Iran-Deal bewegt Märkte
Ein möglicher Waffenstillstand zwischen USA und Iran sorgt für volatile Märkte, während Anleiherenditen auf Rekordniveau verharren.

Kurz zusammengefasst
- Waffenstillstandsabkommen noch nicht endgültig besiegelt
- US-Anleiherenditen erreichen Höchststände seit Jahren
- S&P 500 mit neunter Gewinnwoche in Folge
- KI-Sektor trotzt geopolitischen Spannungen
Ein möglicher Waffenstillstandsdeal zwischen den USA und Iran – und die Märkte halten kollektiv den Atem an. Seit dem Ausbruch des Konflikts Ende Februar hat der Iran-Krieg globale Finanzmärkte wie kaum ein anderes Ereignis in diesem Jahrzehnt erschüttert. Anleiherenditen auf Jahrzehnthochs, Ölpreise über 100 Dollar, Währungen unter Druck – und jetzt womöglich ein Ausweg.
Waffenstillstand in Sicht – aber noch nicht besiegelt
Washington und Teheran sollen sich auf ein 60-tägiges Memorandum of Understanding geeinigt haben, das eine Verlängerung des bestehenden Waffenstillstands sowie uneingeschränkten Schiffsverkehr durch die Straße von Hormuz vorsieht. Auch eine Zusage Irans, keine Atomwaffe anzustreben, soll Teil der Vereinbarung sein. Präsident Trump wurde über die Details informiert, bat jedoch um einige Tage Bedenkzeit.
Doch die Lage bleibt fragil. Nur Stunden nach den ersten Berichten über einen möglichen Deal meldete das US-Zentralkommando, dass iranische Kräfte eine ballistische Rakete auf Kuwait abgefeuert und fünf Angriffsdrohnen im Bereich der Hormuz-Straße gestartet hatten. Alle Drohnen wurden nach eigenen Angaben abgefangen. Trump selbst äußerte sich skeptisch zu Berichten über eine gemeinsame Verwaltung des Schifffahrtswegs durch Iran und Oman – und ließ mit einer markigen Drohung aufhorchen.
Ob Durchbruch oder Verzögerung: Die Marktstimmung bleibt empfindlich. „Die Märkte gehen mit gutem Appetit ins Wochenende, da sich geopolitische Ängste abschwächen“, kommentierte Daniela Hathorn von Capital.com. „Aber die Positionierung bleibt optimistisch, Bewertungen sind erhöht – und Anleger werden in den kommenden Wochen sehr sensibel auf geopolitische Schlagzeilen reagieren.“
Anleihen: Ein wilder Monat liegt hinter uns
Kaum ein Markt hat den Iran-Konflikt so deutlich gespürt wie der globale Anleihenmarkt. Die 30-jährige US-Staatsanleihe erreichte am 20. Mai eine Rendite von rund 5,2 % – den höchsten Stand seit 2007. Britische Gilt-Renditen kletterten auf Niveaus, die seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurden, japanische Anleihen notierten auf Rekordständen, und die deutsche 10-Jahresrendite erklomm den höchsten Stand seit 2011.
Die Auslöser: Stockende Friedensverhandlungen, Ölpreise über 110 Dollar und heiße Inflationsdaten. „Der Markt befürchtet, dass die Inflation länger anhält als erwartet“, fasste David Zahn von Franklin Templeton zusammen.
Was interessant ist: Während europäische Anleihen mit schwächeren Konjunkturdaten wieder Boden gutmachten – die Wirtschaftsaktivität in der Eurozone schrumpfte im Mai so stark wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr –, hielt sich die US-Rendite hartnäckig. Die 10-Jahresrendite stieg im Mai um 6 Basispunkte, während deutsche Pendants um 6 Basispunkte fielen. Händler haben Wetten auf Fed-Zinssenkungen dieses Jahr vollständig aus dem Markt gestrichen und preisen stattdessen kurzzeitig eine Erhöhung um 25 Basispunkte bis Dezember ein. Der bevorzugte Inflationsindikator der Fed zeigte im April ein Wachstum von 3,8 % gegenüber dem Vorjahr – der schnellste Anstieg seit drei Jahren.
Für UK-Gilts war Mai ein weiterer Monat zum Vergessen. 30-jährige Gilts erreichten Mitte Mai mit 5,87 % den höchsten Stand seit 1998. Neben globalen Inflationssorgen spielten politische Unsicherheiten rund um die Nachfolge von Premierminister Starmer eine Rolle.
Wall Street: Rekordserie trotz Unsicherheit
An der Wall Street sieht die Welt etwas rosiger aus. Der S&P 500 steuerte am Freitag auf seine neunte Woche in Folge mit Kursgewinnen zu – die längste Siegesserie seit Dezember 2023. Motor dieser Rally: wiederbelebter Optimismus rund um künstliche Intelligenz und starke Gewinnerwartungen.
Das beste Beispiel lieferte Dell. Der Computerhersteller schoss vorbörslich um fast 40 % nach oben, nachdem er seine Jahresprognosen für Umsatz und Gewinn angehoben hatte. Wettbewerber Hewlett Packard Enterprise und Super Micro Computer legten daraufhin 17 % bzw. 11 % zu. Auch Okta, der Anbieter für digitale Identitätsprüfung, stieg um über 8 %, nach einem umsatzstarken ersten Quartal.
Auf der anderen Seite des Spektrums: Gap verlor 15 %, nachdem der Einzelhändler seine Jahresumsatzprognose senkte – ein Signal, dass das knappe Verbraucherbudget in einem inflationsgeprägten Umfeld zunehmend belastet wird.
KI-Boom trotzt Kriegsfolgen
Während der Iran-Konflikt reale wirtschaftliche Schäden hinterlässt, wächst parallel dazu ein anderes Universum: das der KI-Bewertungen. Anthropic gab bekannt, in einer Series-H-Finanzierungsrunde 65 Milliarden Dollar eingesammelt zu haben – bei einer Bewertung von fast einer Billion Dollar. Der Run-Rate-Umsatz des Claude-Entwicklers überschritt Anfang Mai die 47-Milliarden-Dollar-Marke.
Derweil soll SpaceX seinen geplanten Börsengang mit einer Zielmarke von mindestens 1,8 Billionen Dollar anpeilen – etwas weniger als ursprünglich angestrebt, aber potenziell immer noch der größte Börsengang der Geschichte. Roadshows sollen bereits ab dem 4. Juni beginnen.
SK Hynix und Micron Technology sind zudem dem Klub der Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von über einer Billion Dollar beigetreten – getragen vom gleichen KI-Rückenwind, der Nvidia auf über fünf Billionen Dollar gehievt hat.
Was kommt als Nächstes?
Die kommende Woche wird zeigen, wie belastbar die aktuelle Erholung wirklich ist. Der US-Arbeitsmarktbericht für Mai – erwartet werden 96.000 neue Stellen und eine Arbeitslosenquote von 4,3 % – dürfte Fed-Chef Kevin Warsh, der im Juni seine erste Sitzung leitet, einen ersten großen Test bescheren. Gleichzeitig stehen Inflationsdaten aus der Eurozone auf dem Programm. Analysten erwarten eine Jahresrate von 3 %, was die Europäische Zentralbank weiter in Richtung Zinserhöhung drängen dürfte.
Die eigentliche Frage bleibt jedoch dieselbe wie seit Wochen: Kommt der Deal? Erst wenn die Hormuz-Straße wieder ungehindert passierbar ist, dürften Ölpreise und Anleiherenditen nachhaltig sinken – und die Erholungsrally auf ein solideres Fundament gestellt werden.