Iran-Krieg erschüttert Weltwirtschaft
Der Iran-Krieg treibt Ölpreise, belastet Immobilienmärkte und zwingt Zentralbanken zu strafferer Geldpolitik.
Kurz zusammengefasst
- Fitch senkt globale Wachstumsprognose
- Ölpreis-Prognose auf 87 Dollar angehoben
- Fed vor Zinserhöhung im Dezember
- Privatkredit-Vergabe bricht ein
Der US-Iran-Krieg ist längst kein regionales Ereignis mehr. Er verändert die globale Wirtschaftsordnung — von den Ölfeldern des Persischen Golfs bis zu den Immobilienmärkten Londons, von der US-Notenbank bis zu den Privatkreditfonds in New York.
Fitch Ratings hat seine globale Wachstumsprognose auf 2,4 Prozent gesenkt, die OECD warnt in dieselbe Richtung, und der Internationale Währungsfonds rechnet nun nicht mehr mit einer Rückkehr der US-Inflation auf das Fed-Ziel von zwei Prozent vor Ende 2027. Das sind keine isolierten Prognosen — das ist ein Muster.
Ölschock im vierten Monat
Die Schließung der Straße von Hormus hat die Weltenergieversorgung in einer Weise erschüttert, die nun in fast jeder Wirtschaftskennzahl sichtbar wird. Fitch hat seine Brent-Prognose für 2026 von 70 auf 87 Dollar pro Barrel angehoben. Eine Wiedereröffnung der strategisch entscheidenden Meerenge gilt vor Juli als unwahrscheinlich — die Verhandlungen zwischen Washington und Teheran stocken.
Gleichzeitig hat die OPEC-Rohölförderung im Mai auf den niedrigsten Stand seit 37 Jahren nachgegeben. Die elf verbliebenen Mitglieder — ohne die Vereinigten Arabischen Emirate, die nach sechs Jahrzehnten den Verband im Vormonat verlassen haben — förderten zusammen nur noch 16,33 Millionen Barrel pro Tag. Die US-Blockade der iranischen Häfen, die Mitte April in Kraft trat, hat die Lage zugespitzt: Der iranische Output sank um 710.000 Barrel pro Tag auf ein Fünf-Jahres-Tief von 2,34 Millionen Barrel täglich. Kuwait kam zeitweise auf weniger als ein Fünftel seiner Vorkriegskapazität.
Pikant dabei: Trotz dieser Produktionseinbrüche planen OPEC+ und seine Verbündeten, die Förderquoten im Juli um 188.000 Barrel pro Tag zu erhöhen — ein Signal politischer Zuversicht, das mit der physischen Realität wenig gemein hat.
Die Fed unter Druck
Der Ölschock trifft auf eine US-Wirtschaft, die sich bemerkenswert robust zeigt — und genau das macht die Lage für die US-Notenbank so heikel. Der Arbeitsmarktbericht für Mai überraschte deutlich: 172.000 neue Stellen wurden geschaffen, mehr als doppelt so viele wie Ökonomen erwartet hatten. Die Arbeitslosenquote verharrt seit drei Monaten bei 4,3 Prozent. Und die Revisionen für März und April fielen ebenfalls nach oben aus.
Für Kevin Warsh, der Jerome Powell Mitte Mai als Fed-Vorsitzender ablöste, kommt das zur Unzeit. Er hatte sich im Vorfeld seiner Nominierung für niedrigere Zinsen ausgesprochen — auf Basis von Produktivitätsgewinnen durch künstliche Intelligenz und günstigerer Inflation. Die Daten spielen nicht mit.
Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen stieg nach dem Arbeitsmarktbericht um zehn Basispunkte auf 4,15 Prozent, die zehnjährige Rendite kletterte auf 4,54 Prozent. Der Markt für Zinsfutures zeigt nun eine 65-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im Dezember — vor dem Bericht lag dieser Wert noch bei 48 Prozent.
„Die Arbeitslosigkeit sinkt tendenziell, die Kerninflation war schon vor dem Krieg erhöht und beschleunigt sich möglicherweise noch“, sagt Will Compernolle von FHN Financial. „Der Fall für eine Straffung der Geldpolitik — unabhängig vom Kriegsrisiko — ist sehr relevant geworden.“ Fed-Gouverneur Christopher Waller schließt weitere Zinserhöhungen nicht mehr aus. Drei Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses hatten beim Treffen Ende April bereits für eine restriktivere Haltung gestimmt.
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Reichen starke Arbeitsmarktdaten allein, um Warsh bei seinem ersten Treffen am 16. und 17. Juni zur Zinserhöhung zu zwingen? Marc Chandler von Bannockburn Global Forex glaubt das nicht. Doch er räumt ein: Eine Erhöhung vor Jahresende hält er für gut möglich.
Ansteckung jenseits der USA
Die Auswirkungen des Ölschocks reichen weit über Amerika hinaus. Auf dem britischen Immobilienmarkt hinterlässt der Iran-Krieg klare Spuren. Die durchschnittlichen Hypothekenzinsen sind seit Kriegsbeginn um fast einen Prozentpunkt gestiegen. Die Hauspreise gaben im Mai zum dritten Mal in Folge nach — um 0,1 Prozent zum Vormonat, auf nun 298.806 Pfund im Schnitt. Das jährliche Wachstum von 0,5 Prozent liegt weit unter den Erwartungen.
„Preistrends spiegeln weiterhin die Unsicherheit aus dem Nahen Osten wider“, kommentierte Amanda Bryden, Hypothekenchefin bei Halifax. Die geografischen Unterschiede sind dabei frappierend: Nordirland verzeichnet mit 7,8 Prozent das stärkste Jahreswachstum, während London und Südostengland mit minus 1,5 beziehungsweise minus 2,1 Prozent im Minus liegen. Der Londoner Immobilienmarkt büßt also gerade deutlich ein — unter anderem, weil Finanzmärkte für die Bank of England mittlerweile eher Zinserhöhungen als -senkungen einpreisen.
Fitch erwartet unter seinem Basisszenario US-Wachstum von 1,9 Prozent und Eurozonen-Wachstum von mageren 0,9 Prozent. In einem Negativszenario — Brent bei 100 Dollar, Aktienmärkte zehn Prozent im Minus — könnte das US-Wachstum auf 0,8 Prozent absacken.
Privatkreditmärkte kühlen ab
Parallel dazu zeigt sich in einem bislang boomenden Segment der Finanzmärkte ein Stimmungsumschwung. Die Vergabe von Direktkrediten durch Privatkredit-Fonds ist im Zeitraum bis Mai 2026 auf 44,76 Milliarden Dollar gesunken — ein Rückgang von rund 40 Prozent gegenüber dem ersten Quartal. Blackstone und Cliffwater mussten Auszahlungen aus ihren Fonds deckeln, nachdem Rückgabeanträge die Quartalslimits überschritten hatten.
Die Verlangsamung hat mehrere Ursachen: schwächere Kapitalzuflüsse, gestiegene Rückgabeforderungen, wachsende Skepsis gegenüber der Kreditqualität — besonders im Softwarebereich, wo Anleihen des Sektors im laufenden Jahr 4,7 Prozent verloren haben. Der breite Kreditindex liegt dagegen im Plus. Zugleich kehrt der günstigere, syndizierte Kreditmarkt als Konkurrenz zurück.
Überraschend starke Jobs — auch in Kanada
Gegen den allgemeinen Abschwächungstrend stemmt sich Kanada. Der Arbeitsmarkt überraschte im Mai mit 87.800 neuen Stellen, die Arbeitslosigkeit sank auf 6,6 Prozent — nach einem Sechsmonatshoch von 6,9 Prozent im April. Das ist bemerkenswerter als es klingt: Kanada befand sich zuvor in einer technischen Rezession, und der Mai markierte die erste nennenswerte Jobschaffung des gesamten Jahres 2026.
Die Ausgleichsfunktion des FIFA-Weltcups, der teilweise in Kanada stattfindet, dürfte in den kommenden Monaten weitere Impulse liefern. Dennoch bleibt der Gesamtkontext schwierig: Die Lohnsteigerungen verlangsamen sich deutlich, von 4,8 auf 3,2 Prozent, was den Preisdruck etwas dämpft.
Was bleibt, ist ein Bild globaler Zerbrechlichkeit. Ein Krieg, der vor vier Monaten begann, hat Ölpreise verändert, Zentralbanken in die Defensive gedrängt, Immobilienmärkte gebremst und den Privatkreditboom abgekühlt. Wie lange der Hormuz-Effekt noch nachhallt — das ist die entscheidende Frage für den Rest des Jahres.
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