Iran-Konflikt erschüttert Finanzmärkte

Die Straße von Hormus wird zum geopolitischen Fieberthermometer, während hohe Ölpreise weltweit Inflationsängste schüren und Zentralbanken zum Handeln zwingen.

Felix Baarz ·
Iran-Konflikt erschüttert Finanzmärkte

Kurz zusammengefasst

  • Schiffsverkehr in Hormus als kritischer Risikobarometer
  • Ölpreise steigen deutlich auf rund 95 Dollar
  • Zentralbanken in Asien reagieren mit Zinspause
  • Australische Banken erhöhen Kreditausfallrückstellungen

Der Nahe Osten hält die Welt in Atem — und die Finanzmärkte mit. Während ein brüchiger Waffenstillstand zwischen den USA und Iran erneut auf dem Prüfstand steht, kämpfen Anleger weltweit mit einer paradoxen Mischung aus Hoffnung und Alarmbereitschaft. Öl springt. Aktien schwanken. Und die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob es einen Deal gibt — sondern wann.

Hormuz: Eine Meerenge als Fieberthermometer

Kaum ein Datenpunkt bewegt die Märkte derzeit so sehr wie die Zahl der Schiffe, die täglich die Straße von Hormus passieren. „Der kritische Barometer für geopolitisches Risiko ist auf einen einzigen Datenpunkt reduziert worden: die Anzahl der Schiffe, die durch die Straße von Hormus fahren“, formuliert es Bob Savage von BNY treffend.

Am Wochenende wurde die Meerenge erneut faktisch geschlossen — Irans Militär erklärte sie unter seiner Kontrolle. Trotzdem zeigten Daten des Analysehauses Kpler, dass am Samstag mehr als 20 Schiffe mit Öl, Metallen, Gas und Düngemitteln passiert hatten — der betriebsamste Tag seit dem 1. März. Ein widersprüchliches Bild, das den Ton der gesamten Handelswoche setzt.

Brent-Rohöl legte zu Wochenbeginn rund fünf Prozent auf etwa 95 US-Dollar je Barrel zu. Das ist weit entfernt von den knapp 67 Dollar, die kurz vor Ausbruch des US-israelischen Angriffs auf Iran Ende Februar galten — und noch weit von der psychologisch wichtigen 100-Dollar-Marke entfernt. S&P-500-Futures gaben rund 0,6 Prozent nach, europäische Futures sogar 1,1 Prozent. Asiatische Börsen zeigten sich robuster: Nikkei, KOSPI und der Hang Seng legten allesamt zu, Taiwans Aktienmarkt erreichte sogar ein Rekordhoch.

Verhandlungschaos und kalkulierter Druck

Die diplomatische Lage ist verworren. Iran lehnte eine zweite Verhandlungsrunde mit den USA ab und begründete dies mit „überzogenen Forderungen“ und „ständigen Positionswechseln“ Washingtons. Teherans Vizeaußenminister Saeed Khatibzadeh betonte, man wolle erst einen gemeinsamen Rahmen vereinbaren, bevor Gespräche wieder aufgenommen werden — und machte deutlich, Iran werde keine Ausnahme vom internationalen Recht akzeptieren, eine klare Anspielung auf US-Forderungen zum Atomprogramm.

US-Präsident Donald Trump wiederum drohte mit neuen Militärschlägen, sollte Iran seinen Bedingungen nicht zustimmen. Gleichzeitig kündigte er eine Delegation nach Islamabad an, angeführt von Vizepräsident JD Vance. Und US-Energieminister Chris Wright signalisierte auf Fox News Optimismus: Man sei „nicht weit von einem Deal entfernt“. Trump sei eben ein „kreativer Verhandler“, der Druck und Unberechenbarkeit als Strategie einsetze.

Für Marktbeobachter ist genau diese Ambiguität das Entscheidende. „Ich denke, letztlich wollen beide Seiten einen Deal — das ist ein Teil des Grundes, warum der Markt optimistisch bleibt und nicht zu stark verkauft“, sagt Damien Boey von Wilson Asset Management in Sydney. Phillip Securities fasst es noch direkter zusammen: Trumps Fokus auf die Zwischenwahlen im November spreche für eine Lösung.

Inflation, Zentralbanken, globale Folgen

Der Konflikt strahlt weit über den Golf hinaus. Die anhaltend hohen Ölpreise — US-Rohöl kostet rund 85 Dollar pro Barrel, verglichen mit 67 Dollar vor Kriegsausbruch — treiben Inflationserwartungen und bremsen Zinssenkungsfantasien rund um den Globus.

In Indonesien etwa hat die Zentralbank ihre dovische Haltung vollständig aufgegeben. Alle 31 in einer Reuters-Umfrage befragten Ökonomen erwarten, dass Bank Indonesia den Leitzins am Mittwoch unverändert bei 4,75 Prozent belässt. Noch im März hatten 70 Prozent der Befragten noch mindestens eine Zinssenkung für das zweite Quartal erwartet — eine scharfe Kehrtwende. Die Rupiah hat in diesem Jahr bereits rund drei Prozent an Wert verloren, die Inflation liegt mit 3,48 Prozent nahe der Obergrenze des Zielkorridors. „Kapitalbewegungen, steigende Inflationserwartungen und höhere Staatsanleiherenditen durch den Krieg — das sind die drei Haupttreiber“, erklärt Ökonom Elbert Timothy Lasiman von der Bank Central Asia. Sollte Jakarta die Kraftstoffsubventionen kürzen, könnte die Inflation auf bis zu fünf Prozent steigen.

Auch die Bank of Japan laviert zwischen Zinserhöhungsabsicht und Vorsicht. BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda ließ bei den IMF-Treffen in Washington bewusst beide Optionen offen. Während Märkte die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im April auf rund zehn Prozent reduziert haben — nach einem Hochpunkt von 70 Prozent Anfang des Monats — sehen 80 Prozent der Marktteilnehmer eine Erhöhung bis Juni als wahrscheinlich an. Japans Leitzins liegt bei 0,75 Prozent, bei einer Inflation von rund zwei Prozent real tief im negativen Bereich. Hinzu kommt Druck auf den Yen, der sich gefährlich der Marke von 160 je Dollar nähert.

Unternehmensseite: Wo der Krieg Bilanzen trifft

Besonders anschaulich zeigen sich die wirtschaftlichen Folgen in der Bankenwelt. Die National Australia Bank, Australiens größter Gewerbekredit-Geber, gab bekannt, Kreditausfallrückstellungen von umgerechnet rund 503 Millionen US-Dollar für das erste Halbjahr zu verbuchen — ein deutlicher Anstieg gegenüber 348 Millionen im Vorjahreszeitraum. Besonders betroffen: Transport und Landwirtschaft, wo knappe Diesel- und Treibstoffversorgung die Rückstellungen um 201 Millionen australische Dollar in die Höhe trieb. Die NAB-Aktie verlor zeitweise 3,8 Prozent. Westpac hatte bereits zuvor ähnliche Schritte angekündigt.

An der Wall Street hingegen läuft die Berichtssaison an — und sie startet stark. S&P-500-Gewinne sollen im ersten Quartal um rund 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegen. Nach einem Kurseinbruch von neun Prozent seit Kriegsbeginn hat der Index seit seinem Tief am 30. März um zwölf Prozent zugelegt und die 7.000-Punkte-Marke erstmals überschritten. Der Nasdaq beendete die vergangene Woche mit seinem 13. Gewinntag in Folge — das gab es zuletzt 1992.

„Der Aktienmarkt behandelt das, was in den letzten sechs Wochen passiert ist, als wäre er gerade aus einem bösen Traum erwacht“, mahnt Michael Mullaney von Boston Partners. „Als gäbe es keine weiteren Konsequenzen. Dem stimme ich nicht zu.“

Die Frage, ob die Märkte die Risiken realistisch einpreisen oder die Hoffnung auf einen Deal zu früh gefeiert haben, bleibt offen. Die nächsten Tage — und vor allem der Verlauf der Verhandlungen — werden zeigen, ob der Optimismus trägt.

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