Hochtief, Easyjet, Robotaxis: Wo der Juni die Spreu vom Weizen trennt

Hochtief vor DAX-Aufstieg, steigende Ausfallrisiken im Mittelstand und Easyjet wehrt Übernahme ab. Der Markt belohnt operative Stärke.

Eduard Altmann ·
Hochtief, Easyjet, Robotaxis: Wo der Juni die Spreu vom Weizen trennt

Kurz zusammengefasst

  • Hochtief kurz vor DAX-Aufnahme
  • Mittelstand mit steigenden Ausfallraten
  • Rüstungsboom erreicht nur wenige Firmen
  • Easyjet weist Übernahmeangebot zurück

Liebe Leserinnen und Leser,

24 Milliarden Euro von geplanten 37,2 Milliarden — so viel floss 2025 tatsächlich aus dem 500-Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur ab. Die Fortschrittskennzahl im Monitoringbericht: 54 Prozent, „teilweise Zielerreichung“. Deutschland will investieren, kann es aber nur mit halber Kraft. Genau diese Lücke zwischen politischem Versprechen und operativer Wirklichkeit bestimmt, welche Aktien im Juni funktionieren — und welche nicht. Der Markt belohnt nicht mehr jede Hoffnung gleichermaßen. Er sucht Unternehmen, die öffentliche Mittel tatsächlich in Umsatz übersetzen können.

Hochtief vor dem DAX — mehr als eine Indexrochade

Der Bau- und Infrastrukturkonzern steht vor dem Aufstieg in den Leitindex. Hochtief erreichte zum Mai-Handelsende Rang 32 beim Börsenwert der frei handelbaren Aktien; für einen Fast Entry genügt Rang 33. Der Börsenwert liegt bei mehr als 36 Milliarden Euro. Weichen müsste voraussichtlich die Porsche Holding oder Zalando. Die Deutsche Börse gibt ihre Entscheidung am Mittwochabend bekannt, die Aufnahme dürfte am 22. Juni wirksam werden.

Für passive Fonds, die den DAX abbilden, bedeutet das Kaufzwang. Für aktive Anleger steckt die interessantere Frage dahinter: Hochtief steht für jenen Teil des Baugeschäfts, den der Markt bevorzugt — Infrastruktur, Großprojekte, internationale Aufträge. Bau ist eben nicht gleich Bau. Während Hochtief von staatlichen Investitionsprogrammen und langfristigen Projektpipelines profitiert, zeigen die Zahlen des Sondervermögens, wie zäh die Umsetzung verläuft. Fortschritte gab es bei Brückensanierung und Wohnungsbau; Digitalisierung der Bahn, Breitbandausbau und Forschungsvorhaben stocken.

Entscheidend bleibt deshalb nicht die Branchenzugehörigkeit, sondern die Fähigkeit, tatsächlich an die Mittel heranzukommen — Projektzugang, Ausführungskraft und Bilanzqualität machen den Unterschied.

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Ausfallrisiken steigen — der Mittelstand gerät unter Druck

Am Freitag hatte ich die Creditreform-Daten bereits angerissen. Die Details verdienen einen zweiten Blick, denn sie zeichnen ein differenziertes Bild der deutschen Unternehmenslandschaft. Die empirische Ausfallrate stieg 2025 auf 1,88 Prozent; für 2026 erwartet Creditreform Rating einen weiteren Anstieg auf 2,08 Prozent. Besonders betroffen ist der klassische Mittelstand: Unternehmen mit 0,5 bis 2 Millionen Euro Umsatz kamen 2025 bereits auf eine Ausfallquote von 2,06 Prozent. Große Unternehmen mit mehr als 250 Millionen Euro Umsatz blieben mit 0,36 Prozent weitgehend stabil.

Die Branchenverteilung verschärft das Bild. Verkehr und Logistik verzeichneten 2025 eine Ausfallquote von 3,58 Prozent, das Baugewerbe 2,37 Prozent. Junge Unternehmen im Alter von zwei bis fünf Jahren wiesen mit 3,66 Prozent die höchste Rate auf. Für Anleger in Nebenwerten, zyklischen Zulieferern und hoch verschuldeten Geschäftsmodellen ist das ein klares Signal: Bilanzprüfung vor Kursfantasie.

Dazu passt, dass die Lohnnebenkosten weiter steigen dürften. Der Beitragssatz zur Rentenversicherung soll laut Frühjahrsfinanzschätzung der Deutschen Rentenversicherung 2028 auf 19,9 Prozent klettern und 2029 die Marke von 20 Prozent erreichen. Bis 2027 bleibt er noch bei 18,6 Prozent stabil — aber die Debatte über Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsspielräume wird an Schärfe gewinnen.

Rüstung: 200 Milliarden Euro, aber nur sieben Prozent machen mit

Der Staat investiert bis Ende des Jahrzehnts 200 Milliarden Euro in die Verteidigung. Die Kurse der großen Rüstungswerte spiegeln das längst wider. Doch wie breit kommt der Boom in der Industrie an? Laut einer IfM-Umfrage sind bislang nur sieben Prozent des verarbeitenden Gewerbes im Verteidigungssektor aktiv — rund 15.000 Unternehmen. 40 Prozent der Firmen ohne bisheriges Engagement können sich Rüstungsaktivitäten vorstellen, stoßen aber auf hohe Hürden: fehlende Netzwerke, wenig Erfahrung im Beschaffungswesen, strenge regulatorische Anforderungen.

Die Gegenseite liefert eine VDMA-Umfrage: 63 Prozent der befragten Maschinenbauer sehen die Verteidigungsindustrie als wichtige Kundenbranche, mehr als 40 Prozent erwarten im laufenden Jahr ein zweistelliges Umsatzplus in diesem Bereich. Die Börse differenziert zunehmend zwischen Unternehmen, die bereits in Beschaffungsprozessen verankert sind, und solchen, die erst noch Zugang aufbauen müssen. Wer als Anleger auf den breiten Rüstungsboom setzt, sollte genau hinschauen, wer tatsächlich liefert.

KI bewegt Asien — und kommt nach München

Auf der Computex in Taiwan stellte Jensen Huang den neuen Prozessor „RTX Spark“ für Windows-Laptops vor, gemeinsam mit MediaTek entwickelt. Der Chip soll KI-Berechnungen direkt auf dem PC ermöglichen, statt sie in die Cloud auszulagern, und ab Herbst erhältlich sein. In Südkorea sorgten Hoffnungen auf eine engere Zusammenarbeit mit dem wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt — Marktkapitalisierung über 5,5 Billionen Dollar — für deutliche Kursbewegungen: LG-Aktien stiegen zum Wochenstart um 30 Prozent, Samsung um 10 Prozent.

Auch in Deutschland nimmt das Thema konkretere Formen an. Uber und das israelische KI-Unternehmen Autobrains wollen in München ein Robotaxi-Programm mit autonomen Fahrzeugen der Stufe 4 aufbauen. Technologische Basis ist eine Nvidia-Rechenplattform. Ein kommerzieller Dienst steht allerdings unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen; Details zu Fahrzeugmarke, Betreiber und Startzeitpunkt sind noch offen. Spannend ist das Signal: KI-Anwendungen rücken von der Chipfabrik in den Alltag — auch in Deutschland.

Easyjet: Übernahmeversuch trifft auf ein geschwächtes Geschäftsmodell

Die US-Investmentgesellschaft Castlelake prüft eine Übernahme von Easyjet und kaufte 16,2 Millionen Aktien, entsprechend 2,1 Prozent. Die Aktie stieg am Montag zeitweise um 11 Prozent. Easyjet wies das Angebot zurück — doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: In den vergangenen zwölf Monaten verlor die Aktie fast ein Drittel an Wert, die aktuelle Bewertung liegt bei 3,3 Milliarden Pfund. Im Winter verbuchte die Airline einen Rekordverlust von 552 Millionen Pfund, 40 Prozent mehr als im Vorjahr.

Castlelake hat bis 26. Juni Zeit für ein formelles Angebot. EU-Regeln zum Mehrheitsbesitz durch EU-Bürger könnten eine Übernahme durch den US-Investor erschweren. Für Anleger illustriert der Fall, wie der Markt derzeit sortiert: Selbst ein zweistelliger Kurssprung ändert nichts daran, dass das operative Fundament brüchig ist.

Was der Juni verlangt

Der Monat startet mit klaren Trennlinien. Infrastruktur, Rüstung und KI liefern strukturellen Rückenwind — aber nur für Unternehmen, die Zugang, Ausführungskraft und Bilanzstärke mitbringen. Gleichzeitig steigen Ausfallrisiken im Mittelstand, die Lohnnebenkosten ziehen an, und angeschlagene Geschäftsmodelle wie Easyjet zeigen, dass günstige Bewertungen allein kein Kaufargument sind.

Kein Monat für breite Wetten. Ein Monat für saubere Auswahl.

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Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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