KI-Aktien: ASML jubelt, IBM stürzt ab, Netflix verliert Vertrauen

ASML und Broadcom profitieren von KI-Infrastruktur-Boom, während IBM einen historischen Kurssturz erleidet und Netflix trotz solider Zahlen fällt.

Dr. Robert Sasse ·
Asml Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Asml hebt Jahresprognose erneut an
  • Broadcom sichert Milliarden-Deal mit Apple
  • Netflix-Aktie bricht trotz guter Zahlen ein
  • IBM erleidet schwersten Kurssturz seit 1968

Eine Woche, zwei Welten. Während ASML seine Prognose bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr anhebt und Broadcom einen milliardenschweren Apple-Deal einfährt, erlebt IBM den schlimmsten Handelstag der Firmengeschichte. Netflix wiederum straft der Markt trotz solider Zahlen ab— und Alphabet steckt zwischen einem Buffett-Lob und einer verspäteten KI-Modellversion fest. Wer in der KI-Lieferkette sitzt, wird offenbar noch lange nicht automatisch belohnt.

ASML: Auftragsbücher bis 2027 fast ausgebucht

Die Nachfrage nach Chipfertigungsanlagen reißt nicht ab. ASML hat seine Jahresprognose zum zweiten Mal angehoben und rechnet nun mit einem Nettoumsatz zwischen 43 und 45 Milliarden Euro bei einer Bruttomarge von 54 bis 56 Prozent— deutlich mehr als die zuvor in Aussicht gestellten 36 bis 40 Milliarden Euro.

Der Quartalsgewinn kletterte im Jahresvergleich spürbar. CEO Christophe Fouquet bezeichnete den Auftragseingang im ersten Halbjahr als „außergewöhnlich stark“. Gleichzeitig erhöhte ASML seine Kapazitätsziele für 2027 auf 84 EUV-Lithografiesysteme— ein Signal, dass die größten Chiphersteller der Welt weiterhin auf Jahre hinaus bestellen.

Trotz der starken Zahlen gaben die Aktien einen Großteil ihrer Anfangsgewinne wieder ab. Nach einem Kurssprung von über 7 Prozent zu Handelsbeginn schloss das Papier am Ende nur noch rund 3 Prozent im Plus. Am Freitag stand die Aktie bei 1.528,00 Euro, nach einem Tagesverlust von 2,51 Prozent— eingebettet in eine branchenweite Schwäche bei Halbleiterwerten. Auf Jahressicht bleibt der Kurs mit einem Plus von 65,82 Prozent aber ein Gewinner des KI-Booms.

Die Analystenreaktionen fielen fast einhellig positiv aus. Bank of America bestätigte ihr Kaufrating mit Kursziel 2.022 Euro, Barclays hob ihr Ziel sogar auf 2.400 Euro von zuvor 2.000 Euro an. Ein Risiko bleibt bestehen: US-Exportbeschränkungen verhindern bereits jetzt den Verkauf von EUV-Anlagen und fortschrittlichen DUV-Maschinen nach China, weitere Verschärfungen sind im Gespräch.

Broadcom: Apple-Deal untermauert die KI-Story

Broadcom hat seine Partnerschaft mit Apple bis 2031 verlängert. Die neue Vereinbarung über mehrjährige Lieferungen von kundenspezifischen ASIC-Chips für mehrere Apple-Produktgenerationen soll ein Volumen von über 30 Milliarden Dollar erreichen und die Produktion von mehr als 15 Milliarden in den USA gefertigten Chips absichern.

CEO Hock Tan sprach von der Fortsetzung einer jahrzehntelangen Zusammenarbeit und kündigte einen Ausbau der Fertigung in Fort Collins an. Der Apple-Pakt reiht sich ein in weitere langfristige Verträge— etwa das im April geschlossene Abkommen mit Google zur Lieferung von Tensor Processing Units, ebenfalls bis 2031 angelegt. Zusammen stützen diese Deals einen Auftragsbestand von rund 110 Milliarden Dollar.

Der Markt reagierte prompt: Die Aktie legte nach Bekanntwerden der Apple-Erweiterung um 5 Prozent zu. Aktuell notiert das Papier bei 325,05 Euro, nach einem Wochenminus von 7,21 Prozent— ein Dämpfer, der die langfristige Wachstumsgeschichte allerdings kaum in Frage stellt. Morgan Stanley-Analyst Joseph Moore bestätigte sein Kaufrating mit einem Kursziel von 502 Dollar und geht davon aus, dass Broadcom seinen TPU-Marktanteil von rund 80 Prozent auf Dauer verteidigen kann. Die Konsensschätzung von 48 Analysten liegt bei einem Kursziel, das ein Aufwärtspotenzial von über 40 Prozent impliziert.

Netflix: Zahlen überzeugen, Transparenz-Entscheidung nicht

Auf dem Papier lieferte Netflix solide Ergebnisse. Umsatz und Gewinn je Aktie trafen beziehungsweise übertrafen die Erwartungen leicht. Trotzdem brach die Aktie zeitweise um mehr als 12 Prozent ein, bevor sie sich auf ein Minus von rund 9 Prozent erholte.

Auslöser war nicht die Bilanz selbst, sondern eine Ankündigung zur Berichterstattung: Netflix will seinen Engagement-Report „What We Watched“ ab 2027 nur noch jährlich statt halbjährlich veröffentlichen. Investoren werteten das als Rückschritt bei der Transparenz. Die Prognose für das laufende Quartal blieb zudem leicht unter den Erwartungen der Wall Street.

Am Freitag verlor die Aktie 6,85 Prozent, auf Wochensicht steht ein Minus von 5,82 Prozent zu Buche— der RSI von 31,9 deutet auf eine überverkaufte Situation hin. Immerhin: Beim Thema KI zeigt sich Netflix produktiv. Co-CEO Ted Sarandos berichtete, dass generative KI-Werkzeuge 2026 bei rund 300 Produktionen zum Einsatz kamen, etwa bei der Dokumentation „The American Experiment“, die dank KI-gestützter Sequenzen doppelt so schnell und zum halben Preis fertiggestellt wurde. Die Werbeerlöse sollen sich zudem auf rund 3 Milliarden Dollar nahezu verdoppeln. Bank-of-America-Analystin Jessica Reif Ehrlich hält trotz der Bedenken zu Engagement und Wettbewerb an ihrem Kaufrating mit Kursziel 123 Dollar fest.

Alphabet: Buffett-Lob trifft auf Gemini-Verzögerung

Warren Buffett bestätigte, die Alphabet-Position bei Berkshire Hathaway persönlich aufgebaut zu haben— mittlerweile über 31 Milliarden Dollar schwer und damit die drittgrößte Beteiligung nach Apple und American Express. Ganz uneingeschränkt fiel das Lob aber nicht aus: Alphabet zähle nicht zu seinen vier oder fünf liebsten Berkshire-Beteiligungen, so Buffett, der das KI-Wettrüsten der Branche als „echtes Geld“ bezeichnete, das dort verbrannt wird.

Die gute Stimmung hielt nicht lange. Berichte über eine monatelange Verzögerung des KI-Modells Gemini 3.5 Pro ließen die Aktie am Donnerstag um 4 Prozent einbrechen. Vor allem die Programmierfähigkeiten des Modells blieben hinter internen Erwartungen zurück— zu einem Zeitpunkt, an dem Konkurrenten wie OpenAI und Meta bereits leistungsfähigere Modelle vorgestellt haben.

Parallel dazu verschärfen sich die regulatorischen Auflagen in Europa. Nach Artikel 6(11) des Digital Markets Act muss Alphabet anonymisierte Suchdaten mit Drittanbietern teilen— die finalen Maßnahmen wurden diese Woche verabschiedet. Bei Nichteinhaltung drohen Strafen von bis zu 10 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes, wobei die Umsetzungsfristen bis Anfang 2027 beziehungsweise Mitte 2027 reichen.

Am Freitag gab die Aktie um 2,02 Prozent nach und schloss bei 303,60 Euro, nach einem Wochenverlust von 2,96 Prozent. Trotz der Turbulenzen blieb BMO Capital konstruktiv und hob das Kursziel auf 455 Dollar an, verbunden mit höheren Schätzungen für das vierte Quartal und das Geschäftsjahr 2027.

IBM: Historischer Kurssturz überschattet Chip-Durchbruch

Kaum ein Ereignis dieser Woche wiegt schwerer als IBMs Einbruch. Am Dienstag verlor die Aktie 25 Prozent— der schlechteste Handelstag seit 1968. Auslöser war ein Quartalsumsatz von 17,2 Milliarden Dollar, der die Erwartungen um 700 Millionen Dollar verfehlte. CEO Arvind Krishna räumte ein, dass Kunden ihre Budgets zunehmend von IBM-Software und -Infrastruktur hin zu eigener KI-Hardware und Speicherchips verlagern.

Seither hat sich der Kurs kaum stabilisiert. Am Freitag stand die Aktie bei 185,72 Euro, nach einem Wochenverlust von 26,30 Prozent— ein dramatischer Abstand zum Rekordhoch von Anfang Juni. Die Analystenreaktionen fielen entsprechend hart aus: HSBC stufte die Aktie auf „Reduce“ mit Kursziel 191 Dollar herab, JPMorgan senkte sein Ziel auf 250 Dollar von zuvor 291 Dollar, Citi kappte seine Zielmarke auf 255 Dollar von 375 Dollar. Die detaillierten Ergebnisse folgen kommende Woche.

Fast untergegangen ist dabei eine echte technologische Leistung. IBM präsentierte den weltweit ersten Chip unterhalb der 1-Nanometer-Schwelle, gefertigt im 0,7-Nanometer- beziehungsweise 7-Angström-Verfahren. Der neue Chip bringt fast 100 Milliarden Transistoren auf eine fingernagelgroße Fläche unter— nahezu doppelt so viel wie beim 2-Nanometer-Vorgänger aus dem Jahr 2021. Die Leistungssteigerung liegt bei bis zu 50 Prozent, alternativ steigt die Energieeffizienz um bis zu 70 Prozent. Bis zur Serienproduktion dürften jedoch noch bis zu fünf Jahre vergehen— finanziell spielt der Durchbruch daher kurzfristig keine Rolle.

Kapital fließt, Vertrauen nicht überall

Die Gegensätze dieser Woche zeigen, wie ungleich der Markt KI-Investitionen honoriert:

  • ASML und Broadcom sitzen an der physischen Infrastruktur-Basis der KI-Welle— Lithografieanlagen und Spezialchips. Beide profitieren von Auftragsbüchern, die bis weit in die 2030er-Jahre reichen, was das kurzfristige Nachfragerisiko deutlich reduziert.
  • Alphabet und Netflix operieren näher an der Anwendungsebene, wo Ausführungsgeschwindigkeit und Produktglaubwürdigkeit über Auftragsbestände triumphieren. Alphabets Gemini-Verzögerung bedroht die Wettbewerbsposition direkt, während Netflix zeigt, dass selbst solide Zahlen bestraft werden, sobald Anleger Transparenzverlust wittern.
  • IBM steht als Warnbeispiel dafür, wie disruptiv statt additiv sich KI auf etablierte Geschäftsmodelle auswirken kann— Unternehmenskunden verschieben Budgets weg von Software- und Beratungsleistungen hin zu direktem Hardwarekauf.

Der gemeinsame Nenner bleibt die Kapitalintensität: Jedes der fünf Unternehmen liefert entweder die Bausteine der KI-Infrastruktur, betreibt sie— oder muss sich gegen die Umverteilung von Budgets zu ihren Gunsten wehren.

Ausblick: Zwei Berichtstermine als Weichensteller

Kommende Woche dürfte die Stimmung im Sektor neu justieren. IBM legt am 22. Juli detaillierte Zahlen und eine Prognose für das dritte Quartal vor— dieser Termin wird zeigen, ob der historische Kurssturz ein einmaliges Timing-Problem war oder eine strukturelle Verschiebung der Unternehmens-IT-Budgets markiert. Am selben Tag berichtet auch Alphabet über das zweite Quartal, wobei Anleger genau beobachten dürften, ob Cloud-Wachstum und Werbegeschäft die Sorgen um Gemini und die EU-Auflagen ausgleichen können.

Bei ASML und Broadcom verschiebt sich der Fokus auf die Umsetzung— ob sich die prall gefüllten Auftragsbücher ohne Margendruck in ausgelieferte Systeme und Chips verwandeln lassen. Netflix muss beweisen, ob der Wechsel zur jährlichen Engagement-Berichterstattung tatsächlich eine strategische Neuausrichtung auf Monetarisierung bedeutet oder ein anhaltendes Vertrauensproblem bei Investoren bleibt. Die Botschaft über alle fünf Werte hinweg bleibt gleich: Kapital fließt weiterhin in die KI-Infrastruktur, doch wer daraus dauerhafte Gewinne erwirtschaftet, entscheidet der Markt zunehmend selektiv.

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Asml Aktie

1.537,00 EUR

– 61,40 EUR -3,84 %
KGV 57,96
Sektor Technologie
Div.-Rendite 0,00 %
Marktkapitalisierung 613,95 Mrd. EUR
ISIN: NL0010273215 WKN: A1J4U4

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