,7 Prozent fiel deutlich schlechter aus als die erwarteten 0,2 Prozent. Alle Sektoren schrumpften, darunter der für Brasilien besonders wichtige Dienstleistungssektor.

Der Volkswirt Rafael Perez von Suno Research sieht darin eine Normalisierung nach starken ersten Monaten des Jahres. Gleichzeitig spürt auch Lateinamerikas größte Volkswirtschaft den Inflationsdruck: Die Jahresinflation beschleunigte sich im April auf 4,39 Prozent, bei einem Notenbankziel von 3,0 Prozent. Der Leitzins liegt nach zwei Senkungsschritten bei 14,50 Prozent – ein Niveau, das den globalen Kontext verdeutlicht: Notenbanken weltweit bewegen sich zwischen Wachstumssorgen und Inflationsbekämpfung, und der Iran-Krieg macht diesen Spagat noch schwieriger.

Ausblick: Keine Entwarnung in Sicht

Ob der globale Anleihenausverkauf abebbt, hängt an wenigen Variablen – einem Rückgang der Ölpreise, einem Durchbruch im Iran-Konflikt oder schlicht dem Eintreffen von Käufern auf dem aktuellen Renditeniveau. Societe Générale warnt vor einem „Slow-Motion-Crash“, der sich nur durch einen dieser Faktoren aufhalten lässt. Für Anleger bleibt die Lage unbequem: Hohe Ölpreise, steigende Anleiherenditen und politische Unsicherheiten in Schlüsselländern bilden ein Dreieck, das Risikoassets weiter unter Druck hält.

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