Inflation, Krieg, Zinswende: Märkte unter Druck

Steigende Ölpreise und Anleiherenditen setzen Aktienmärkte unter Druck. Zentralbanken ringen um den richtigen geldpolitischen Kurs.

Felix Baarz ·
Inflation, Krieg, Zinswende: Märkte unter Druck

Kurz zusammengefasst

  • Brent-Öl erreicht 109 Dollar
  • Fed-Zinserhöhung wird wahrscheinlicher
  • KI-Investitionen stützen die Konjunktur
  • G7-Treffen und Nvidia-Zahlen erwartet

Der Iran-Krieg hat die globalen Finanzmärkte fest im Griff. Steigende Ölpreise, kletternde Anleiherenditen und eine zunehmend nervöse Zentralbanklandschaft – die Kombination trifft Aktionäre, Konsumenten und Währungshüter gleichermaßen. Was als geopolitischer Schock begann, entwickelt sich zu einer handfesten wirtschaftlichen Belastungsprobe.

Ölpreis und Inflation – eine gefährliche Spirale

Brent-Rohöl notiert bei rund 109 Dollar je Barrel. Der Grund: Die Straße von Hormus bleibt faktisch geschlossen, und Trumps Aussage, die USA bräuchten die Meerenge „überhaupt nicht“ offen, hat die Lage weiter eskaliert. Für die globale Energieversorgung ist das ein Ernstfall – durch die Straße von Hormus fließt ein erheblicher Teil der weltweiten Rohölexporte.

Die Folgen zeigen sich direkt in den Preisdaten. Die US-Erzeugerpreise legten im April so stark zu wie seit vier Jahren nicht mehr. An den Terminmärkten hat sich die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung um 25 Basispunkte bis Dezember binnen einer Woche mehr als verdoppelt – auf rund 40 Prozent. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichte mit 4,54 Prozent den höchsten Stand seit Juni 2025, die 30-jährige Rendite überstieg sogar die 5,1-Prozent-Marke.

Morgan Stanley sieht den Inflationsdruck zwar als beherrschbar an. Chefvolkswirt Michael Gapen betont, dass die Weitergabe von Zollerhöhungen an Konsumenten nachlasse und die Zweitrundeneffekte der Ölpreise auf die Kerninflation bisher begrenzt seien – lediglich bei Flugpreisen sei eine klare Beschleunigung erkennbar. Die Bank erwartet, dass die Fed die Zinsen für den Rest des Jahres unverändert lässt und erst 2027 mit einer graduellen Lockerung beginnt. Doch diese Einschätzung setzt voraus, dass der Krieg keine weitere Eskalationsstufe erreicht.

Aktienmärkte – KI gegen Kriegsangst

Die Börsen stehen unter Druck. Nasdaq- und S&P-500-Futures verloren am Freitag mehr als ein Prozent, der Nasdaq 100 sogar rund 1,6 Prozent. Das ist bemerkenswert, denn zuvor hatten beide Indizes noch Rekordstände markiert – der S&P 500 überstieg erstmals die 7.500-Punkte-Marke, der Dow Jones knackte die 50.000-Punkte-Hürde.

Die Luft wird dünner. „Je länger der Krieg im Nahen Osten andauert, desto höher steigen die Energiepreise – was Inflationserwartungen und Kreditkosten befeuert und den Bau neuer Rechenzentren verteuert“, warnt Ipek Ozkardeskaya von der Swissquote Bank. Damit trifft der Ölpreisschock ausgerechnet das Narrativ, das die Märkte in den vergangenen Monaten getragen hat: den KI-Boom.

Dabei liefert die Nachfrage nach KI-Infrastruktur weiterhin solide Unterstützung für die Realwirtschaft. Die US-Industrieproduktion stieg im April um 0,6 Prozent – das größte Plus seit 14 Monaten. Hochtech-Industrien legten um 1,0 Prozent zu, Halbleiter und elektronische Komponenten um 1,0 Prozent. Morgan Stanley rechnet damit, dass Investitionen in KI-Infrastruktur die Unternehmensausgaben für Sachanlagen 2026 um sieben bis acht Prozent wachsen lassen – hyperscaler-Ausgaben sollen bis 2027 die Billion-Dollar-Schwelle überschreiten.

Der Gegenwind aus den Lieferketten wächst allerdings. Der Empire-State-Index der New Yorker Fed zeigte für Mai zwar den besten Geschäftsklimastand seit vier Jahren – doch gleichzeitig erreichten Lieferverzögerungen ein Vier-Jahres-Hoch, und die Verfügbarkeit von Vorprodukten verschlechterte sich weiter.

Zentralbanken im Dilemma

Die Zentralbanken befinden sich in einer klassischen Zwickmühle: Inflation bekämpfen oder Wachstum schützen? Die Antworten fallen je nach Währungsraum unterschiedlich aus – doch die Richtung ist überall dieselbe.

In Japan sprechen sich fast zwei Drittel der befragten Ökonomen in einer Reuters-Umfrage für eine Leitzinserhöhung der Bank of Japan auf 1,0 Prozent im Juni aus. Im April hatte die BOJ den Satz noch bei 0,75 Prozent belassen – drei der neun Ratsmitglieder votierten dabei bereits für eine Erhöhung. Das Signal ist eindeutig. Ratsmitglied Kazuyuki Masu, der im April noch für eine Pause gestimmt hatte, deutete an, bei fehlenden Anzeichen einer konjunkturellen Abkühlung im Juni für eine Anhebung stimmen zu wollen.

Japan steht besonders unter Druck: Der Yen hat die Marke von 160 je Dollar durchbrochen, die Währungsbehörden griffen zuletzt mit Interventionen in einem Volumen von rund 10 Billionen Yen ein. Ohne eine straffere Geldpolitik dürfte die Wirkung dieser Eingriffe begrenzt bleiben. Die japanischen 20-jährigen Staatsanleiherenditen stiegen derweil auf den höchsten Stand seit 1996.

In den USA steht derweil ein anderer Zentralbankwechsel im Mittelpunkt. Kevin Warsh wurde vom Senat als neuer Fed-Vorsitzender bestätigt. Warsh will die Bilanz der Notenbank verkleinern und deren Eingriffe in die Märkte reduzieren. Das klingt überzeugend – doch Ökonomen warnen vor erheblichen praktischen Hürden. Stanford-Professor Hanno Lustig weist darauf hin, dass US-Staatsanleihen zunehmend ihren Status als risikofreie Anlage einbüßen. Zieht sich die Fed weiter zurück, könnten die langfristigen Zinsen weiter steigen. Das Congressional Budget Office erwartet ein Haushaltsdefizit von 5,8 Prozent des BIP im Fiskaljahr 2026 – weit über dem 50-Jahres-Durchschnitt von 3,8 Prozent.

Was die kommende Woche bringt

Die Märkte haben einige richtungsweisende Termine vor sich. Die G7-Finanzminister und Notenbankchefs treffen sich in Paris – auf der Agenda stehen der Iran-Konflikt, Lieferketten für kritische Rohstoffe und die Turbulenzen an den Anleihemärkten. Gleichzeitig legt Nvidia am Mittwoch Quartalszahlen vor – als Gradmesser für die Stimmung rund um künstliche Intelligenz ein nicht zu unterschätzender Moment.

Walmart, Home Depot und Target berichten ebenfalls. Ihre Ergebnisse dürften erste belastbare Hinweise liefern, ob der kriegsbedingte Inflationsdruck bereits das Konsumverhalten amerikanischer Haushalte verändert. Für Europa wiederum bleibt die politische Unsicherheit in Großbritannien ein Risikofaktor – britische Gilts notieren nahe 18-Jahres-Hochs, und ein möglicher Führungswechsel unter Labour könnte die Lage weiter verschärfen.

Der Iran-Krieg ist erst zwölf Wochen alt. Wie lange er anhält – und wie tief seine Spuren in der Weltwirtschaft noch werden – bleibt die alles entscheidende Unbekannte.

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