Hormuz-Deal und globale Machtverschiebung
Geopolitische Neuordnung: Iran-Deal stockt, während Großbritannien und Japan Milliarden investieren und Südkoreas Anleger auf Pump kaufen.

Kurz zusammengefasst
- Iran-Deal: Unterzeichnung weiter ungewiss
- Indien protestiert gegen US-Militäraktion
- 18-Milliarden-Pfund-Pakt für Windkraft
- Südkorea: Rekord bei Aktienkrediten
Ein möglicher Waffenstillstand zwischen den USA und Iran, ein milliardenschweres Investitionsabkommen zwischen Großbritannien und Japan, und Südkoreas Anleger, die auf Pump in Aktien strömen — die Welt ordnet sich gerade neu. Und die Straße von Hormus steht dabei im Zentrum.
Deal oder kein Deal?
Trump erklärte am Samstag via Truth Social, ein Friedensabkommen mit Iran solle noch am Sonntag unterzeichnet werden. Die Straße von Hormus werde danach „für alle“ geöffnet. Teheran bremste umgehend: Das Memorandum sei noch nicht fertig, eine Unterzeichnung am Sonntag „definitiv“ ausgeschlossen — so die Revolutionsgarden auf Telegram.
Irans Außenministeriumssprecher Esmaeil Baghaei räumte zwar ein, dass eine Unterzeichnung in den nächsten Tagen möglich sei. Doch die inhaltlichen Differenzen bleiben erheblich. Tehran pocht darauf, angereicherte Urans im eigenen Land zu verdünnen statt es abzugeben. Außerdem will Iran für Dienste in der Meerenge Gebühren erheben — Washington besteht auf sofortiger Öffnung ohne Auflagen.
Das geplante Abkommen würde laut iranischen Angaben die Aufhebung der US-Seeblockade iranischer Häfen und die Freigabe eingefrorener Vermögen umfassen. Atomfragen sollen erst in einer zweiten Verhandlungsphase adressiert werden. Außenminister Abbas Araghchi bezeichnete die Vereinbarung als erste explizite US-Zusage zur Achtung iranischer Souveränität seit 47 Jahren — eine historische Einordnung, die den politischen Stellenwert unterstreicht.
Indiens Protest und die Kollateralschäden der Blockade
Während die Diplomatie stockt, eskalieren die Nebenwirkungen der monatelangen Blockade. Indien protestierte bei US-Außenminister Marco Rubio, nachdem amerikanische Streitkräfte drei indische Seeleute getötet hatten. Außenminister Subrahmanyam Jaishankar bezeichnete die Angriffe auf kommerzielle Schifffahrt als „nicht gerechtfertigt“.
Rubio antwortete unmissverständlich: Alle Handelsschiffe müssten US-Anweisungen sofort Folge leisten. Der Tonfall zeigt, wie angespannt das Verhältnis zwischen Washington und Neu-Delhi in dieser Frage ist. Dabei ist Indien als einer der weltgrößten Energieimporteure besonders exponiert — ein erheblicher Anteil seiner Ölversorgung läuft durch eben jene Meerenge, die derzeit nur eingeschränkt passierbar ist.
Der Zusammenstoß dürfte auch beim G7-Gipfel in Frankreich nachhallen, wo Modi und Trump zu einem bilateralen Gespräch zusammenkommen. Regionale Sicherheit und maritime Handelsrouten stehen explizit auf der Agenda.
Dollar im Gleichgewicht
Die Unsicherheit hat ihren Preis — und der zeigt sich im Devisenmarkt. Goldman Sachs erwartet, dass der US-Dollar vorerst gestützt bleibt, solange die Straße von Hormus nur eingeschränkt operiert. Die Bank verweist auf zwei strukturelle Faktoren: den anhaltenden KI-Investitionsboom und die Störungen globaler Energieversorgungsketten. Beide begünstigen den Dollar.
Zuletzt gesunkene Ölpreise haben zwar die Erwartungen an weitere Fed-Zinserhöhungen gedämpft. Goldman Sachs argumentiert dennoch, dass der Dollar nicht nachhaltig schwächer werden dürfte, solange Verhandlungen laufen und die Meerenge nicht vollständig offen ist. Ein kleinerer Angebotsschock bei Öl würde laut Analysten die Divergenz zwischen großen Volkswirtschaften begrenzen — und damit auch die Devisenvolatilität in Grenzen halten.
Großbritannien und Japan rücken zusammen
Während die Blicke auf den Nahen Osten gerichtet sind, vollzieht sich andernorts eine strategische Neuausrichtung. Premierminister Starmer und seine japanische Amtskollegin Takaichi unterzeichneten ein Investitionspaket im Umfang von 18 Milliarden Pfund. Der Kern: bis zu 9 Milliarden Pfund japanisches Kapital für schwimmende Offshore-Windkraft-Projekte mit einer Kapazität von 5,9 Gigawatt — genug, um rechnerisch rund 8 Millionen britische Haushalte zu versorgen.
Das Abkommen geht über Energie hinaus. Beide Länder wollen einen gemeinsamen Rat zur Industriekooperation gründen, mit Schwerpunkten auf künstlicher Intelligenz, Quantentechnologie, Halbleitern und Drohnen. Auch ein Fonds für Start-ups mit sogenannten Dual-Use-Technologien — also Lösungen mit ziviler und militärischer Anwendung — ist geplant.
Parallel dazu schwelt ein Finanzierungsstreit beim gemeinsamen Kampfjet-Programm GCAP, das Großbritannien, Japan und Italien bis 2035 entwickeln wollen. London hatte erwartet, Milliardenzusagen für das Programm anzukündigen — doch interne Haushaltsstreitigkeiten und der Abgang von Verteidigungsminister John Healey verzögerten die Entscheidung. Japan hat bereits umgerechnet mehr als 500 Milliarden Yen in das Programm investiert, Italien ein Paket von rund 10,7 Milliarden Dollar verabschiedet.
Japan sucht Rohstoffe — auch in Grönland
Japans strategische Ambitionen gehen noch weiter. Tokio plant, noch in diesem Sommer eine Delegation nach Grönland zu entsenden, um dortige Seltene-Erden-Vorkommen zu erkunden. Mit dabei: Vertreter des Wirtschaftsministeriums, Handelshäuser und die staatliche Japan Organization for Metals and Energy Security.
Der Hintergrund ist geopolitisch aufgeladen. Grönland rückte Anfang des Jahres ins Scheinwerferlicht, als Trump die mögliche Annexion der Insel ins Gespräch brachte. Japan nähert sich anders — über Gespräche mit lokalen Behörden. Seltene Erden werden für Elektrofahrzeuge, Windturbinen und Rüstungsgüter gebraucht. Angesichts der chinesischen Dominanz bei Verarbeitung und Produktion dieser Materialien ist Diversifizierung für Japan keine Kür, sondern Notwendigkeit.
Südkoreas Anleger setzen auf Risiko
Weit abseits geopolitischer Schachzüge spielt sich in Seoul ein anderes Drama ab. Die Haushaltsschulden stiegen im Mai um 9,3 Billionen Won — der stärkste monatliche Anstieg seit August 2024. Der Treiber: Anleger leihen sich Geld, um in Aktien zu investieren. Allein über Kreditlinien und Kontokorrentkredite flossen 5,3 Billionen Won in den Markt.
Der Zufluss in Aktieninvestmentfonds und Wertpapierkonten erreichte auf Zwölfmonatsbasis einen neuen Rekordwert. Gleichzeitig ziehen Anleger Kapital aus Termineinlagen und Anleihen ab. Citi warnt, dass diese Dynamik — kombiniert mit steigenden Wohnungspreisen in Seoul, die erstmals seit November 2015 ein neues Hoch markierten — das Finanzstabilitätsrisiko erhöht.
Dass südkoreanische Privatanleger die Aktienverkäufe ausländischer Investoren aufgefangen haben, gilt laut Citi als mitverantwortlich für die jüngste Schwäche des koreanischen Won. Ein möglicher Zinserhöhungszyklus der Bank of Korea könnte die Nachfrage nach unbesicherten Konsumkrediten bremsen. Den Immobilienmarkt dürfte er weniger treffen — denn dort kommen Mittel zunehmend aus Aktiengewinnen und Bonuszahlungen, nicht aus klassischen Hypotheken.
Ausblick
Die kommenden Tage bringen Klarheit in mehrere offene Fragen gleichzeitig: Ob der Iran-Deal kommt, wie er aussieht — und welche Folgen das für Ölpreise, den Dollar und Indiens Energieversorgung hat. Beim G7-Gipfel in Frankreich treffen viele dieser Fäden aufeinander. Die Antworten dürften die Märkte bis in den Sommer hinein beschäftigen.
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