Gold: Vertrauen ist gestärkt

Der Goldpreis erreicht trotz sinkender Krisenrisiken neue Höhen, da fallende Zinserwartungen die Attraktivität des Edelmetalls steigern. Analysten halten an hohen Kurszielen fest.

Felix Baarz ·
Gold Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Goldpreis steigt über 4.850 US-Dollar je Unze
  • Sinkende Zinserwartungen befeuern die Nachfrage
  • Notenbanken bleiben mit Netto-Käufen aktiv
  • Große Banken sehen weiteres Aufwärtspotenzial

Geopolitische Entspannung bedeutet normalerweise Gegenwind für das Edelmetall. Bei Gold klaffen aktuell jedoch Lehrbuch und Realität auseinander. Der Preis kletterte am Freitag um mehr als ein Prozent auf über 4.850 US-Dollar je Unze, obwohl ein zehntägiger Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon die Lage im Nahen Osten beruhigt. Die entscheidende Handelsroute durch die Straße von Hormuz bleibt für den Schiffsverkehr geöffnet.

Zinsfantasie schlägt Krisenangst

Der Grund für den paradoxen Kursanstieg liegt am Anleihemarkt. Die sinkenden geopolitischen Risiken drücken die Ölpreise und dämpfen damit die Inflationserwartungen. Das öffnet der US-Notenbank Fed die Tür für weitere Zinssenkungen.

Prompt fielen die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen auf 4,23 Prozent. Der Marktkonsens für den Leitzins Ende 2026 rutschte erstmals seit Anfang März unter die Marke von 3,50 Prozent. Ein solches Umfeld macht unverzinsliche Anlagen wie Gold für Investoren deutlich attraktiver.

Auf der Nachfrageseite zeigt sich derweil ein differenziertes Bild. Die türkische Zentralbank trennte sich kurz nach Beginn der jüngsten Eskalation von knapp 59 Tonnen Gold im Wert von über acht Milliarden US-Dollar. Die Währungshüter nutzten die Reserven zur Stützung der heimischen Lira.

In der Folgewoche schrumpften die türkischen Bestände um weitere 69 Tonnen — der stärkste Rückgang seit über einem Jahrzehnt. Analysten der UBS relativieren diese Verkaufswelle. Ein Großteil der Transaktionen diene dem Liquiditätsmanagement im inländischen Bankensystem und umfasse Swaps statt direkter Marktverkäufe. Global betrachtet agierten die Notenbanken laut dem World Gold Council zuletzt mit monatlichen Nettokäufen von rund 27 Tonnen weiterhin als verlässliche Stütze.

Sichere Häfen im Wandel

Die massiven Kapitalflüsse werfen grundlegende Fragen zur Rolle des Edelmetalls auf. Analysten von Morgan Stanley sehen die traditionelle Funktion als reiner sicherer Hafen aufgeweicht. Sie verweisen auf eine zeitweise Korrelation von 90 Prozent mit dem US-Aktienindex S&P 500. Die Kursentwicklung werde zunehmend von institutioneller ETF-Positionierung und Zinserwartungen dominiert.

Große Investmentbanken lassen sich von dieser strukturellen Verschiebung nicht beirren. Sie rufen weiterhin ehrgeizige Kursziele aus:

  • JPMorgan: 6.300 US-Dollar (Top-Pick bei Long-Positionen)
  • Deutsche Bank: 6.000 US-Dollar
  • UBS: 5.600 US-Dollar zum Jahresende
  • Goldman Sachs: 5.400 US-Dollar

Am kommenden Wochenende steht das nächste richtungsweisende Ereignis an. Die USA und der Iran planen eine zweite Verhandlungsrunde. Ein dauerhaftes Friedensabkommen würde die Ölpreise weiter belasten und die Zinssenkungsfantasie befeuern — ein Szenario, das Gold weiteren Auftrieb geben könnte. Scheitern die Gespräche, kehrt die Volatilität rund um die Straße von Hormuz schlagartig zurück.

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