Die Eskalation im Nahen Osten versetzt die Finanzmärkte in Alarmbereitschaft. Während die Ölpreise auf ein Mehrmonatshoch klettern und der US-Leitindex S&P 500 in der vergangenen Woche zwei Prozent verlor, ringen Regierungen und Investoren mit der Frage: Wie weit reichen die Folgen dieses Konflikts?
Die Kämpfe zwischen den USA, Israel und Iran haben bereits spürbare Auswirkungen auf die globale Energieversorgung. Die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweiten Öls und Flüssiggases transportiert wird, ist faktisch lahmgelegt. Nur noch iranische Tanker passieren die strategisch wichtige Meerenge. Die Folge: Brent-Rohöl schoss von 70 Dollar vor den Angriffen auf über 90 Dollar pro Barrel – und die psychologisch wichtige Marke von 100 Dollar rückt näher.
Angstprämie oder struktureller Schock?
US-Energieminister Chris Wright versucht zu beruhigen. „Wir sehen eine gewisse Angstprämie am Markt“, sagte er am Sonntag im US-Fernsehen. „Aber die Welt hat keinen Mangel an Öl oder Gas.“ Wright rechnet damit, dass die Preise wieder sinken, sobald der Schiffsverkehr normalisiert ist – im schlimmsten Fall eine Frage von Wochen, nicht Monaten. Die Trump-Regierung hat ein 20-Milliarden-Dollar-Rückversicherungsprogramm aufgelegt und erwägt Marineschutz für Tanker.
Doch diese Zuversicht wird von Marktstrategen nur teilweise geteilt. Rick Meckler von Cherry Lane Investments warnt: „Dies ist ein sehr großes Ereignis, und es ist unglaublich unklar, wohin es führt.“ Der Volatilitätsindex VIX, das Angstbarometer der Wall Street, erreichte am Freitag den höchsten Stand seit fast einem Jahr. Besonders beunruhigend: Sollte Öl die 100-Dollar-Schwelle durchbrechen, dürfte dies die Märkte zusätzlich erschrecken und über höhere Benzinpreise auch die Konsumausgaben dämpfen.
Inflationsgefahr verzögert Zinswende
Die steigenden Energiepreise drohen die Inflation anzuheizen – und damit die erhoffte Zinswende zu gefährden. Investoren hatten mit zwei Zinssenkungen der US-Notenbank in diesem Jahr gerechnet, doch diese Erwartung wackelt. Nach den jüngsten Entwicklungen liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung im Juni nur noch bei 45 Prozent.
Am Mittwoch wird der US-Verbraucherpreisindex für Februar veröffentlicht – Analysten erwarten einen monatlichen Anstieg von 0,2 Prozent. Doch die Daten dürften die Situation kaum klären, da sie fast vollständig vor der Eskalation im Nahen Osten erhoben wurden. „Wenn wir positive Überraschungen bei den Inflationsdaten bekommen, könnte das die Ängste über steigende Inflationserwartungen weiter schüren“, warnt Michael Arone von State Street Investment Management. „Die Sorge ist, dass höhere Ölpreise in Zukunft nur noch mehr Inflationsdynamik auslösen.“
Asien besonders verwundbar
Während die USA als Energieexporteur vom Preisanstieg profitieren könnten, trifft es importabhängige Volkswirtschaften besonders hart. Jefferies-Analysten identifizieren Thailand und die Philippinen als am stärksten gefährdet. Beide Länder importieren den Großteil ihrer Energie und haben nur begrenzte Puffer gegen Preisschocks.
Die Philippinen gelten als besonders exponiert: Kraftstoffe haben ein hohes Gewicht im Verbraucherpreisindex, und das Land weist bereits ein strukturelles Handelsdefizit auf. Thailand versucht, die Einzelhandelspreise über seinen staatlichen Ölfonds zu stabilisieren – doch dieser Mechanismus steht unter zunehmendem Druck. Indonesien und Malaysia federn die Auswirkungen durch umfangreiche Treibstoffsubventionen ab, allerdings zu hohen fiskalischen Kosten.
Europa im LNG-Wettbieten
Europa kämpft derweil mit einer eigenen Energiekrise. Der Ausfall katarischer LNG-Lieferungen und die blockierte Straße von Hormus haben die europäischen Gas-Benchmark-Preise auf rund 16 Dollar pro Million BTU getrieben – in Asien stiegen die Preise noch stärker.
Kann US-Flüssiggas Europa retten? Die Antwort ist ernüchternd. Laut Bernstein-Analysten fahren amerikanische LNG-Exportterminals bereits mit 94 Prozent ihrer Kapazität. Sabine Pass, Corpus Christi und Freeport produzieren nahe am Maximum – eine kurzfristige Produktionssteigerung ist kaum möglich.
Theoretisch könnten die USA bestehende Lieferungen nach Asien nach Europa umleiten, da ihre LNG-Verträge keine Zielbeschränkungen enthalten. Doch Europa verliert derzeit den Bieterwettbewerb: Asiatische Preise sind so stark gestiegen, dass es für Tanker profitabler ist, dorthin zu fahren. Bernstein schätzt, dass europäische Gaspreise noch einmal um 40 bis 50 Prozent steigen müssten, um genügend US-Ladungen von Asien abzuziehen – falls die Störung katarischer Exporte mehrere Monate anhält.
Europas direkte Abhängigkeit von katarischem LNG ist mit acht Prozent der Importe zwar begrenzt, doch etwa 20 Prozent der globalen LNG-Versorgung passieren normalerweise die Straße von Hormus. Erschwerend kommt hinzu: Europas Gasspeicher liegen nach einem kalten Winter bereits unter historischen Durchschnittswerten.
Uran-Poker verschärft Lage
Parallel zur Energiekrise erwägt Washington einen noch brisanteren Schritt. Laut Bloomberg prüft die Trump-Regierung den Einsatz von Spezialeinheiten, um Irans hochangereichertes Uran zu sichern. Hintergrund sind Sorgen über den Verbleib von 441 Kilogramm Material, das nahe an waffenfähigem Niveau angereichert ist – genug für rund ein Dutzend Atomsprengköpfe.
UN-Inspektoren haben die Lage des Materials seit Monaten nicht mehr verifizieren können, nachdem amerikanische und israelische Angriffe mehrere Atomanlagen trafen. Aktivitäten nahe unterirdischen Tunneln beim Nuklearkomplex Isfahan deuten darauf hin, dass zumindest Teile des Bestands verlegt wurden. US- und israelische Beamte arbeiten an Notfallplänen, die den Einsatz von Spezialkräften einschließen könnten, falls der Standort bestätigt wird.
Schwacher Arbeitsmarkt als Gegengewicht
Ein überraschend schwacher US-Arbeitsmarktbericht vom Freitag bringt eine zusätzliche Wendung in die Gleichung. Die Beschäftigung sank im Februar unerwartet, die Arbeitslosenquote stieg auf 4,4 Prozent. Die Daten könnten der Fed Spielraum für frühere Zinssenkungen geben – doch nur, wenn die Inflation nicht gleichzeitig durch steigende Energiepreise angeheizt wird.
Investoren balancieren zwischen der historischen Tendenz, dass Aktienmärkte nach großen geopolitischen Ereignissen wieder steigen, und der Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Iran-Krise. „Das hat Investoren gewissermaßen weder zu Verkäufern noch zu Käufern gemacht“, konstatiert Rick Meckler.
Der S&P 500 notiert trotz der jüngsten Verluste nur gut drei Prozent unter seinem Allzeithoch von Ende Januar. Doch die Perspektive bleibt fragil. Dominic Pappalardo von Morningstar Wealth bringt es auf den Punkt: „Entwicklungen im Nahen Osten werden wirklich alle Finanzmärkte bewegen.“ Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob Chris Wrights Optimismus gerechtfertigt ist – oder ob die Märkte auf einen längeren Schock vorbereitet sein müssen.
