KI-Speicherknappheit: Micron jubelt, SoftBank stemmt Milliardenschulden

Nvidia reicht höhere Speicherkosten an Kunden weiter, während Micron Rekordgewinne einfährt. SoftBank plant Japans größte Retail-Anleihe für seine OpenAI-Investitionen.

Dr. Robert Sasse ·
Nvidia Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Nvidia erhöht Serverpreise um 15 Prozent
  • Micron meldet Rekordumsatz und -marge
  • SoftBank emittiert historische Milliardenanleihe
  • Infineon übernimmt indischen Chip-Spezialisten

Ein Chip-Riese erhöht die Preise für seine wichtigsten KI-Systeme um mehr als 15 Prozent – und begründet das nicht mit eigener Gier, sondern mit einem Vorprodukt, das gerade knapp und teuer wird: Speicherchips. Während Nvidia die Mehrkosten an Kunden weiterreicht, verwandelt Konkurrent Micron genau diese Knappheit in Rekordgewinne. SoftBank wiederum greift zu einer historischen Anleihe, um seine OpenAI-Wette zu finanzieren. Fünf Unternehmen, ein gemeinsamer Nenner: der Kampf ums Kapital im KI-Boom.

Nvidia: Teure Chips trotz Rekordmargen

Kunden von Nvidia mussten in den vergangenen Wochen eine unangenehme Nachricht verdauen. Server mit den KI-Chips des Unternehmens werden ab kommendem Frühjahr in vielen Fällen mehr als 15 Prozent teurer – betroffen sind unter anderem Systeme mit den Flaggschiff-Chips Vera Rubin und Grace Blackwell. Auftragsfertiger, die für Microsoft, Google und Oracle Server zusammenbauen, haben ihre Kunden bereits informiert.

Der Grund liegt außerhalb von Nvidias eigener Fertigung. Server-Arbeitsspeicher (DRAM) hat sich im ersten Quartal 2026 im Preis nahezu verdoppelt, Speicherbausteine machen mittlerweile rund ein Viertel der Kosten eines High-End-Racks aus. Bemerkenswert dabei: Nvidia fährt eine Bruttomarge von etwa 75 Prozent und ist das wertvollste börsennotierte Unternehmen der Welt – absorbiert die Mehrkosten aber trotzdem nicht selbst.

An der Börse zeigt sich das Papier zuletzt angeschlagen. Der Kurs notiert bei 179,86 Euro und damit 2,1 Prozent niedriger als am Vortag, auf Wochensicht steht ein Minus von 7,5 Prozent zu Buche. Vom 52-Wochen-Hoch bei 202,50 Euro liegt die Aktie noch elf Prozent entfernt. Am kommenden Mittwoch legt Nvidia Zahlen zum abgelaufenen Geschäftsquartal vor – ein Termin, der die Stimmung im gesamten Sektor für Wochen prägen dürfte. Nebenbei sorgt eine mögliche Beteiligung an der KI-Suchmaschine Perplexity zu einer Bewertung von über 30 Milliarden Dollar für zusätzliche Aufmerksamkeit.

Infineon: Zukauf sichert Stromversorgung der KI-Fabriken

Infineon setzt auf eine andere Wachstumsstrategie als Nvidia: statt Preismacht baut der Münchner Konzern über Übernahmen seine Position aus. Mit der Akquisition des indischen Unternehmens C2i Semiconductors sichert sich Infineon Know-how bei intelligentem Power-Management und Multiphase-Controllern – Technik, die für die schwankenden Strombedarfe moderner KI-Prozessoren immer wichtiger wird. Der Deal soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden.

Der Chef der Power-Systems-Sparte, Adam White, verspricht sich davon schnellere Innovationszyklen bei Stromversorgungslösungen für KI-Rechenzentren. Zugleich baut Infineon seine Präsenz in Indien weiter aus, wo bereits ein größeres Ingenieursteam sitzt.

Rückenwind lieferten zuletzt auch die Geschäftszahlen. Anfang August vermeldete Infineon einen Quartalsumsatz von 4,172 Milliarden Euro – erstmals seit rund zweieinhalb Jahren wieder über der Vier-Milliarden-Marke, getrieben von KI-Rechenzentren, Automobilelektrifizierung und Industrieanwendungen. Das Marktforschungsunternehmen Gartner bezeichnete Infineon in einer Analyse in diesem Sommer als das Unternehmen, das es bei KI-Stromversorgungslösungen zu schlagen gilt.

An der Börse hat die Aktie dennoch deutlich Federn gelassen. Sie notiert aktuell bei 54,42 Euro, ein Minus von 3,4 Prozent zum Vortag und satten zwölf Prozent auf Wochensicht. Vom 52-Wochen-Hoch bei 89,67 Euro trennen das Papier inzwischen 39 Prozent, der RSI von 34,4 deutet auf eine überverkaufte Situation hin.

Micron Technology: Ausverkaufte Chips, Rekordmargen

Kaum ein Unternehmen profitiert derart direkt von der Speicherknappheit wie Micron. Für das vierte Geschäftsquartal 2026 stellt der Konzern einen Umsatz von 50 Milliarden Dollar sowie eine bereinigte Gewinnmarge von rund 86 Prozent in Aussicht. Im dritten Quartal war der Umsatz bereits um 345,72 Prozent im Jahresvergleich gesprungen, der freie Cashflow lag bei 18,30 Milliarden Dollar – in nur drei Monaten.

Zentral für diese Entwicklung ist der Hochleistungsspeicher HBM4. Micron hat davon bereits Umsätze von über einer Milliarde Dollar verbucht und 16 langfristige Abnahmeverträge mit Kunden unterschrieben, die bis 2030 laufen und von einem Auftragsbestand von rund 100 Milliarden Dollar unterlegt sind. Analysten von Deloitte rechnen damit, dass sich die Preise für KI-Server-DRAM im Verlauf des Jahres 2026 sogar vervierfachen könnten – ein Szenario, das Micron, SK Hynix und Samsung enorme Preismacht verschaffen würde.

Der Aktienkurs zeigt sich zuletzt trotzdem angeschlagen: 774,80 Euro bedeuten ein Tagesminus von 6,4 Prozent, auf Wochensicht steht ein Rückgang von elf Prozent. Seit Jahresbeginn bleibt dennoch ein Plus von 207 Prozent stehen. Auch Micron öffnet am kommenden Mittwoch die Bücher – zeitgleich mit Nvidia, dessen Server-Preiserhöhungen und Microns Speicher-Rallye letztlich zwei Seiten derselben Medaille sind.

ASML Holding: Geopolitik als größtes Risiko

Während Nvidia, Infineon und Micron vor allem mit Angebot und Nachfrage ringen, kämpft ASML mit einem anderen Gegner: der Politik. Berichten zufolge könnte die US-Regierung Druck auf die niederländische Regierung ausüben, damit ASML seine Chip-Fertigungsanlagen praktisch komplett aus dem China-Geschäft zurückzieht.

Dabei hat ASML nie ein einziges EUV-Belichtungssystem nach China geliefert – solche Exporte sind bereits seit 2019 blockiert. Ein neuer, parteiübergreifender Gesetzentwurf im US-Kongress, der sogenannte MATCH Act, würde die Kontrollen aber noch einmal verschärfen und selbst ältere DUV-Maschinen betreffen. Das China-Geschäft macht laut Finanzchef Roger Dassen für das Gesamtjahr 2026 noch etwa 20 Prozent des Nettoumsatzes aus.

Operativ läuft es für den niederländischen Konzern derweil rund. Im Juli hob ASML seine Jahresprognose an, zudem wurde die härteste geplante Verschärfung der US-Exportregeln – die sogenannte Affiliates Rule – im Rahmen eines Handelsabkommens mit China bis zum 10. November 2026 ausgesetzt. Der Kurs notiert aktuell bei 1.492,20 Euro, ein moderates Minus von 1,0 Prozent zum Vortag, nach einem Wochenrückgang von 8,2 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 1.748,00 Euro bleibt die Aktie 15 Prozent entfernt.

SoftBank Group: Milliardenanleihe für die OpenAI-Wette

Kein Unternehmen im Sektor zeigt die Kapitalintensität des KI-Booms so deutlich wie SoftBank. Der japanische Investmentkonzern plant eine Retail-Anleihe im Volumen von einer Billion Yen, umgerechnet 6,3 Milliarden Dollar – die größte Emission eines einzelnen Emittenten in der Geschichte Japans. Die siebenjährigen Bonds sollen Anfang September mit einem Kupon zwischen 4,3 und 4,9 Prozent platziert werden.

Der Hintergrund: SoftBank hat sich zu Investitionen von mehr als 60 Milliarden Dollar in OpenAI verpflichtet und treibt parallel den Ausbau eigener Rechenzentren voran. Es ist bereits die dritte Retail-Anleihe des Konzerns in diesem Jahr, nachdem im Frühjahr und im Frühsommer bereits größere Summen am japanischen Kapitalmarkt eingesammelt wurden.

Ausreichend dürfte das Geld trotzdem nicht sein. Selbst nach der aktuellen Emission könnte eine Finanzierungslücke von mehr als 20 Milliarden Dollar bestehen bleiben, was weitere Auslandsanleihen wahrscheinlich macht. Die Ratingagentur S&P hob den Ausblick im Juli zwar von negativ auf stabil an, beließ die Bonität aber bei BB und damit unterhalb von Investment Grade. An der Börse kam die Ankündigung entsprechend schlecht an: Die Aktie fiel auf 26,86 Euro, ein Tagesminus von 5,5 Prozent, nach einem Wochenverlust von 14 Prozent. Der niedrige RSI von 37,5 signalisiert, dass die Verkaufswelle bereits weit fortgeschritten ist. Eingebettet ist die Kapitalbeschaffung in einen globalen Wettlauf um KI-Finanzierung – am selben Tag sammelte auch Alibaba in Hongkong einen zweistelligen Milliardenbetrag ein.

Sektordynamik im Überblick

Die fünf Unternehmen besetzen unterschiedliche, aber zunehmend verflochtene Positionen in der KI-Wertschöpfungskette:

  • Nvidia: An der Spitze der Kette, muss aber steigende Vorproduktkosten trotz Rekordmargen weiterreichen
  • Micron: Profitiert am direktesten von der Speicherknappheit, ausverkaufte HBM-Kapazität bis 2030 vertraglich gesichert
  • Infineon: Wächst über Zukäufe in die Stromversorgung von KI-Rechenzentren hinein statt über reine Preismacht
  • ASML: Einziges Unternehmen der Gruppe, dessen größtes Risiko nicht im Markt, sondern in der Geopolitik liegt
  • SoftBank: Verkörpert die Finanzierungsebene des Booms – und zeigt, dass selbst kapitalstarke Konzerne zunehmend auf Fremdkapital angewiesen sind

Woche der Wahrheit für den KI-Sektor

Die kommenden Tage liefern gleich mehrere Belastungsproben. Die Zahlen von Nvidia und Micron am Mittwoch dürften richtungsweisend für die Bewertung der gesamten Halbleiterbranche sein, schließlich hängt Microns Speichergeschäft direkt an Nvidias Chip-Nachfrage. Bei ASML entscheidet sich am Auslaufen der Ausnahmeregelung im November, wie stark der Zugriff auf den chinesischen Markt tatsächlich eingeschränkt wird. SoftBanks Anleihepreisung Anfang September wird zeigen, wie viel Vertrauen Investoren einem hoch verschuldeten KI-Wetten-Konzern noch entgegenbringen. Und bei Infineon dürfte der Abschluss der C2i-Übernahme im laufenden Quartal erste Hinweise darauf liefern, wie tragfähig das Geschäft mit KI-Stromversorgung tatsächlich ist.

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