Der Ölpreis nahe 100 Dollar pro Barrel, die Straße von Hormus faktisch blockiert, und die US-Notenbank in der Zwickmühle zwischen Inflation und Konjunkturangst: Der Krieg gegen Iran hat die globalen Finanzmärkte in eine Ausnahmesituation versetzt, die Investoren weltweit unter Druck setzt.
Energieschock mit globaler Sprengkraft
Seit US-amerikanische und israelische Luftangriffe auf Iran vor rund zwei Wochen begannen, hat sich der Konflikt dramatisch ausgeweitet. Irans Gegenangriffe mit Drohnen und Raketen treffen Ziele in Qatar, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Allein die Emirate meldeten seit Beginn der Feindseligkeiten den Abschuss von rund 1.600 Drohnen und 300 Raketen. Die Straße von Hormus, durch die täglich ein erheblicher Teil der weltweiten Ölversorgung fließt, ist de facto blockiert.
US-Rohöl schoss zu Wochenbeginn auf fast 120 Dollar pro Barrel. Bis Freitag pendelte der Preis um die vielbeachtete Marke von 100 Dollar. Teheran seinerseits warnte, die Welt solle sich auf Öl zu 200 Dollar gefasst machen. Präsident Trump lehnte iranische Waffenstillstandsangebote unterdessen kategorisch ab: Die Bedingungen, einschließlich der vollständigen Aufgabe des iranischen Atomprogramms, seien noch nicht erfüllt.
Der Hafen von Fujairah, das entscheidende Sicherheitsventil der Region, nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Als Umgehungsroute für die Meerenge transportiert er täglich rund eine Million Barrel emiratisches Rohöl. Trotz eines drohnenbedingten Feuers am Wochenende lief der Betrieb am Sonntag wieder an – ein fragiler Lichtblick für die globale Versorgung.
Fed in der Warteschleife
An den Aktienmärkten schlägt sich die Unsicherheit direkt nieder. Der S&P 500 verzeichnete seine dritte Verlustwoche in Folge und liegt rund 5 Prozent unter seinem Rekordhoch von Ende Januar. Die Schwankungsbreite ist hoch; jede Meldung aus der Region bewegt die Kurse spürbar.
In dieser Gemengelage tritt die US-Notenbank in dieser Woche zu ihrer ersten Sitzung seit Kriegsbeginn zusammen. Die Fed steht vor einem klassischen Dilemma: Steigende Energiepreise heizen die Inflation an, gleichzeitig belastet der Konjunkturgegenwind aus dem Ölschock das Wachstum. Die Märkte haben ihre Zinssenkungs-Erwartungen bereits deutlich zurückgeschraubt. Statt zwei Senkungen bis Dezember, wie noch Ende Februar eingepreist, gilt nun knapp eine als wahrscheinlich.
„Die Fed wird im Mittelpunkt stehen – gerade weil die Märkte ihre Zinssenkungserwartungen bereits nach hinten geschoben haben“, sagte Angelo Kourkafas von Edward Jones. Die Notenbank werde voraussichtlich die Zinsen erneut unverändert lassen und in einem längeren Wartezustand verharren, meinen Analysten. Besondere Aufmerksamkeit gilt den aktualisierten Wirtschaftsprojektionen und der Pressekonferenz von Fed-Chef Jerome Powell am Mittwoch.
Rezessionsgefahr steigt
Wie gefährlich die Lage werden kann, zeigen Modelle von Wells Fargo: Ein dauerhafter Anstieg der Ölpreise um 50 Prozent könnte das reale Konsumwachstum in den USA um etwa einen Prozentpunkt drücken und damit die positiven Effekte jüngster Steuersenkungen aufzehren. Bei einem anhaltenden Preisniveau von rund 130 Dollar pro Barrel – also ungefähr dem Doppelten des Vorkonfliktniveaus – rechnen Ökonomen sogar mit aufeinanderfolgenden Quartalsrückgängen beim Konsum, was klassisch als Rezessionssignal gilt.
Morgan Stanley ergänzt dieses Bild: Vor allem jüngere und kreditabhängige Haushalte dürften ihre Ausgaben zuerst und am stärksten kürzen. Besonders Ermessensausgaben wie Restaurantbesuche, Reisen und Bekleidung stehen auf der Streichliste, wenn die Benzinrechnung steigt. Ökonomen betonen allerdings, dass ein kurzer Preisanstieg noch beherrschbar wäre – die entscheidende Frage ist die Dauer des Schocks.
Japanische Aktien und europäische Versicherer im Fokus
Die geopolitischen Erschütterungen machen auch vor anderen Märkten nicht halt. Goldman Sachs hat seine kurzfristigen Kursziele für den japanischen TOPIX-Index gesenkt: Das Drei-Monats-Ziel fiel von 4.200 auf 3.900 Punkte, das Sechs-Monats-Ziel von 4.400 auf 4.100. Japan ist als energieimportabhängige Volkswirtschaft besonders verletzlich. Goldman verdoppelte zudem seine Annahmen über die Dauer reduzierter Öllieferungen durch die Straße von Hormus auf etwa 21 Tage. Tokio reagierte und gab 80 Millionen Barrel aus strategischen Reserven frei – zusätzlich zu den 180 Millionen Barrel, die Washington bereitstellte.
In Europa rücken Versicherer ins Blickfeld, wenngleich aus anderen Gründen. Bedenken über das Engagement in Private-Credit-Märkten hatten die Branche zuletzt belastet. Analysten der Bank of America zeigen sich jedoch weniger alarmiert als die Marktreaktion vermuten ließ: Im Schnitt entfallen rund 11 Prozent der Kapitalanlagen europäischer Versicherer auf Private Credit und Private Equity, und selbst in einem extremen Stressszenario beliefen sich potenzielle Verluste auf lediglich etwa 4 Prozent der Marktkapitalisierung des Sektors – ein verkraftbares Niveau angesichts der soliden Eigenkapitalausstattung der Branche.
Was bleibt offen
Trump hat klargemacht, dass er auf weitere Schläge gegen iranische Energieanlagen verzichtet – vorerst. Sollte Teheran jedoch Minen und Drohnenangriffe auf den Schiffsverkehr fortsetzen, droht er mit einer Eskalation. Wie lange Fujairah als Sicherheitsventil standhält, wie schnell die Notenbank auf wirtschaftliche Bremsspuren reagieren kann und ob eine multinationale Marinemission die Meerenge tatsächlich wieder öffnen lässt – das sind die Fragen, die Investoren in den kommenden Wochen antreiben werden. Die Märkte haben noch keine Antworten. Aber sie preisen die Unsicherheit bereits ein.
