IBM Aktie: Kanzleien untersuchen 68-Milliarden-Wertverlust
Nach verfehlten Quartalszielen und massivem Kursrutsch revidieren Analysten ihre Prognosen für IBM. Zudem wachsen Spekulationen über eine Aufspaltung.

Kurz zusammengefasst
- Deutliche Analystenkorrekturen nach Zahlen
- Kurssturz um über 25 Prozent
- Spekulationen über Konzernzerschlagung
- Anwaltskanzleien prüfen Klagen
Einen Tag vor der offiziellen Vorlage der Quartalszahlen zieht IBM weiter die Aufmerksamkeit der Wall Street auf sich – allerdings aus den falschen Gründen. Nachdem der Technologiekonzern Mitte Juli mit vorläufigen Eckdaten für das zweite Quartal die Erwartungen deutlich verfehlt hatte, revidieren Analysten reihenweise ihre Kursziele nach unten. Der offizielle Bericht folgt am 22. Juli nach Börsenschluss, begleitet von einer Telefonkonferenz um 17 Uhr US-Ostzeit.
Am Aktienmarkt zeigt sich die Nervosität deutlich. Der RSI-Wert über 14 Tage liegt bei 31,8 und signalisiert eine überverkaufte Aktie. Zum Wochenschluss am Montag schloss das Papier bei 186,64 Euro, nur noch 4,55 Prozent über dem 52-Wochen-Tief. Zum 52-Wochen-Hoch von Anfang Juni klafft dagegen eine Lücke von mehr als einem Drittel.
Analysten senken Erwartungen deutlich
Stifel-Analyst David Grossman kappte sein Kursziel von 290 auf 235 US-Dollar, hält aber an seiner Kaufempfehlung fest. Als Grund nennt er die kurzfristige Umschichtung von Investitionsbudgets hin zu KI-Ausgaben bei IBM-Kunden. Er rechnet mit einem saisonal schwachen dritten und einem starken vierten Quartal, verweist aber auf eine begrenzte Visibilität bis in den Januar 2027 hinein. Oppenheimer ging einen Schritt weiter und stufte die Aktie auf „Perform“ herab. Von 27 erfassten Analysten sank das Durchschnittskursziel von 298,30 auf 273,40 US-Dollar. JPMorgan senkte sein Ziel auf 250, Citi auf 255 US-Dollar, während HSBC mit 191 US-Dollar am unteren Rand liegt. Dagegen hält Dan Ives an einem Kursziel von 350 US-Dollar fest – nach eigener Einschätzung ein Aufwärtspotenzial von rund 64 Prozent gegenüber dem damaligen Kursniveau.
Auslöser der Neubewertungen sind die vorläufigen Zahlen vom 14. Juli: IBM meldete einen Umsatz von 17,2 Milliarden US-Dollar, ein Plus von einem Prozent gegenüber dem Vorjahr, aber deutlich unter der Konsensschätzung von rund 17,86 Milliarden US-Dollar. Das bereinigte Ergebnis je Aktie kam mit 2,93 US-Dollar herein und verfehlte damit ebenfalls die Erwartungen von etwa 3,01 bis 3,02 US-Dollar. Die Aktie brach daraufhin um mehr als 25 Prozent ein – der stärkste Tagesverlust seit Jahrzehnten. Firmenchef Arvind Krishna räumte ein, das Unternehmen habe „gestrauchelt“, und machte eine Kundenverschiebung von Software und Mainframes hin zu KI-Servern und Speicherlösungen dafür verantwortlich. Die Infrastruktursparte brach im Zuge dessen um 7 Prozent ein, während Q1 2026 für das IBM-Z-Mainframe-Geschäft noch ein Plus von 51 Prozent gegenüber dem Vorjahr gebracht hatte.
Spekulation über eine Aufspaltung nimmt Fahrt auf
Der Kurssturz befeuert an der Wall Street erneut Gerüchte über eine mögliche Zerschlagung des Konzerns. Stifel-Analyst Grossman legte eine Sum-of-the-parts-Bewertung vor, die IBM einen Unternehmenswert von 257 Milliarden US-Dollar zuschreibt – deutlich über der damaligen Marktkapitalisierung von rund 205 Milliarden US-Dollar. Größter Einzelposten in dieser Rechnung ist die Cloud-Sparte Red Hat mit 62,9 Milliarden US-Dollar. Grossman selbst dämpft jedoch die Erwartungen und hält es für möglich, dass eine Aufspaltung keinen unmittelbaren Wertzuwachs brächte. Auch andere Analysten führen den Kursverfall auf Ausführungsprobleme im operativen Geschäft zurück, nicht auf eine grundsätzliche Schwäche des KI-Marktes – IBM verfüge zwar über Bausteine wie Red Hat, watsonx und Governance-Software, aber über kein einheitliches System für Unternehmens-KI.
Anwaltskanzleien prüfen Klagen
Parallel zu den Kurszielsenkungen initiierten mehrere US-Kanzleien Untersuchungen wegen möglicher Verstöße gegen das Wertpapierrecht. Die Kanzlei Bleichmar Fonti & Auld prüft Ansprüche im Zusammenhang mit der Verlangsamung beim IBM-Z-Produkt, während Hagens Berman Sobol Shapiro auf den Marktwertverlust von rund 68 Milliarden US-Dollar verweist, der durch die Vorabmeldung zum zweiten Quartal ausgelöst wurde. Beide Kanzleien untersuchen, ob Anleger durch die Kommunikation des Managements zur Vertriebspipeline in die Irre geführt wurden.
Für den offiziellen Bericht am 22. Juli rechnet der Optionsmarkt mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent für eine Kursbewegung von mehr als 6,59 Prozent in die eine oder andere Richtung. Sollte das Umsatzwachstum im dritten Quartal unter die Marke von drei Prozent fallen, dürften nach Einschätzung von Marktbeobachtern strukturelle Zweifel an IBMs Geschäftsmodell weiter zunehmen.
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