KI-Chips zünden die nächste Stufe
Starke Quartalszahlen von Micron und Qualcomm beflügeln die globalen Aktienmärkte und bestätigen den anhaltenden KI-Investitionszyklus.

Kurz zusammengefasst
- Micron übertrifft Umsatzerwartungen deutlich
- Qualcomm peilt Milliardenumsatz mit KI-Chips an
- Globale Aktienmärkte reagieren mit starken Kursgewinnen
- Fallende Ölpreise entlasten Inflation, Zinsängste bleiben
Micron und Qualcomm haben in dieser Woche eindrucksvoll bewiesen, dass der KI-Boom kein Strohfeuer ist. Die Quartalszahlen des Halbleiterherstellers Micron schlugen alle Erwartungen — und rissen die globalen Aktienmärkte aus einem kurzen, aber heftigen Tief.
Blockbuster-Zahlen als Wendepunkt
Micron meldete für sein drittes Fiskalquartal einen Umsatz von 41,46 Milliarden US-Dollar — mehr als das Vierfache des Vorjahreswertes und weit über den von Analysten erwarteten 35,84 Milliarden. Besonders beeindruckend: die Bruttomarge kletterte von 39 auf 84,9 Prozent. Das Rechenzentrumsgeschäft allein erzielte 11,5 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von mehr als 700 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Qualcomm legte noch einen drauf. Der Chiphersteller gab bekannt, bis 2029 jährlich 15 Milliarden Dollar Umsatz aus seinem Rechenzentrumsgeschäft anzustreben — ein ehrgeiziges Ziel für ein Unternehmen, das lange vor allem für Smartphone-Chips bekannt war. Die Botschaft dahinter: KI-Infrastruktur bleibt ein Wachstumsmarkt auf Jahre hinaus.
Die Reaktion der Märkte war entsprechend scharf. Micron-Aktien schossen im vorbörslichen Handel um rund 18 Prozent hoch, Qualcomm legte 12 Prozent zu. Weitere Speicherchipanbieter wie SanDisk, Western Digital und Seagate zogen zwischen 8,5 und 13 Prozent an. In Asien stieg der japanische Nikkei um mehr als 4 Prozent, der südkoreanische KOSPI sogar um 5,5 Prozent — angeführt von SK Hynix und Samsung, die beide direkt von Microns Ausblick profitieren.
Teuer — aber nicht falsch bewertet?
Noch zu Wochenbeginn hatte Zweifel an den Bewertungen die Märkte belastet. Der Nasdaq 100 verlor am Dienstag 3,3 Prozent. Zu hoch, zu schnell — das war die Sorge vieler Investoren. Schließlich haben Micron-Aktien in diesem Quartal über 200 Prozent zugelegt, Qualcomm immerhin 50 Prozent.
„Earnings trump everything“, schrieben Analysten der Barclays-Bank am Donnerstag. Und weiter: „Teuer ist nicht dasselbe wie falsch.“ Solange die Gewinnentwicklung stimme, könnten Aktien auch bei hohen Bewertungen weiter steigen — der Spielraum für Enttäuschungen sei allerdings schmal geworden.
Daniela Hathorn von Capital.com fasst es so zusammen: Microns Zahlen seien eine frische Versicherung, dass der KI-Investitionszyklus intakt bleibt. Anleger seien nach wie vor bereit, kurzfristige Volatilität auszuhalten, solange die Gewinnperspektiven die hohen Bewertungen rechtfertigen.
Das Ölpreisrätsel und seine Folgen
Parallel zum Technologieboom spielte sich in dieser Woche ein zweites großes Marktthema ab. Ölpreise sind auf das Niveau von vor Ausbruch des US-Iran-Konflikts zurückgefallen. Brent-Rohöl verlor seit Montag rund 10 Prozent und notiert bei etwa 72,80 Dollar je Barrel — damit sind alle Kriegsprämien wieder verschwunden. Tanker, die im Persischen Golf festsaßen, passieren die Straße von Hormus wieder, nachdem ein erstes Friedensabkommen die unmittelbare Gefahr von Lieferausfällen bannte.
Fallende Ölpreise sind grundsätzlich eine gute Nachricht für die Inflation. Das lässt Staatsanleihen steigen und Renditen sinken. Die zehnjährige US-Staatsanleihe hatte am Mittwoch bereits neun Basispunkte verloren, die entsprechende deutsche Bundesanleihe ist diese Woche elf Basispunkte gefallen.
Dennoch bleibt der Ausblick gespalten. Denn trotz sinkender Energiepreise preisen Märkte weiterhin mindestens eine Zinserhöhung der US-Notenbank Fed noch in diesem Jahr ein. Der Grund: Die Kerninflation bleibt hartnäckig. Das von der Fed bevorzugte Inflationsmaß, der PCE-Preisindex, wird für Mai mit einer Jahresrate von 4,1 Prozent erwartet — mehr als doppelt so hoch wie das Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank.
„Ein stärker als erwartetes Ergebnis könnte die post-Micron-Euphorie schnell umkehren und das ungeliebte Thema steigender Kreditkosten zurückbringen“, warnte Ipek Ozkardeskaya von der Swissquote Bank.
Starker Dollar, schwacher Yen
Diese Zinsperspektive stützt den US-Dollar massiv. Der Greenback erreichte ein 13-Monats-Hoch gegenüber einem Währungskorb, während der Euro zeitweise auf das niedrigste Niveau seit 13 Monaten fiel. Am deutlichsten spürbar ist der Druck beim Yen: Der japanische Yen steht mit 161,73 je Dollar nahe seinem niedrigsten Stand seit 1986. Eine Marke von 161,96 würde das Vierzig-Jahres-Tief markieren — und dürfte Tokio zu erneuten Devisenmarktinterventionen veranlassen.
„Wir gehen davon aus, dass eine Intervention erhebliche Wirkung hätte, angesichts der aufgehäuften Yen-Shortpositionen“, sagte Hirofumi Suzuki von der SMBC-Bank.
Der starke Dollar drückt auch auf den Goldpreis. Das Edelmetall fiel erstmals seit mehr als sieben Monaten unter die Marke von 4.000 US-Dollar je Unze — ein symbolisch wichtiger Rückschlag für ein Asset, das im vergangenen Jahr noch als sicherer Hafen glänzte.
EZB: Noch nicht am Ziel
Auch in Europa sind die Notenbanker nicht zur Ruhe gekommen. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel bekräftigte, dass weitere Zinserhöhungen nötig seien, ungeachtet des Iran-Waffenstillstands. „Aus heutiger Sicht werden wir die Zinsen weiter anheben müssen“, sagte Schnabel der Zeitung Die Zeit. Die EZB hatte diesen Monat als erste große Zentralbank die Zinsen erhöht.
Marktbeobachter sehen eine Wahrscheinlichkeit von etwa 33 Prozent für eine weitere EZB-Erhöhung bereits im Juli. Realistischer erscheint den meisten Analysten ein Schritt im September — und möglicherweise ein letzter Schritt im kommenden Jahr. UBS-Chefanlagestratege Mark Haefele hält den Markt für zu pessimistisch: Die gefallenen Ölpreise machten eine Erhöhung im Juli eher unwahrscheinlich.
Was bleibt
Micron und Qualcomm haben den Märkten kurzfristig Stabilität zurückgegeben. Die eigentliche Nagelprobe folgt jedoch bald: Wenn der PCE-Preisindex am Nachmittag unangenehm hoch ausfällt, dürfte die heutige Erholung schnell auf dem Prüfstand stehen. Die Frage ist nicht mehr, ob KI-Nachfrage real ist — das haben diese Zahlen klar beantwortet. Spannend bleibt, ob steigende Zinsen und ein starker Dollar den Boom irgendwann doch ausbremsen.
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