Grünstrom-Aktien zwischen Rekordaufträgen und Existenzkampf

Die Kluft im Sektor der erneuerbaren Energien wächst: Während Nordex und RWE von Aufträgen profitieren, kämpft ABO Wind mit einer existenzbedrohenden Finanzierungsfrist.

Felix Baarz ·
Siemens Energy Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Siemens Energy trotz Auftragsboom unter Druck
  • Vulcan Energy nach Milliarden-Finanzierung im Minus
  • ABO Wind vor entscheidender Refinanzierungsfrist
  • Nordex mit starkem Auftragswachstum und Kursplus

Die letzte Juniwoche 2026 hat die Kluft im Sektor der erneuerbaren Energien schonungslos offengelegt. Während Nordex Großaufträge einfährt und RWE ein neues Offshore-Kontrollzentrum eröffnet, ringt ABO Wind mit einer existenzbedrohenden Finanzierungsfrist. Siemens Energy korrigiert trotz voller Auftragsbücher. Und Vulcan Energy erlebt nach einer historischen Finanzierungszusage den klassischen „Sell the News“-Reflex. Was die fünf Titel verbindet: Die Branche belohnt Umsetzungsgeschwindigkeit — und bestraft Unsicherheit gnadenlos.

Die EU-Energieminister haben in dieser Woche einen historischen Vorstoß zum Ausbau europäischer Stromnetze beschlossen, mit einem geschätzten Investitionsbedarf von über einer Billion Euro bis 2040. Dieser Rahmen setzt den Takt für Unternehmen, die bereits liefern — und erhöht den Druck auf jene, die noch in der Planungsphase stecken.

Siemens Energy: KI-Nachfrage trifft auf Bewertungsdruck

Der DAX-Schwergewichtler schloss die Woche als einer der größten Tagesverlierer am Freitag. Mit 154,28 Euro notiert die Aktie rund 21 % unter ihrem Allzeithoch vom April. In den vergangenen 30 Tagen hat sie knapp 12 % eingebüßt — eine spürbare Korrektur trotz operativer Stärke.

Die Zahlen sprechen eigentlich eine andere Sprache. Allein im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 sicherte sich Siemens Energy Aufträge über 5 Gigawatt aus Rechenzentrumsprojekten. Ein Viertel aller Bestellungen im Bereich Gas Services stammt mittlerweile von Hyperscale-Kunden. Die Jahresprognose wurde im Mai angehoben: 14 bis 16 % Umsatzwachstum statt zuvor 11 bis 13 %, Margenzielbandbreite auf 10 bis 12 % erhöht.

Strategisch baut der Konzern seine Position im Bereich Netzintelligenz aus. Die geplante Übernahme der nordirischen Camlin Group — ein Spezialist für sensorbasiertes Grid-Monitoring und prädiktive Wartung mit über 90 Millionen Pfund Umsatz — soll das Portfolio um digitale Netztechnologien erweitern. Der Abschluss wird vor Jahresende erwartet.

Der Markt will allerdings Margenbeweis sehen, bevor er die Aktie wieder höher bewertet. JPMorgan-Analyst Phil Buller hält an seinem Übergewichten-Rating mit Kursziel 225 Euro fest und verweist auf die strukturelle Nachfrage durch KI-Infrastruktur. Der Analystenkonsens liegt bei einem Kursziel von rund 195 Euro — ein Aufschlag von mehr als 25 % zum aktuellen Niveau.

Vulcan Energy: Milliarden gesichert, Kurs im Sinkflug

Eine Finanzierung über 2,2 Milliarden Euro für Phase Eins des Lionheart-Projekts in Deutschland — das größte integrierte Lithium-Geothermie-Vorhaben Europas. Eigentlich ein Meilenstein, der den Kurs beflügeln müsste. Stattdessen: 1,86 Euro an der Frankfurter Börse, ein Minus von gut 15 % im Monatsvergleich. Seit Jahresbeginn hat die Aktie fast 29 % verloren.

Die Europäische Investitionsbank führt ein Konsortium aus 13 Kreditgebern, die insgesamt 1,185 Milliarden Euro an vorrangigem Fremdkapital bereitstellen. Die erste Produktionsphase soll ab 2028 jährlich 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid liefern — genug für rund 500.000 Elektrofahrzeug-Batterien.

Die Diskrepanz zwischen institutioneller Unterstützung und Aktienkurs ist frappierend. Ein klassisches Muster: Große Finanzierungsrunden verwässern die Eigenkapitalstory kurzfristig, auch wenn sie langfristig Wert schaffen. Die Ausgabe von 652.199 neuen Performance Rights Ende Juni verstärkt die Verwässerungssorgen zusätzlich.

Interessant ist die technologische Dimension: Eine Tochtergesellschaft des australischen Explorers Cosmos Exploration hat eine formale Übernahmeerklärung für Vulcans Pilotanlage zur Lithium-Direktextraktion abgegeben. Die Technologie soll in einem bolivianischen Projekt zum Einsatz kommen — ein Beleg für wachsendes Drittinteresse an Vulcans Verfahren. Canaccord Genuity hält an der Kaufempfehlung fest, mit Kurszielen zwischen umgerechnet 6 und knapp 11 australischen Dollar — weit über dem aktuellen Niveau von rund 3,05 AUD.

ABO Wind: Auktionserfolg im Schatten der Schuldenlast

Ein Lichtblick in der Finsternis. Bei der Mai-Ausschreibung der Bundesnetzagentur hat ABO Energy Zuschläge für drei Windprojekte mit insgesamt 61,4 Megawatt erhalten:

  • Ohlenbüttel (Niedersachsen): 7 MW, eine Nordex-N163-Turbine
  • Hünxe (NRW): 26,4 MW, vier Siemens-Gamesa-Turbinen
  • Willingen (Hessen): 28 MW, vier Nordex-N163-Turbinen

Die Inbetriebnahme ist zwischen Herbst 2027 und Herbst 2028 geplant. Auch international bewegt sich etwas: In Spanien treibt das Unternehmen Hybridprojekte voran, die Wind- und Solarparks über gemeinsame Netzanschlüsse verbinden — Vereinbarungen über 433 MW stehen bereits. In Kolumbien wurde ein 37,8-MW-Solarportfolio an die NOVVA Group verkauft.

All das ändert nichts am finanziellen Überlebenskampf. Ein historischer Nettoverlust von 170 Millionen Euro bei 230 Millionen Euro Umsatz für 2025 lastet auf dem Unternehmen. Der Aktienkurs hat sich am Freitag zwar um gut 6 % auf 4,00 Euro erholt, liegt aber im 30-Tage-Vergleich noch immer rund 33 % im Minus. Die Volatilität ist mit annualisiert fast 87 % extrem hoch.

Die entscheidende Frist rückt näher: Am 31. Juli läuft die Stillhaltevereinbarung mit den Gläubigern aus. Bis dahin muss die Restrukturierungsfinanzierung stehen. Auf der Hauptversammlung am 13. August erwarten Aktionäre konkrete Ergebnisse der Investorensuche. Ein positives Konzernergebnis ist für 2026 nicht in Sicht — die Rückkehr zur EBITDA-Profitabilität ist frühestens für 2027 eingeplant.

Nordex: Die Auftragsmaschinerie läuft weiter

Während andere Unternehmen im Sektor um Finanzierung oder Bewertung ringen, liefert Nordex schlicht ab. Ein neuer 112-MW-Auftrag von NeXtWind für den Windpark Altmark in Sachsen-Anhalt umfasst 16 Turbinen des Typs N175/6.X mit 179 Meter Nabenhöhe. Es handelt sich um eines der bedeutendsten Repowering-Projekte der Region. Installationsbeginn: November 2027.

Parallel nimmt das 392-MW-Projekt Pestera II in Rumänien Gestalt an. Nach der Auftragserteilung im Vorjahr hat die Turbinenfertigung begonnen, erste Bauvorbereitungen laufen. Die Fundamentarbeiten starten in den kommenden Monaten, die Inbetriebnahme ist für 2028 vorgesehen.

Die Quartalszahlen untermauern den Trend. Der Umsatz stieg im ersten Quartal 2026 um 11 % auf 1,59 Milliarden Euro. Die Gewinnmarge kletterte von 0,6 % im Vorjahresquartal auf 3,4 %. Jefferies hat das Kursziel nach den Zahlen auf 57 Euro angehoben und das Kaufrating bestätigt.

Mit 44,14 Euro notiert die Aktie nahe am 50-Tage-Durchschnitt und liegt seit Jahresbeginn gut 47 % im Plus. Seit dem 52-Wochen-Tief bei 16,90 Euro hat sich der Kurs mehr als verdoppelt. Kein Wunder, dass Nordex zu den wenigen Titeln im Sektor gehört, bei denen das Momentum auf fundamentaler Basis steht.

RWE: Neues Kontrollzentrum, alte Baustelle im Hafen

RWE hat am 25. Juni ein neues Offshore-Wind-Kontrollzentrum im ostfriesischen Jemgum eröffnet. Von dort aus werden künftig rund 50 Mitarbeiter die deutschen und kontinentaleuropäischen Offshore-Windparks des Konzerns rund um die Uhr überwachen. Das Zentrum dient zugleich als Projektbüro für den 1,6-GW-Nordseecluster — eines der größten Offshore-Projekte, das derzeit nördlich der Insel Juist entsteht.

Im Hintergrund beschäftigt ein Vorfall am Thor-Windpark in Dänemark den Konzern weiter. Die dänische Seefahrtsbehörde hat das Installationsschiff Brave Tern nach einer Kollision im Hafen von Esbjerg festgesetzt. Turbinen-Komponenten für das 1,1-GW-Projekt wurden beschädigt. Verletzte gab es keine, die Untersuchung läuft. Der Thor-Windpark soll 72 Siemens-Gamesa-Turbinen mit je 15 MW Leistung erhalten und 2027 vollständig in Betrieb gehen.

Die Aktie notiert bei 54,24 Euro — ein Rückgang von gut 2 % am Freitag und knapp 2 % auf Wochensicht. Das operative Fundament bleibt solide: Das bereinigte EBITDA stieg im ersten Quartal um 25 % auf 1,631 Milliarden Euro. Der Analystenkonsens liegt bei einem Kursziel von 55,53 Euro. 15 von 19 Analysten empfehlen den Kauf.

Differenzierung als neues Leitmotiv im Sektor

Die jüngste Auktionsrunde der Bundesnetzagentur im Mai hat einen Trend bestätigt, der die Branche zunehmend prägt:

  • 270 Zuschläge mit rund 2,5 GW Gesamtkapazität wurden vergeben
  • Durchschnittstarif: 5,06 Cent/kWh — ein Rückgang gegenüber 5,54 Cent in der vorherigen Runde
  • Skalenvorteile entscheiden: Sinkende Tarife begünstigen Großplayer wie Nordex und RWE, während kleinere Entwickler unter Margendruck geraten

Für das zweite Halbjahr 2026 kristallisieren sich drei Schlüsseltermine heraus: ABO Winds Refinanzierungsfrist am 31. Juli, Siemens Energys Quartalszahlen mit dem erhofften Margenbeweis im August — und der Baufortschritt an Vulcan Energys Lionheart-Standort, der zeigen muss, ob die Milliarden-Finanzierung in operative Realität mündet. Die Branche hat die Phase des breiten Aufschwungs hinter sich gelassen. Was zählt, ist Umsetzung.

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Siemens Energy Aktie

154,28 EUR

– 10,40 EUR -6,32 %
KGV 60,60
Sektor Industrieunternehmen
Div.-Rendite 0,43 %
Marktkapitalisierung 130,96 Mrd. EUR
ISIN: DE000ENER6Y0 WKN: ENER6Y

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