Hormuz-Krise erschüttert Ölmärkte

Trotz Drohnenangriff in der Straße von Hormus fallen Ölpreis und Anleiherenditen. Der brüchige Waffenstillstand belastet die OPEC und die globale Schifffahrt.

Felix Baarz ·
Gold Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Iranischer Drohnenangriff auf Frachter
  • Ölpreis fällt auf Jahrestief
  • Irak droht mit OPEC-Austritt
  • Bundesanleihen-Rendite sinkt deutlich

Der Waffenstillstand zwischen den USA und Iran hält — aber nur auf dem Papier. Ein Drohnenangriff auf ein Frachtschiff im Persischen Golf hat in dieser Woche gezeigt, wie brüchig die Einigung wirklich ist. Und die Folgen reichen weit über den Ölpreis hinaus: von Anleiherenditen in Frankfurt bis zur Geldpolitik in Washington.

Angriff mitten im Waffenstillstand

Es war ein Signal, das niemand übersehen konnte. Der iranische Revolutionsgarde-Corps (IRGC) feuerte mindestens vier Drohnen auf Schiffe in der Straße von Hormus ab — eine davon traf das Oberdeck des singapurisch geflaggten Frachters Ever Lovely. Das Schiff konnte seinen Kurs fortsetzen, die diplomatische Lage hingegen ist seitdem ramponiert.

US-Präsident Donald Trump nannte den Angriff eine „törichte Verletzung“ des Waffenstillstandsabkommens. Der Zeitpunkt war pikant: Iran hatte Stunden zuvor Handelsschiffe davor gewarnt, sogenannte „nicht autorisierte Routen“ durch die Meerenge zu benutzen — also genau jene Route entlang der omanischen Küste, die von den USA koordiniert wird.

Das UN-Organ IMO (International Maritime Organization) musste daraufhin seinen Plan zur Evakuierung von mehr als 11.000 festsitzenden Seeleuten auf Halt setzen. Die Meerenge ist durch den Iran-Krieg faktisch dreigeteilt: eine US-koordinierte Omanroute, eine iranisch kontrollierte Küstenroute und das mittlere Verkehrstrennungsschema — in dem nach UN-Schätzungen noch rund 80 Minen liegen.

Ölpreis unter Druck

Trotz der erneuten Eskalation reagierten die Ölmärkte überraschend gelassen. Brent-Rohöl fiel am Freitag um rund vier Prozent auf 72,51 Dollar je Barrel — den niedrigsten Stand seit Beginn des Iran-Kriegs. Der Grund: Der Schiffsverkehr durch Hormus blieb trotz des Angriffs weitgehend aufrecht. Laut dem Datenanbieter Kpler wurden am Donnerstag 54 verifizierte Passagen gezählt, darunter ein breites Spektrum kommerzieller und energiebezogener Schiffe.

Der Waffenstillstand hat die Ölexporte aus der Region zuletzt auf etwa 80 Prozent des Vorkriegsniveaus gebracht. Doch die Minen bleiben das eigentliche Problem. Iran ist laut Abkommen für deren Räumung verantwortlich — gibt aber gleichzeitig widersprüchliche Signale: Mal heißt es, Schiffe könnten frei passieren, mal wird eine ausdrückliche Genehmigung Teherans verlangt. Der Räumungsprozess, so die Einschätzung von Experten, dürfte Wochen dauern.

Irak und OPEC: Risse im Kartell

Die anhaltende Hormus-Blockade belastet nicht nur den globalen Ölhandel, sondern auch die innere Kohäsion der OPEC. Irak, das zweitgrößte Förderland des Kartells, drang am Freitag auf eine Neubewertung der Produktionsquoten. Bagdad argumentiert, die aktuellen Zuteilungen spiegelten die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage des Landes nicht angemessen wider.

Hintergrund: Irak hängt nahezu vollständig von Öleinnahmen ab — und konnte seit Beginn des Iran-Kriegs seine Quoten de facto nicht ausschöpfen, weil der Exportweg über Hormus blockiert war. Die offizielle Juli-Quote liegt bei 4,378 Millionen Barrel täglich, die tatsächliche Förderung liegt weit darunter.

Bereits am Donnerstag hatte Reuters berichtet, Bagdad erwäge sogar einen OPEC-Austritt, sollte das Kartell keine deutlich höheren Quoten bewilligen. Das Ölministerium dementierte, Premierminister Ali Faleh al-Zaidi habe einen Austritt jemals diskutiert. Doch die Nervosität ist real. Erst vor weniger als zwei Monaten hatte die Vereinigten Arabischen Emirate die OPEC verlassen — ein Präzedenzfall, den niemand in Wien gerne wiederholt sehen würde.

Anleihen profitieren, Inflation beruhigt sich

Die sinkenden Ölpreise senden ein Beruhigungssignal an die Kapitalmärkte. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel am Freitag auf 2,848 Prozent — den niedrigsten Stand seit Mitte März. Auf Wochensicht entspricht das einem Rückgang von rund 13 Basispunkten, dem stärksten Wochenrückgang seit März 2025.

Treiber dieser Entwicklung ist die Logik, die sich durch die gesamte Woche zieht: Günstigeres Öl bedeutet weniger Inflationsdruck, und weniger Inflationsdruck bedeutet, dass Zentralbanken seltener und langsamer die Zinsen anheben müssen. Rückenwind kam zudem von einer EZB-Umfrage, die zeigte, dass europäische Verbraucher ihre kurzfristigen Inflationserwartungen im Mai bereits zurückgeschraubt hatten.

IMF gibt Fed grünes Licht — mit Nuancen

In Washington diskutierte man derweil die Frage, wie Zentralbanken künftig kommunizieren sollen. Der scheidende IWF-Chefökonom Pierre-Olivier Gourinchas, der seinen Posten nächste Woche verlässt, bezeichnete das Vorhaben von Fed-Chef Kevin Warsh, die sogenannte Vorwärtsguidance zu reduzieren, als „absolut angemessen“.

Seine Begründung: Starre Versprechen über künftige Zinsentscheidungen hätten sich als gefährlich erwiesen — etwa 2021 und 2022, als die US-Inflation explodierte, die Fed aber aufgrund früherer Zusagen zögerte zu handeln. Warsh hatte in seiner ersten Sitzung als Notenbankchef die Kommunikation bereits auf ein Minimum reduziert und jegliche Hinweise auf künftige Zinsschritte aus dem Begleitstatement gestrichen.

Gourinchas warnte allerdings vor einem Missverständnis: Null Guidance sei in der Praxis gar nicht möglich. „Ob explizit oder implizit — die Märkte bilden sich immer eine Meinung.“ Die Aufgabe der Zentralbanken sei es, diese Erwartungen zu steuern, nicht zu ignorieren.

Auch zum US-Dollar nahm der IWF-Chefökonom klar Stellung. Trotz Trumps Zöllen, trotz des Goldbooms und trotz aufkeimender Spekulationen über eine De-Dollarisierung sei die Weltleitwährung fester verankert als je zuvor. „Wir sehen sehr, sehr wenig, was darauf hindeuten würde, dass wir uns von einer dollarzentrierten Welt entfernen“, sagte Gourinchas. Gold handelte am Freitag bei rund 4.083 Dollar je Unze — ein Anstieg um 1,4 Prozent — doch auch das erklärt Gourinchas eher mit dem Boom bei Gold-ETFs und Stablecoin-Nachfrage als mit einer echten Flucht aus dem Dollar.

Brüchiger Frieden, nervöse Märkte

Die Woche endet mit einem widersprüchlichen Bild. Die Ölpreise fallen, die Anleiherenditen sinken, die Inflation beruhigt sich — eigentlich gute Nachrichten. Aber die zugrundeliegende Lage in Hormus bleibt instabil. 80 Minen, ein angeschossenes Frachtschiff, eine gestoppte Evakuierung und ein OPEC-Mitglied, das mit Austritt droht.

Ob der 60-tägige Waffenstillstand zwischen Washington und Teheran bis zum Ende hält, ist die eigentliche offene Frage. Die Märkte preisen derzeit Entspannung ein. Ob das Zuversicht oder Naivität ist, wird die nächste Drohne entscheiden.

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