KGV 11 gegen 31: Ist Novo Nordisk zu billig oder Lilly zu teuer?

Citi reduziert Novos langfristige Gewinnprognose, hebt aber die Umsatzchance für Wegovy an; Lillys Bewertung liegt deutlich höher.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Novo-KGV bei rund elf, Lilly bei 31
  • Citi senkt Novos Kursziel auf 296 Kronen
  • Wegovy-Spitzenumsatz nun bei 13 Milliarden Dollar
  • Lilly hebt 2026-Umsatzausblick auf 85 bis 87 Milliarden Dollar

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

die Bewertungslücke zwischen Novo Nordisk und Eli Lilly ist heute das lehrreichste Thema am Markt. Citi senkt das Kursziel für die Dänen und lobt im selben Atemzug deren Abnehmpille. Dazu kommen ein Tag voller Zulassungen in der Pharmabranche, der Angriff von SpaceX auf die Mobilfunkkonzerne und eine deutliche Warnung an die deutsche Autoindustrie.

Der DAX hat sich derweil wieder über 25.000 Punkte gekämpft. Donald Trump schließt einen Angriff auf den Iran vor den Zwischenwahlen am 3. November aus, Öl und Anleiherenditen geben nach.

Novo Nordisk und Eli Lilly: Die Lücke ist das Thema

Wer Novo kauft, wettet gegen den Markt. Wer Lilly hält, wettet mit ihm, aber zu einem hohen Preis.

Citi senkt das Kursziel für Novo Nordisk von 310 auf 296 dänische Kronen und bleibt bei Neutral. Der Grund ist nicht das laufende Jahr, sondern der lange Horizont. Das Management stellt bis 2030 weitgehend stabile operative Margen in Aussicht, weil die Forschungsausgaben hoch bleiben.

Citi kürzt deshalb das erwartete jährliche Gewinnwachstum je Aktie für 2027 bis 2030 von 12 auf 9 Prozent. Für 2026 und 2027 hebt die Bank den bereinigten Betriebsgewinn dagegen um 2 bis 3 Prozent an.

Die Abnehmpille Wegovy ist der Lichtblick: Citi traut ihr nun einen Spitzenumsatz von 13 Milliarden Dollar zu, zuvor waren es 10 Milliarden. Im Sommer lagen die wöchentlichen Verschreibungen in den USA bei über 265.000. Das dritte Quartal dürfte trotzdem schwach ausfallen.

Citi erwartet einen Umsatz von 73,5 Milliarden Kronen, währungsbereinigt 4 Prozent weniger als im Vorjahr. Das Rezeptvolumen von Ozempic in den USA ist um rund 15 Prozent gesunken, weil Lillys Mounjaro und Zepbound dort vorbeigezogen sind.

Hier liegt die Entscheidung für Anleger: Nach Daten vom 6. Oktober wird Novo mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 11 auf Basis der erwarteten Gewinne gehandelt, Lilly mit rund 31. Lilly hat die Umsatzprognose 2026 auf 85 bis 87 Milliarden Dollar angehoben und im zweiten Quartal um 48 Prozent zugelegt.

Novo notiert bei rund 34,36 Euro und hat seit Jahresbeginn 22 Prozent verloren, Lilly hat 14 Prozent gewonnen. Wer die Lücke kauft, setzt darauf, dass die Pille Novo zurück in das Rennen bringt; wer Lilly hält, zahlt für bewiesenes Wachstum den dreifachen Preis.

Ein Warnsignal für die ganze Branche lieferte gestern Zealand Pharma. Die Zealand-Aktie gab nach den Phase-2-Daten zum Abnehmwirkstoff Petrelintid spürbar nach, obwohl Konzernchef Adam Steensberg weiter am Potenzial als Erstlinientherapie festhält. Jefferies bleibt bei Hold.

SpaceX gegen die Telekom: Ein Frequenzkauf trifft die 54-Prozent-Tochter

Die Deutsche Telekom verliert nicht Umsatz, sie verliert eine Gewissheit.

Die Deutsche Telekom ist am Freitag das Schlusslicht im DAX. Die Telekom-Aktie liegt im Verlauf bei 24,92 Euro, ein Minus von 7,8 Prozent und auf Kurs zum größten Tagesverlust seit über drei Jahren. Das Juni-Tief von 23,54 Euro ist damit nur noch gut einen Euro entfernt.

Auslöser ist SpaceX: Elon Musks Raumfahrtfirma kauft von Grain Management ein landesweites US-Frequenzpaket im 800-Megahertz-Band, laut Wall Street Journal für rund 8 Milliarden Dollar. Die Freigabe der US-Aufsicht FCC steht noch aus, deren Chef begrüßt den Deal aber bereits.

Damit kann Starlink direkt mit Smartphones funken und als Mobilfunkanbieter gegen T-Mobile US, AT&T und Verizon antreten. T-Mobile US verliert im Verlauf 9,8 Prozent und markiert ein 52-Wochen-Tief, Verizon gibt 7,4 Prozent nach, AT&T steht ebenfalls deutlich unter Druck.

Die Telekom hält 54 Prozent an T-Mobile US, deshalb trifft sie der Schlag voll. Die Gewinner stehen auf der anderen Seite: Die Funkmastbetreiber American Tower und Crown Castle legen 8 beziehungsweise 11 Prozent zu, weil jedes neue Netz Antennenstandorte braucht.

Wie real ist die Bedrohung? Bernstein schätzt die nötigen Netzinvestitionen für ein konkurrenzfähiges SpaceX-Netz auf 50 bis 130 Milliarden Dollar. JPMorgan-Analyst Petti sieht kurzfristig kein Risiko für die etablierten Anbieter. Berenberg, Goldman Sachs, Deutsche Bank und UBS rieten Anfang Oktober noch zum Kauf der Telekom, Bernstein stufte am 30. September auf Market-Perform.

Der Markt preist nicht den Umsatzverlust ein, sondern das Ende einer Gewissheit: Die US-Tochter war der Wachstumsmotor, und erstmals steht ein Angreifer mit eigenem Spektrum und eigener Satellitenflotte vor der Tür. Europas Netzbetreiber Orange, Telefonica und Vodafone verlieren zwischen 2 und 4 Prozent; die EU will zwei Drittel künftiger Satellitenfrequenzen für heimische Firmen reservieren.

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Roche, Teva, Natera, argenx: Ein Zulassungstag mit Substanz

Nicht jede Zulassung ist gleich viel wert, und bei manchen Titeln ist die gute Nachricht längst im Kurs.

Roche hat in den USA die zwölfte Indikation für Tecentriq erhalten. Die Kombination mit Chemotherapie senkt in der Phase-III-Studie ATOMIC mit 712 Patienten das Risiko für Rückfall oder Tod bei Dickdarmkrebs im Stadium III mit defekter DNA-Reparatur um 50 Prozent.

Nach 36 Monaten waren 86 Prozent der Patienten krankheitsfrei, gegenüber 76 Prozent unter Chemotherapie allein. Das ist ein klinisch harter Vorteil in der Nachsorge, nicht nur ein statistischer.

Teva bekommt die Zulassung für Weltruza, eine monatliche Olanzapin-Spritze gegen Schizophrenie. In der Studie SOLARIS mit 675 Patienten brachen 5 Prozent wegen Nebenwirkungen ab, unter Placebo 4 Prozent. Der EU-Antrag läuft seit Mai.

Natera erhält den Status eines Durchbruch-Produkts für einen Bluttest zur Früherkennung von zwölf Krebsarten. Die Natera-Aktie hat in zwölf Monaten 131 Prozent gewonnen, am Dienstag markierte sie ein 52-Wochen-Hoch; die Fantasie ist also bereits eingepreist.

Bei argenx streiten die Analysten. Eine Phase-2-Studie zum Zöliakie-Antikörper FB102 mit 126 Patienten hat ihr Ziel erreicht. H.C. Wainwright bestätigt Buy mit Ziel 1.202 Dollar, UBS stuft auf Buy hoch. Baird bleibt bei Neutral und senkt das Ziel von 932 auf 823 Dollar, Deutsche Bank Research stuft auf Hold ab.

Die Spanne der Kursziele reicht nach der Baird-Senkung von 823 bis 1.450 Dollar, bei 70 Prozent Umsatzwachstum in zwölf Monaten und 51 Milliarden Dollar Börsenwert. Wer hier einsteigt, kauft eine Pipeline, deren nächster Beweis eine Phase 3 sein muss.

Autoindustrie: 4 Prozent Marge, und die VW-Aktie erholt sich vom Jahrestief

Die deutschen Autobauer sparen sich in einer Phase klein, in der alle anderen investieren.

Allianz Trade legt eine Studie vor, die den Kern des Problems benennt. Die Investitionen europäischer Autohersteller brechen 2026 um 20 Prozent ein, während europäische Großkonzerne insgesamt 10 Prozent mehr investieren.

Die Wertschöpfung je Fahrzeug deutscher Hersteller lag im ersten Halbjahr 30 bis 45 Prozent unter dem Niveau von 2021/22. Die EBITDA-Marge fiel von rund 13 Prozent im Jahr 2022 auf rund 4 Prozent in diesem Jahr. Seit 2021 haben die Deutschen 10 Prozentpunkte Marktanteil in Europa und 7 Prozentpunkte in China verloren.

Chinesische Marken erreichen in Europa Mitte 2026 knapp 10 Prozent der Neuzulassungen, bei reinen Elektroautos 16 Prozent, bei Plug-in-Hybriden 26 Prozent.

Batterien aus europäischer Produktion würden ein E-Auto um rund 2.000 Euro verteuern. Weitere 3 Prozentpunkte Marktanteilsverlust bis 2030 würden 3 Milliarden Euro Wertschöpfung kosten.

Die Volkswagen-Vorzugsaktie notiert am Freitagnachmittag bei 68,50 Euro, ein Plus von 2,2 Prozent im laufenden Handel. Das ist eine Gegenbewegung nach dem 52-Wochen-Tief von 66,50 Euro vom Vortag. Seit Jahresbeginn steht die VW-Vorzugsaktie 34 Prozent im Minus.

Die zuletzt gezahlte Dividende von 5,26 Euro bedeutet auf diesem Kursniveau eine hohe Ausschüttungsrendite, sechs Analysten sehen im Schnitt ein Ziel von 99,17 Euro. Die Rendite ist attraktiv, solange die 4-Prozent-Marge nicht weiter schrumpft; die Antwort darauf kommt schnell.

Am Montag gibt VW ein Investoren-Update zur Pariser Automesse samt Absatz im dritten Quartal, am Dienstag folgen die letzten Signale von VW, Porsche und BMW vor der Ruhephase.

Öl, Gas und die Abnehmer: Entlastung auf Zeit

Die Entspannung bei Öl und Zinsen ist politisch geliehen, nicht strukturell verdient.

Die Ölpreise geben am Freitag nach, Brent notiert um 103 Dollar, WTI um 90 Dollar. Trump dementierte Berichte über neue US-Angriffe auf den Iran. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche setzt zugleich den G7-Beschluss um und gibt bis zu 15 Millionen Barrel aus den deutschen Reserven frei, zuerst Diesel und Heizöl.

Die Verordnung geht am 16. Oktober in den Bundesrat; die G7 wollen in vier Monaten 100 Millionen Barrel freigeben. Die deutschen Gasspeicher sind nur zu 59 Prozent gefüllt, das bleibt ein Risiko für den Winter.

Am Anleihemarkt sinkt die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf rund 3,45 Prozent, nach 3,65 Prozent in der Vorwoche, dem höchsten Stand seit 2008. Laut Helaba ist ein weiterer EZB-Zinsschritt bis Jahresende nicht mehr voll eingepreist. Anleger greifen bei Unternehmensanleihen zu: RWE bis 2032 rentiert mit 4,18 Prozent, Fraport bis 2032 mit 4,1 Prozent.

Die Fraport-Aktie selbst hat am Donnerstag bei 57,00 Euro ein 52-Wochen-Tief markiert und liegt seit Jahresbeginn 17 Prozent im Minus. Der Flughafenbetreiber ist ein typischer Energie-Abnehmer, bei dem fallende Ölpreise schneller in der Anleihe als in der Aktie ankommen.

Beim Konsum zeigt sich dasselbe Bild. Der deutsche Onlinehandel wuchs im dritten Quartal um 2,9 Prozent, weniger als die Inflation von 3,3 Prozent. Shein, Temu und AliExpress brachen nach dem Wegfall der Zollfreigrenze um 35,5 Prozent ein, ihr Marktanteil halbierte sich fast auf 3,1 Prozent.

Unterm Strich

Die Woche endet mit Entlastung bei Öl und Zinsen, aber mit zwei strukturellen Fragen: Ob die Telekom ihren US-Motor verteidigen kann, und ob Novo die Bewertungslücke zu Lilly schließt oder Lilly sie verdient hat.

Montag und Dienstag liefern VW, Porsche und BMW den Test für die Allianz-Trade-These, am Mittwoch folgen die US-Inflationszahlen, die nach Ansicht der Commerzbank für eine Fed-Zinserhöhung im Dezember sprechen. Am 16. Oktober entscheidet der Bundesrat über die Ölfreigabe. Gönnen Sie der Kurstafel zwei Tage Ruhe, die Entscheidungen kommen ab Montag.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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