Halbleiter-Rallye spaltet den S&P 500 — AutoZone und Coinbase am Boden

Halbleiteraktien dominieren die Gewinnerliste im S&P 500, während AutoZone und Coinbase deutliche Verluste erleiden.

Eduard Altmann ·
ON Semiconductor Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Chipwerte treiben Index-Rallye an
  • AutoZone verfehlt Umsatzerwartungen
  • Coinbase leidet unter Kryptomarkt-Schwäche
  • Fiserv mit massiven Margenrückgängen

16 der 20 stärksten S&P-500-Werte kamen gestern aus der Chipbranche. Micron durchbrach die Billionen-Dollar-Bewertung, ON Semiconductor und AMD markierten neue Höchststände, SanDisk setzte seine beispiellose Jahresrallye fort. Auf der Gegenseite: ein Kurseinbruch bei AutoZone, anhaltender Druck auf Coinbase und Fiserv. Selten war die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern im Index so deutlich sichtbar.

ON Semiconductor: Vom zyklischen Nachzügler zum KI-Profiteur

ON Semiconductor legte gestern 8,5 % zu und schloss bei 109,72 Euro — ein neues 52-Wochen-Hoch. Die Aktie hat sich allein in den vergangenen 30 Tagen um mehr als 31 % verteuert.

Hinter dieser Dynamik steckt mehr als Halbleiter-Euphorie. Die Q1-Zahlen vom 4. Mai gelten als Wendepunkt: Ein bereinigter Gewinn je Aktie von 0,64 Dollar übertraf die Erwartungen, der Umsatz von 1,51 Milliarden Dollar wurde vom Automobil- und KI-Rechenzentrumsgeschäft getragen. Die hauseigene Treo-Plattform zeigt beschleunigte Kundenakzeptanz.

Die Analystenreaktion war ungewöhnlich einhellig:

  • Roth Capital hob das Kursziel von 70 auf 125 Dollar
  • KeyBanc zog aggressiv auf 125 Dollar nach (zuvor 75 Dollar, Overweight)
  • Mizuho setzte das Ziel sogar bei 130 Dollar an

Ein wesentlicher Treiber bleibt die Integration der EliteSiC-Leistungstechnologien in Geelys nächste Generation von 900-Volt-Elektrofahrzeugen. ON Semiconductor wird zunehmend als struktureller Gewinner der Elektrifizierung wahrgenommen — nicht mehr als zyklischer Chipwert.

SanDisk: Der NAND-Engpass als Kursrakete

SanDisk stieg gestern um 7,5 % auf 1.589,55 Dollar und markierte ebenfalls ein 52-Wochen-Hoch. Die Jahresperformance ist atemberaubend: Seit Januar hat sich der Kurs fast versechsfacht.

Der gestrige Impuls kam indirekt. Mizuho bekräftigte sein Outperform-Rating für den Konkurrenten Micron und prognostizierte, dass der Speichermarkt 2026 und 2027 zu 30 bis 50 Prozent unterversorgt bleiben werde. Das hob die gesamte Speicherchip-Branche.

Fundamentale Stärke untermauert die Rallye. Im dritten Fiskalquartal erzielte SanDisk einen Rekordumsatz von 5,95 Milliarden Dollar — ein Anstieg von 97 % gegenüber dem Vorquartal. Explosive Nachfrage nach NAND-Flash-Speicher aus globalen Rechenzentren war der Haupttreiber. Anders als bei Prozessoren erfordert NAND-Produktion spezialisierte Anlagen mit langen Vorlaufzeiten. Die Knappheit ist strukturell.

Bernstein erhöhte das Kursziel von 1.250 auf 1.700 Dollar bei Outperform-Einstufung. Die annualisierte Volatilität von über 95 % signalisiert allerdings, wie aggressiv der Markt hier eingepreist hat. Der RSI von knapp 80 deutet auf überkauftes Terrain hin.

AMD: Rechenzentrum-Boom treibt die Verdopplung

AMD schloss gestern bei 433,35 Euro — ein Plus von 6,1 % und ebenfalls ein frisches 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs mehr als verdoppelt.

Mehrere Katalysatoren griffen ineinander. Ein Bank-of-America-Bericht hob die prognostizierte Marktgröße für Server-CPUs bis 2030 auf 125 Milliarden Dollar an. Zusätzlich profitierte AMD vom positiven Sentiment rund um Nvidias Quartalszahlen, die nach Börsenschluss veröffentlicht wurden.

Die eigenen Q1-Zahlen sprechen für sich: 10,3 Milliarden Dollar Umsatz bedeuten ein Wachstum von 38 % gegenüber dem Vorjahr. Das Rechenzentrum-Segment allein steuerte 5,8 Milliarden Dollar bei — ein Plus von 57 %. Am 21. Mai kündigte AMD zudem Investitionen von über zehn Milliarden Dollar in Taiwan an, um Kapazitäten für fortschrittliche Chip-Verpackung auszubauen.

Goldman Sachs hob das Kursziel auf 450 Dollar an und bezeichnete AMD als „überproportionalen Nutznießer“ der unternehmensweiten agentischen KI-Einführung. Angesichts eines Kurses, der bereits 62 % über dem 50-Tage-Durchschnitt liegt, stellt sich die Frage, wie viel Zukunftsoptimismus bereits im Preis steckt.

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AutoZone: Umsatzverfehlung löst den schlimmsten Tag seit vier Jahren aus

AutoZone brach gestern um 9,7 % auf 2.650 Euro ein — der stärkste Tagesverlust seit Mai 2022 und ein neues 52-Wochen-Tief. Die Aktie hat seit ihrem Hoch im September mehr als 28 % verloren.

Paradox: Der Gewinn je Aktie von 38,07 Dollar übertraf die Konsensschätzung von 36,17 Dollar deutlich. Der Markt fokussierte sich stattdessen auf die Umsatzseite. Mit 4,84 Milliarden Dollar verfehlte AutoZone die erwarteten 4,87 Milliarden Dollar knapp, trotz eines Wachstums von 8,4 % gegenüber dem Vorjahr. Schwäche in den internationalen Märkten, besonders in Mexiko und Brasilien, belastete.

CEO Philip Daniele verwies auf ungewöhnlich kühles Wetter, das die wärmebezogenen Kategorien gebremst habe — Produkte, die normalerweise mit Beginn der Sommersaison anziehen. Die Bruttomarge von 52,2 % lag 57 Basispunkte unter dem Vorjahr und verstärkte die Sorge, dass steigende Kosten und Lieferkettenrisiken — darunter mögliche Engpässe bei Motoröl durch geopolitische Spannungen — die Profitabilität weiter belasten könnten.

Coinbase: Kryptomarkt-Schwäche und regulatorischer Gegenwind

Coinbase verlor gestern 6,4 % und notierte bei 154,96 Euro. Die Aktie liegt seit Jahresbeginn knapp 23 % im Minus und mehr als 57 % unter ihrem 52-Wochen-Hoch.

Die Q1-Zahlen enttäuschten auf breiter Front. Der Umsatz fiel um 30,5 % gegenüber dem Vorjahr auf 1,41 Milliarden Dollar. Sowohl Transaktionserlöse als auch Abonnement- und Dienstleistungsumsätze blieben hinter den Erwartungen zurück. Als Reaktion baut das Unternehmen rund 14 % seiner Belegschaft ab und setzt verstärkt auf Derivate, Prognosemärkte und Stablecoin-Aktivitäten.

Auf regulatorischer Seite bleibt die Lage ungeklärt. Der Digital Asset Market Clarity Act passierte zwar das Senate Banking Committee, muss aber noch die 60-Stimmen-Hürde im Senat überwinden. Die Wahrscheinlichkeit einer Verabschiedung 2026 ist laut Prognosemärkten von 75 % auf 59 % gesunken. Solange weder fundamentale Erholung noch legislative Klarheit sichtbar werden, bleibt die Aktie in einer Vertrauenskrise gefangen.

Fiserv: Margenerosion nährt tiefes Misstrauen

Fiserv verlor gestern weitere 5,9 % und schloss bei 48,00 Euro. Im vergangenen Jahr hat die Aktie rund zwei Drittel ihres Wertes eingebüßt.

Die jüngsten Q1-Zahlen erklären das Ausmaß des Vertrauensverlusts. Der bereinigte Umsatz sank um 2 % auf 4,675 Milliarden Dollar, organisch ging er sogar um 3,6 % zurück. Gravierender: Die bereinigte operative Marge schrumpfte auf 29,7 % — ein Rückgang um 810 Basispunkte gegenüber dem Vorjahr.

Beide Segmente enttäuschten:

  • Merchant Solutions: Marge fiel von rund 34 % auf 26 %
  • Financial Solutions: Marge sank von 47,5 % auf 38 %

Trotzdem hält die Unternehmensführung an ihrer Jahresprognose fest — organisches Umsatzwachstum von 1 bis 3 % und ein bereinigter Gewinn je Aktie zwischen 8,00 und 8,30 Dollar. Der gesamte Erholungsdruck lastet auf der zweiten Jahreshälfte. Greifbare Ergebnisse der strategischen Maßnahmen sollen erst 2027 sichtbar werden. Das Vertrauen des Marktes ist vorerst erschöpft.

Halbleiter-Superzyklus gegen fundamentale Schwäche

Der gestrige Handelstag verdichtet einen Trend, der den S&P 500 seit Monaten prägt: Eine immer stärker konzentrierte Rallye in Halbleiter- und KI-Infrastrukturwerten steht einem breiten Feld kämpfender Konsumwerte und Finanzdienstleister gegenüber. Goldman Sachs warnte zuletzt, dass diese Überkonzentration in Verbindung mit geopolitischen Risiken den Bullenmarkt gefährde.

Für die Chipbranche spricht die strukturelle Dimension der Nachfrage. NAND-Flash-Preise sollen laut Gartner 2026 um 234 % steigen — ein Umfeld, das SanDisk und Peers weiter begünstigt. ON Semiconductor und AMD wiederum profitieren von der Konvergenz aus KI-Ausbau und Elektrifizierung. AutoZone, Coinbase und Fiserv hingegen müssen fundamentale Trendwenden liefern. Ohne diese bleibt jede Kurserholung fragil.

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ON Semiconductor Aktie

110,72 EUR

+ 10,36 EUR +10,32 %
KGV 92,07
Sektor Technologie
Div.-Rendite 0,00 %
Marktkapitalisierung 48,68 Mrd. EUR
ISIN: US6821891057 WKN: 930124

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