Gold: Warsh spricht in Sintra
Charttechnisches Warnsignal und Zinsängste drücken den Goldpreis auf 4.003 USD. Analysten uneins über die weitere Entwicklung.

Kurz zusammengefasst
- Todeskreuz signalisiert weiteren Abwärtsdruck
- Fed-Chef Warsh spricht in Sintra
- Zentralbanken planen weitere Goldzukäufe
- Goldman senkt, J.P. Morgan bleibt optimistisch
Ein charttechnisches Warnsignal und ein richtungsweisender Auftritt von Fed-Chef Kevin Warsh setzen Gold zum Start ins dritte Quartal 2026 unter Druck. Der Preis notiert aktuell bei rund 4.003 USD — gut 29 Prozent unter dem Januarhoch von 5.627 USD.
Todeskreuz belastet das Chartbild
Die 50-Tage-Linie ist unter die 200-Tage-Linie gefallen. Dieses „Todeskreuz“ gilt unter Charttechnikern als Warnsignal für anhaltenden Abwärtsdruck. Die 50-Tage-Linie bei 4.436 USD war in den vergangenen Monaten eine unüberwindbare Hürde. Seit dem Abprallen am 12. Mai bei 4.773 USD hat sich der Rückgang beschleunigt. Das Unterschreiten der 4.400-USD-Marke löste Anfang Juni einen scharfen Ausverkauf aus. Mit einem RSI von 32,9 nähert sich Gold der überverkauften Zone — charttechnisch ein zweischneidiges Schwert.
Warsh in Sintra: Jedes Wort zählt
Am Nachmittag spricht Fed-Präsident Kevin Warsh auf dem EZB-Forum im portugiesischen Sintra. Er teilt das Podium mit EZB-Chefin Christine Lagarde sowie seinen Kollegen aus Großbritannien und Kanada. Warsh hat bei seiner ersten FOMC-Pressekonferenz jegliche Zinsprognosen gestrichen. Sein Credo: keine Vorwärtsführung mehr. Das Paradox dabei — je weniger Orientierung er gibt, desto intensiver interpretieren Märkte jeden seiner Auftritte.
Die Datenlage spricht nicht für baldige Zinssenkungen. Stellenangebote stiegen zuletzt auf ein Zwei-Jahres-Hoch. Die Kerninflation liegt weiterhin deutlich über dem Fed-Ziel von 2 Prozent. Die Märkte preisen inzwischen mindestens eine Zinserhöhung noch in diesem Jahr ein — möglicherweise bereits im September. Gestiegene Anleiherenditen machen das zinslose Edelmetall zusätzlich unattraktiv. Warsh kündigte außerdem Task Forces zur Überprüfung der Fed-Bilanz an — ein Vorbereitungsschritt für mögliche Anleiheverkäufe.
Strukturelle Nachfrage vs. kurzfristiger Preisdruck
Das längerfristige Bild sieht anders aus. Der World Gold Council befragte 76 Zentralbanken — Rekordteilnahme. 89 Prozent erwarten, dass globale Goldreserven in den nächsten zwölf Monaten weiter steigen. 45 Prozent planen eigene Zukäufe. In den vergangenen vier Jahren kauften Zentralbanken im Schnitt rund 1.000 Tonnen Gold pro Jahr — doppelt so viel wie im Jahrzehnt davor.
Die offiziellen Meldedaten für das erste Quartal 2026 zeigen netto 129 Tonnen Verkäufe, angeführt von der Türkei mit 60 Tonnen allein im März. Rechnet man jedoch Daten aus dem Londoner OTC-Markt und Schweizer Raffinerien ein, schätzt der World Gold Council die tatsächlichen Käufe auf 244 Tonnen — mehr als die 208 Tonnen im vierten Quartal 2025.
Goldman senkt, J.P. Morgan bleibt bullish
Die Analysteneinschätzungen könnten kaum weiter auseinanderliegen. Goldman Sachs senkte am 20. Juni sein Kursziel für Ende 2026 von 5.400 auf 4.900 USD. Begründung: nachlassende ETF-Zuflüsse und keine Zinssenkungen mehr im Goldman-Forecast für 2026 — Lockerungen erwartet Goldman nun erst für Juni und Dezember 2027.
J.P. Morgan sieht das völlig anders. Die Bank erwartet einen Goldpreis von durchschnittlich 6.000 USD im vierten Quartal 2026 und einen weiteren Anstieg auf 6.300 USD bis Ende 2027. Zwischen diesen beiden Szenarien — 4.900 oder 6.000 USD bis Jahresende — liegt die eigentliche Wette, die der Markt gerade bewertet. Warsh‘ Auftritt am Nachmittag dürfte zumindest kurzfristig Klarheit darüber bringen, in welche Richtung die Stimmung kippt.
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