Iran-Krieg spaltet Finanzmärkte

Aktien haben Kriegsverluste ausgeglichen, doch hohe Ölpreise und Inflationsängste belasten Anleihen. Der IWF warnt vor einem globalen Wachstumseinbruch.

Felix Baarz ·
Iran-Krieg spaltet Finanzmärkte

Kurz zusammengefasst

  • S&P 500 notiert wieder über Vorkriegsniveau
  • Ölpreise verharren auf historisch hohem Niveau
  • IWF warnt vor globaler Rezessionsgefahr
  • Anleiherenditen steigen, Zinssenkungen unwahrscheinlich

Acht Wochen nach Ausbruch des Iran-Kriegs am 28. Februar zeigt sich an den globalen Finanzmärkten ein merkwürdiges Bild: US-Aktien haben ihre Verluste vollständig aufgeholt, während Anleihen unter Druck bleiben, Ölpreise auf historisch erhöhtem Niveau verharren und der IWF düstere Warnungen ausspricht. Die Märkte wetten auf ein baldiges Ende des Konflikts — aber was, wenn diese Wette falsch ist?

Aktienrally auf tönernen Füßen

Der S&P 500 schloss zuletzt bei 6.967 Punkten — damit liegt er wieder über seinem Stand vom 27. Februar, dem letzten Tag vor den ersten US-israelischen Luftangriffen auf Iran. Vom Tief Ende März hat der Index bereits 10 % aufgeholt. Die sogenannte „Fear-Gauge“, der VIX-Volatilitätsindex, ist von einem Zehn-Monats-Hoch über 35 wieder unter 20 gefallen.

Treiber dieser Erholung ist vor allem die Hoffnung auf ein Kriegsende. Trump erklärte gegenüber Fox News, der Konflikt sei „nahe am Ende“, und deutete gegenüber dem britischen Sender Sky News an, eine dauerhafte Waffenruhe könnte noch vor dem Besuch von König Charles erreicht werden. Ein zweiwöchiger Waffenstillstand bis zum 21. April läuft noch. In Pakistan sollen in den nächsten Tagen neue Gespräche folgen.

Doch Skepsis ist angebracht. „Es steckt viel Selbstgefälligkeit darin, dass sich das schnell lösen lässt“, sagt Brad Conger, CIO bei Hirtle Callaghan. „Ich denke, wir stehen deutlich schlechter da als am 27. Februar — und notieren dennoch auf demselben Preisniveau.“ Tatsächlich sind Ölpreise 40 % teurer als vor dem Krieg, Anleiherenditen deutlich höher, und Zinssenkungen der US-Notenbank sind für dieses Jahr praktisch ausgepreist.

Das Öl-Problem lässt sich nicht wegoptimieren

Hier liegt der eigentliche Riss im optimistischen Marktbild. Brent-Futures handeln zwar unter 100 Dollar, doch auf dem physischen Markt zahlen Raffinerien für nordseebezogenes Rohöl zur nahen Lieferung über 140 Dollar pro Barrel — fast das Doppelte des Vorkriegsniveaus. Iran hat die Straße von Hormuz, durch die ein Fünftel des globalen Öl- und Gashandels fließt, weitgehend blockiert. Die US-Marine hat nun ihrerseits eine vollständige Seeblockade iranischer Häfen verhängt.

Der IWF formulierte es vergangene Woche ungewöhnlich direkt: Sein Chefökonom Pierre-Olivier Gourinchas sagte, die Prognosen seien möglicherweise bereits veraltet — man driften täglich näher an das „adverse Szenario“ heran. Dieses mittlere Negativszenario sieht Ölpreise um die 100 Dollar für 2026 und globales Wachstum von nur noch 2,5 %, nach 3,4 % im Jahr 2025. Im schlimmsten Fall — einem ausgeweiteten Konflikt — würde die Weltwirtschaft mit 2,0 % Wachstum an eine globale Rezession heranschrammen. Globale Inflation könnte in diesem Szenario auf über 6 % steigen.

Anleihen und Währungen zeigen das wahre Bild

Während Aktien die Kriegsverluste ausgewischt haben, erzählen Anleihemärkte eine andere Geschichte. Die zweijährige US-Treasury-Rendite liegt rund 40 Basispunkte über dem Vorkriegsniveau, die britische Zwei-Jahres-Rendite sogar 75 Basispunkte höher. Der Ölpreisschock hat die Inflationserwartungen angeheizt — und damit die Zentralbanken in eine schwierige Lage manövriert. Marktpreise deuten nun darauf hin, dass EZB und Bank of England in diesem Jahr eher Zinsen anheben als senken könnten. Die Fed dürfte bestenfalls eine einzige Zinssenkung liefern, wie auch Ex-Finanzministerin Janet Yellen beim HSBC Global Investment Summit in Hongkong andeutete.

Der Dollar hat fast alle Kriegsgewinne abgegeben und notiert wieder auf dem Niveau vom 28. Februar. Der Euro steht bei rund 1,18 Dollar. MUFG-Stratege Lee Hardman warnt jedoch vor überhasteten Schlussfolgerungen: „Der Markt unterschätzt möglicherweise den Energiepreisschock und seine Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.“

Gold hat sich als klassischer Krisenprofiteur diesmal blamiert — es liegt fast 10 % unter dem Vorkriegsniveau. Anleger griffen im März massiv auf Goldbestände zurück, um Verluste anderswo zu decken. BlackRock hält in seinem aktuellen Hedgefonds-Ausblick fest, dass traditionelle Absicherungsklassen wie Langläuferanleihen und Gold in diesem Jahr ihre Schutzfunktion verfehlt haben — und rät Investoren, Engagements breiter über verschiedene Strategien zu streuen.

Divergierende Welten: Exporteure gegen Importeure

Regional zeigt der Krieg tiefe Spaltungslinien. Brasilien, ein großer Ölexporteur, hat seinen Hauptaktienindex 5 % über Vorkriegsniveau gehoben, der Real legte 2,7 % gegenüber dem Dollar zu. Norwegen profitiert ähnlich. Auf der anderen Seite: Europa, Japan und Südkorea als Energieimporteure leiden. Der europäische STOXX 600 liegt 2 % unter Vorkriegsniveau, der DAX sogar fast 5 % tiefer. Die Philippinen haben den nationalen Notstand ausgerufen, ihr Aktienmarkt hat 8 % verloren.

Im Bereich Private Credit sieht PIMCO-CIO Daniel Ivascyn die Lage differenziert: kein systemisches Risiko, aber Liquiditätsherausforderungen. Große Häuser wie Blue Owl, Ares, Apollo, Blackstone und KKR haben Rücknahmen aus ihren Private-Credit-Fonds eingeschränkt. PIMCO nutzt die Situation aktiv: Der Anleiheriese soll alle 400 Millionen Dollar an Anleihen eines Blue-Owl-Fonds aufgekauft haben. „Es wird mehr motivierte Verkäufer geben“, so Ivascyn — und PIMCO positioniert sich bereits dafür.

Zwischen Hoffnung und Realität

Die Gewinnaussichten für US-Unternehmen liefern kurzfristig Rückenwind: S&P-500-Konzerne sollen ihre Gewinne 2026 um 19 % steigern — vor Kriegsbeginn waren es noch 15 %. Erste Quartalsergebnisse von Goldman Sachs und JPMorgan zeigten Rekordumsätze im Handelsgeschäft, befeuert durch die hohe Volatilität.

Ob das reicht, werden die kommenden Wochen zeigen. Ein dauerhafter Ölpreisschock, ausbleibende Zinssenkungen und eine abkühlende Weltwirtschaft sind kein gutes Fundament für Rekordkurse. Die Märkte spielen auf Zeit — und hoffen, dass die Uhr auf ihrer Seite tickt.

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