Hormuz-Krise erschüttert Weltwirtschaft

Die Schließung der Straße von Hormus belastet die Weltwirtschaft. Ölpreise steigen, Lieferketten stocken und die Finanzmärkte reagieren verunsichert.

Felix Baarz ·
Hormuz-Krise erschüttert Weltwirtschaft

Kurz zusammengefasst

  • Ölpreise auf neuem Höchststand
  • Lieferketten weltweit gestört
  • Fed-Chefwechsel in der Krise
  • Wirtschaftswachstum in Pazifikregion sinkt

Die Schließung der Straße von Hormus ist längst keine regionale Krise mehr. Zehn Wochen nach Beginn des Konflikts spüren Verbraucher in London die Folgen ebenso wie Inselstaaten im Pazifik — und die Finanzmärkte ringen damit, wie dauerhaft der Schaden wirklich ist.

Der Ölmarkt am Limit

Saudi Aramco-Chef Amin Nasser brachte es auf den Punkt: Selbst wenn die Meerenge heute wieder öffnen würde, dauerte es noch Monate, bis der Markt sich erholt. Verzögert sich die Öffnung bis nach Mitte Juni, dürfte eine Normalisierung erst 2027 eintreten. Mehr als 600 Schiffe stecken derzeit im Persischen Golf fest, rund 240 weitere warten vor Hormuz — ein maritimes Stau ohne Präzedenz.

Seit Kriegsbeginn hat der Markt nach Nassers Angaben bereits mehr als eine Milliarde Barrel verloren. Netto seien es rund 880 Millionen Barrel, da Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline und strategische Reserven einen Teil des Ausfalls abfedern. Doch die Vorräte an Benzin und Kerosin sinken rapide. Vor der Sommersaison könnte das kritisch werden.

Brent-Rohöl notierte zuletzt bei rund 104,55 Dollar pro Barrel — ein Niveau, das noch vor Monaten als kaum vorstellbar galt. Trotz allem hält Goldman-Sachs-Chefökonom Jan Hatzius fest, dass die wirtschaftlichen Schäden bislang moderater ausgefallen sind als befürchtet. Drei Faktoren erklärt er dafür: ungewöhnlich hohe Lagerbestände vor Kriegsausbruch, eine vergleichsweise schmerzlose Nachfrageanpassung — etwa durch den Ausbau erneuerbarer Energien in China — sowie stützende Fiskalpolitik und der anhaltende KI-Boom. Goldman senkte seine Rezessionswahrscheinlichkeit für die USA leicht auf 25 Prozent, betont aber: Das Risiko liegt fünf Prozentpunkte über dem Vorkrisenniveau.

Diplomatische Sackgasse — und ihre Marktfolgen

US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Waffenstillstand mit Iran als „auf dem sterbenden Ast“. Sein Zurückweisen des iranischen Gegenvorschlags hält die Märkte in Atem. Währungsstratege Christopher Wong von der OCBC-Bank beobachtet, dass der Dollar zwar Unterstützung findet, aber keine stärker ausgeprägte Risikoaversion einsetzt — noch nicht. Eine formale Eskalation könnte das schnell ändern.

Der Dollar-Index hält sich bei knapp 98. Euro und Pfund zeigen sich weitgehend stabil bei 1,1775 beziehungsweise 1,3602 Dollar. Im Fokus steht nun der anstehende US-Inflationsbericht: Ökonomen erwarten einen Anstieg der Verbraucherpreise um 0,6 Prozent im April. Commonwealth-Bank-Strategin Sarah Hammoud warnt, dass Energiepreise auf Bereiche wie Flugtickets und Lebensmittel durchschlagen könnten — mit entsprechenden Folgen für den Dollar und die Zinspolitik.

Zinssenkungen der US-Notenbank sind inzwischen aus dem Preiskalkül der Märkte verschwunden. Vor Kriegsausbruch hatten Händler noch mit zwei Zinssenkungen gerechnet.

Warsh übernimmt — Fragen zur Fed-Unabhängigkeit bleiben

Mitten in dieser Lage steht der Führungswechsel an der Federal Reserve an. Kevin Warsh, Trumps Wunschkandidat, hat im Senat eine wichtige Verfahrenshürde genommen und dürfte noch diese Woche bestätigt werden. Seine Amtszeit als Fed-Gouverneur auf 14 Jahre, seine Rolle als Vorsitzender auf vier.

Warsh kündigt einen „Regimewechsel“ an: engere Koordination mit dem Finanzministerium, eine schlankere Bilanz. Trump erwartet Zinssenkungen. Warsh selbst sagt, er habe keine Versprechen gemacht. Die Fed-Leitzinsen liegen derzeit bei 3,50 bis 3,75 Prozent, nachdem beim letzten Treffen drei Mitglieder sogar für eine Erhöhung votierten — ein deutliches Zeichen, wie angespannt die Lage ist. Vorgänger Jerome Powell bleibt im Amt bis eine laufende Untersuchung wirklich abgeschlossen ist, und äußert offen Sorge um die institutionelle Unabhängigkeit der Notenbank.

Globale Kettenreaktion

Die Auswirkungen der Hormuz-Krise enden nicht an den Grenzen der großen Volkswirtschaften. Die Weltbank erwartet, dass das Wachstum der elf von ihr erfassten Pazifik-Inselstaaten 2026 auf 2,8 Prozent sinkt — von 3,2 Prozent in den Vorjahren. Die gestiegenen Energiekosten und Frachtpreise treffen importabhängige Volkswirtschaften wie Fidschi oder Samoa besonders hart. Die Inflation in der Region soll auf median 4,5 Prozent steigen.

In Großbritannien zeigen die Folgen sich im Portemonnaie der Verbraucher. Barclays-Kartendaten belegen, dass die britischen Konsumausgaben im April erstmals seit November 2024 zurückgegangen sind — um 0,1 Prozent im Jahresvergleich. Reiseausgaben brachen um 5,7 Prozent ein. „Die Verbraucher passen sich bereits an den Schock aus dem Nahen Osten an“, sagt Barclays-Ökonom Jack Meaning. Wie lange die Unsicherheit anhält, sei die entscheidende Frage für die britische Konjunktur.

Russland dagegen könnte theoretisch von hohen Ölpreisen profitieren — tut es aber nicht so einfach. Moskau senkte seine Wachstumsprognose für 2026 auf gerade noch 0,4 Prozent, von zuvor 1,3 Prozent. Vizepremier Alexander Nowak führt einen natürlichen Konjunkturzyklus nach dem kriegsbedingten Wachstumsschub ins Feld. Pikant: Der budgetierte Ölpreis bleibt bei 59 Dollar pro Barrel — weit unter den aktuellen Marktpreisen.

Was bleibt

Die Straße von Hormuz ist zum Brennglas geworden, das die Fragilität globaler Lieferketten, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und die Nervosität der Märkte bündelt. Goldman sieht Brent bis Jahresende auf etwa 90 Dollar sinken — aber nur wenn die Meerenge bald wieder öffnet. Passiert das nicht, dürfte die moderate Schadensbilanz, die Hatzius heute noch ziehen kann, schon bald der Vergangenheit angehören.

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