Iran-Krieg erschüttert Weltwirtschaft

Der Iran-Konflikt treibt Inflation, Hypothekenzinsen und Rohstoffpreise weltweit in die Höhe.

Felix Baarz ·
Iran-Krieg erschüttert Weltwirtschaft

Kurz zusammengefasst

  • Ölpreis fällt nach Waffenstillstands-Hoffnung
  • US-Hypothekenzinsen auf Neunmonatshoch
  • Ernährungsunsicherheit in den USA steigt
  • Sri Lanka erhöht Leitzins überraschend

Der Iran-Krieg ist längst kein regionales Ereignis mehr. Er zieht sich wie ein roter Faden durch die globalen Finanzmärkte – von überhitzten Rohstoffpreisen über wachsende Lebensmittelarmut in den USA bis hin zu Währungskrisen in Entwicklungsländern. Die Kettenreaktion, die der Konflikt ausgelöst hat, trifft arm und reich, Industrie- und Schwellenländer gleichermaßen – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.

Ölpreisschock als globaler Transmissionsriemen

Die Hoffnung auf eine baldige Einigung wächst. Ein inoffizieller Entwurf eines US-iranischen Waffenstillstandsabkommens, der von iranischem Staatsfernsehen berichtet wurde, deutet darauf hin, dass die Meerenge von Hormus innerhalb eines Monats nach Unterzeichnung wieder für den Schiffsverkehr geöffnet werden könnte. Brent-Rohöl fiel daraufhin um fast fünf Prozent auf unter 95 Dollar je Barrel – ein Rückgang von mehr als acht Prozent allein in dieser Woche.

Doch Vorsicht ist geboten. US-Außenminister Marco Rubio sagte, eine Einigung könnte „noch ein paar Tage“ dauern, und US-Angriffe auf den Iran haben den Optimismus bereits einmal getrübt. Die Märkte schwanken zwischen Erleichterung und Skepsis.

Die Folgen des Ölpreisschocks sind dabei bereits tief im globalen Wirtschaftsgefüge verankert. In den USA stieg die Verbraucherpreisinflation auf 3,8 Prozent im Jahresvergleich – verglichen mit 2,9 Prozent noch vor neun Monaten. Die Federal Reserve, unter ihrem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh, sieht sich mit einer unbequemen Frage konfrontiert: Erhöht man die Zinsen, um die Inflation zu bekämpfen, obwohl der Immobilienmarkt bereits ächzt?

Hypothekenmarkt unter Druck

Die Antwort der Märkte fällt eindeutig aus. Der durchschnittliche Zinssatz für 30-jährige Hypotheken stieg zuletzt auf 6,65 Prozent – den höchsten Stand seit neun Monaten – und Hypothekenanträge brachen um 8,5 Prozent ein. Finanzielle Märkte preisen inzwischen sogar eine mögliche Zinserhöhung der Fed bis Jahresende ein, obwohl Präsident Trump nach Warshs Amtseinführung öffentlich sinkende Zinsen einforderte.

Das trifft einen ohnehin angespannten Immobilienmarkt. Knapp zwei Drittel aller ausstehenden US-Hypotheken haben noch Zinssätze unter fünf Prozent – ein Niveau, das seit über vier Jahren nicht mehr zu bekommen ist. Wer heute verkaufen und neu kaufen würde, zahlt drauf. Die Folge: Kaum jemand verkauft. Die Umsatzquote im Bestandsimmobilienmarkt liegt bei 4,7 Prozent – niedriger als auf dem Tiefpunkt der Finanzkrise 2008, wie Oxford Economics festgestellt hat.

Die gespaltene Gesellschaft: Wohlstand und Hunger nebeneinander

Während Aktionäre von steigenden Kursen profitieren, malt die New Yorker Federal Reserve ein düsteres Bild der gesellschaftlichen Realität. In einer aktuellen Studie berichten die Ökonomen von einem „bemerkenswerten Anstieg der Ernährungsunsicherheit“ – besonders unter einkommensschwachen Haushalten, weniger gut Ausgebildeten und Familien mit kleinen Kindern.

Zwischen Oktober 2025 und Februar 2026 stieg der Anteil der Haushalte messbar, die Ersparnisse aufbrauchen mussten, nicht genug zu essen hatten oder staatliche Lebensmittelhilfe in Anspruch nahmen. Die Studie liefert damit eine Erklärung für ein scheinbares Paradox: Die Konjunkturdaten sehen solide aus, doch die Verbraucherstimmung ist miserabel. Das liegt daran, dass die wirtschaftliche Realität für die untere Hälfte der Gesellschaft eine gänzlich andere ist. „Das untere Ende der K-förmigen Wirtschaft repräsentiert einen erheblichen Teil der Mittel- und Unterschicht, die unter erhöhter wirtschaftlicher Unsicherheit leidet“, heißt es im Bericht.

Aluminium, Kanada und die Neuordnung der Lieferketten

Der Ölschock umgestaltet auch die globalen Rohstoffströme. Europa, das rund 21 Prozent seines Aluminiums aus dem Nahen Osten bezog, kämpft nun mit einem strukturellen Angebotsdefizit. Bank-of-America-Analyst Michael Widmer schätzt den europäischen Fehlbedarf 2026 auf 5,6 Millionen Tonnen.

Kanada füllt diese Lücke – und nutzt dabei gleichzeitig die Situation aus, die US-Präsident Trump mit seinen 50-prozentigen Zöllen auf kanadisches Aluminium selbst geschaffen hat. Kanadische Produzenten schicken ihr Metall lieber nach Europa, wo die Prämien um 73 Prozent auf ein Rekordhoch von 621 Dollar je Tonne gestiegen sind. In den USA zahlen Abnehmer inzwischen rund 6.200 Dollar je Tonne – verglichen mit 4.300 Dollar in Europa. Der Anteil Kanadas an US-Aluminiumimporten fiel im ersten Quartal auf 54 Prozent, gegenüber 75 Prozent noch vor zwei Jahren.

Sri Lanka und das Tightrope-Walking der Schwellenländer

Am deutlichsten zeigt sich die globale Verwundbarkeit in Sri Lanka. Die Insel hob ihren Leitzins überraschend um 100 Basispunkte auf 8,75 Prozent an – der erste Zinsschritt nach oben seit mehr als drei Jahren. Auslöser: gestiegene Energiekosten durch den Iran-Krieg, die die Devisenreserven belasten und die Inflation von 2,2 Prozent im März auf 5,4 Prozent im April treiben ließen.

Analysten reagierten besorgt. „Das ist eine Überreaktion“, sagte Dimantha Mathew von First Capital und senkte seine Wachstumsprognose für 2026 auf 2,5 bis 3,0 Prozent. Auch Citi und das Analysehaus CAL strichen ihre Erwartungen zusammen. Das IMF-Exekutivdirektorium trifft sich noch am selben Tag, um über eine Auszahlung von 700 Millionen Dollar in zwei Tranchen zu entscheiden – Geld, das Sri Lanka dringend braucht, um seine auf 6,7 Milliarden Dollar geschrumpften Reserven zu stützen.

Yen und Zentralbanken im Spannungsfeld

An den Devisenmärkten spiegelt sich die globale Unsicherheit ebenfalls wider. Der Yen näherte sich mit 159,45 je Dollar erneut der kritischen Marke von 160, bei der Japan zuletzt im April intervenierte. Bank-of-Japan-Gouverneur Kazuo Ueda warnte, der ölpreisgetriebene Schock könnte sich in einem Umfeld steigender Löhne und Inflationserwartungen als dauerhaft erweisen. Die Märkte sehen eine 70-prozentige Chance auf eine BOJ-Zinserhöhung beim Treffen Mitte Juni.

Gleichzeitig arbeiten führende Zentralbanken an der Infrastruktur der Zukunft. Das BIZ-Projekt Agora, an dem die New Yorker Fed sowie Zentralbanken aus Europa, Korea, Mexiko und Japan beteiligt sind, hat in der jüngsten Testrunde erfolgreich tokenisierte Zentralbankreserven und kommerzielle Bankeinlagen kombiniert. Ein „Always-on“-Zahlungssystem rund um die Uhr soll grenzüberschreitende Transaktionen schneller und günstiger machen. Kanadas Zentralbank wird dem Projekt beitreten. Es bleibt ein Wettlauf – nicht zuletzt mit Chinas parallelem mBridge-Projekt.

Der Iran-Krieg mag eines Tages enden. Seine wirtschaftlichen Spuren werden noch lange zu sehen sein.

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