Japans Exporte trotzen Ölpreis-Schock
Japans Exporte erreichen im Juli ein Rekordhoch, während explodierende Energiekosten das Handelsdefizit vergrößern. Notenbanken in Tokio und Washington reagieren auf den Iran-Konflikt.

Kurz zusammengefasst
- Rekordwert bei Japans Ausfuhren
- Ölpreise treiben Importkosten hoch
- BOJ erwägt Zinserhöhung im September
- Fed debattiert über Inflationsbekämpfung
Japans Exporte haben im Juli einen historischen Rekordwert erreicht – mitten in einer Zeit, in der der Konflikt zwischen den USA und Iran die globalen Energiemärkte durcheinanderwirbelt. Während Tokios Exportwirtschaft von robuster Weltnachfrage profitiert, zeigt sich an anderer Stelle des Globus, wie teuer geopolitische Spannungen werden können: In Washington kämpfen Notenbanker mit steigenden Inflationssorgen, die direkt auf denselben Konflikt zurückgehen.
Rekord-Exporte trotz teurer Energie
11,5 Billionen Yen, umgerechnet rund 72,6 Milliarden Dollar – so viel exportierte Japan im Juli, ein Plus von 23,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr und deutlich mehr als von Analysten erwartet. Getragen wurde der Boom von Spezialchemikalien, Industriegütern, Elektronik und Automobilen. Die Lieferungen in die USA legten um 22 Prozent zu, jene nach China sogar um 25,8 Prozent.
Doch der Glanz der Zahlen täuscht über ein Problem hinweg, das japanische Unternehmen zunehmend belastet: explodierende Importkosten. Die Einfuhren wuchsen im Juli um 27,8 Prozent und damit stärker als prognostiziert. Mineralölimporte verteuerten sich um satte 53,5 Prozent, Erdölimporte allein um 87,8 Prozent. Unterm Strich blieb ein Handelsdefizit von 634,5 Milliarden Yen – zwar etwas kleiner als befürchtet, aber deutlich größer als im Vormonat.
Verantwortlich für die Kostenexplosion ist der Krieg zwischen den USA und Iran, der die Straße von Hormus zum Nadelöhr der Weltwirtschaft gemacht hat. Durch die einstige Blockade der Route, über die normalerweise rund ein Fünftel der globalen Ölmenge verschifft wird, schnellten die Rohölpreise in die Höhe. Zwar entspannte sich die Lage im Juni etwas, als Schifffahrtsrouten teilweise wiederhergestellt wurden – die höheren Preise schlagen sich aber mit Verzögerung in den Importstatistiken nieder, weil Zollwerte auf Verträgen basieren, die Wochen zuvor geschlossen wurden.
Bemerkenswert: Viele japanische Hersteller schaffen es, die gestiegenen Kosten an ausländische Kunden weiterzugeben. Die Exportwerte wurden also weniger durch höhere Stückzahlen als durch höhere Preise gestützt – ein Muster, das zeigt, wie tief die Energiekrise bereits in globale Lieferketten eingesickert ist.
BOJ vor der Zinswende
Die überraschend starken Außenhandelsdaten passen zu Zahlen von Anfang der Woche, wonach Japans Wirtschaft im zweiten Quartal in Folge gewachsen ist – auch hier war es vor allem der Export, der schwache Privatnachfrage und zurückhaltende Unternehmensinvestitionen kompensierte. Für die Bank of Japan liefert das zusätzliche Argumente, ihren geldpolitischen Normalisierungskurs fortzusetzen. Eine Zinserhöhung im September gilt inzwischen als wahrscheinlich.
Damit steht Japans Notenbank vor einem Balanceakt: Einerseits stützt die Exportstärke die Konjunktur, andererseits verteuern importierte Energiepreise das Leben der Verbraucher zusätzlich. Die Frage, wie viel geldpolitischen Spielraum die BOJ angesichts einer fragilen Inlandsnachfrage tatsächlich hat, dürfte die Diskussion in den kommenden Wochen prägen.
Fed und Anleihemärkte im Bann des Nahost-Konflikts
Auch jenseits des Pazifiks treibt der Iran-Konflikt die Notenbanker um. Aus dem Protokoll der Fed-Sitzung vom 28. und 29. Juli geht hervor, dass die Inflationssorgen zuletzt spürbar zugenommen haben. „Mehrere“ Mitglieder des Offenmarktausschusses plädierten bereits für eine Zinserhöhung, eine größere Gruppe hielt sie zumindest für notwendig, sollte sich die Inflation nicht in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels bewegen. Drei Notenbanker stimmten sogar gegen die Entscheidung, den Leitzins in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent zu belassen.
Bezeichnend ist, worauf die Fed die anhaltenden Preisdruck zurückführt: die durch den Krieg blockierten Öl- und Gaslieferungen durch die Straße von Hormus – exakt jener Engpass, der auch Japans Importrechnung in die Höhe treibt. Die geldpolitische Debatte in den USA hat sich damit binnen eines Jahres komplett gedreht. Noch zu Jahresbeginn rechneten viele mit sinkenden Zinsen; inzwischen preisen Investoren erste Zinserhöhungen bereits für die Sitzung am 27. und 28. Oktober ein.
Die Nervosität an den Anleihemärkten war diese Woche mit Händen zu greifen. Das US-Finanzministerium kündigte überraschend an, seine Liquiditätsstützungskäufe für langlaufende Anleihen zu verdoppeln – ein unüblicher Schritt außerhalb der regulären Refinanzierungstermine. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen fiel daraufhin um gut fünf Basispunkte auf 4,655 Prozent, die dreißigjährige Laufzeit gab knapp neun Basispunkte auf 5,196 Prozent nach. Ökonom Thomas Simons von Jefferies wertete den Schritt als Signal, dass Washington künftig jederzeit nachjustieren könnte – möglicherweise sogar mit einer Verkleinerung langlaufender Auktionen.
Trumps „ökonomischer D-Day“
Für zusätzliche Unsicherheit sorgte US-Präsident Donald Trump, der eine weitere Verschärfung der Sanktionen gegen Iran ankündigte. In für ihn typischer Wortwahl sprach er von der „größten wirtschaftlichen Operation, die je gegen ein Land geführt wurde“, und rief Verbündete zu einem gemeinsamen „ökonomischen D-Day“ auf. Details blieben jedoch aus. Der Konflikt geht damit in seinen siebten Monat, ohne dass eine Deeskalation in Sicht wäre – die im Juni vereinbarte Zwischenlösung zur Öffnung der Straße von Hormus ist bereits ausgelaufen.
Genau diese Kombination aus militärischer Pattsituation und rhetorischer Eskalation lässt Ölpreise und Anleiherenditen nervös bleiben. Für Japan bedeutet das: Solange die Energiepreise hoch bleiben, wird jeder Exporterfolg von einer noch schneller wachsenden Importrechnung begleitet.
Ausblick
Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob sich der Iran-Konflikt tatsächlich zu einem lang anhaltenden Wirtschaftskrieg entwickelt, wie es Beobachter befürchten, oder ob eine Verhandlungslösung doch noch möglich ist. Für die Bank of Japan bleibt die Herausforderung, Exportstärke und Energiekosten gegeneinander abzuwägen, während die Fed in Washington zwischen Inflationsbekämpfung und einem sich abkühlenden Arbeitsmarkt taktieren muss. Beide Notenbanken agieren damit im Grunde am selben geopolitischen Brennpunkt – nur mit unterschiedlichen Werkzeugen.
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