Lenzing Aktie: Kapitalspritze bei Werksschließungen

Lenzing stärkt die Finanzierung und meldet bessere Halbjahreszahlen, schließt jedoch Werke und baut weltweit rund 2.000 Stellen ab.

Redaktion Stock-World ·
Moderne Industrieanlage bei Dämmerung als Symbol für wirtschaftliche Umstrukturierung und industrielle Veränderungen. (KI-generiertes Symbolbild)
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Kapitalerhöhung über rund 300 Millionen Euro
  • Zwei Werke werden geschlossen
  • Halbjahresgewinn mehr als verdoppelt
  • Aktie 24 Prozent unter Jahreshoch

Es gibt Momente, in denen ein Konzern zwei Dinge gleichzeitig tut, die sich eigentlich widersprechen: Er schrumpft und er wächst. Lenzing steckt gerade genau in dieser Zwickmühle, und wer die Aktie beobachtet, sieht derzeit vor allem eines – Verunsicherung, gemessen an einem Kurs, der sich seit einem Monat konsequent unter seinen gleitenden Durchschnitten bewegt.

Der Faserhersteller aus Oberösterreich hat vor gut zwei Wochen eine außerordentliche Hauptversammlung abgehalten, auf der die Kapitalerhöhung um rund 300 Millionen Euro beschlossen wurde – flankiert von weiteren 300 Millionen Euro Fremdfinanzierung, macht zusammen eine halbe Milliarde plus. Das ist viel Geld für ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von derzeit 876,63 Millionen Euro. Man kann das als Vertrauensbeweis lesen oder als Verzweiflungstat – je nachdem, wie man die zweite Hälfte der Geschichte gewichtet.

Der Kahlschlag als Kehrseite

Denn parallel zur frischen Liquidität läuft ein Kapazitätsabbau, der ganze Standorte kostet. Der Vorstand hat Ende Juli die Konsolidierung der Faserproduktion beschlossen: Heiligenkreuz im Burgenland wird bis Ende des Jahres geschlossen, Grimsby in England folgt 2027. Weltweit sind rund 2.000 Arbeitsplätze betroffen. Das ist keine kosmetische Anpassung, das ist ein Strukturbruch – und er passt zu einem Muster, das sich in vielen Grundstoffindustrien Europas gerade wiederholt: hohe Energiekosten, globaler Wettbewerbsdruck, die schmerzhafte Erkenntnis, dass alte Kapazitäten nicht mehr zur neuen Nachfrage passen.

Lenzing selbst nennt sein Programm „Grow Nonwovens, Reset Textiles“ – ein Name, der die Strategie eigentlich schon verrät. Das Nonwovens-Geschäft, also Vliesstoffe, soll organisch wachsen, während das klassische Textilgeschäft auf Premiumsegmente verengt wird.

Die Zellstoff- und Bioraffineriesparte soll gestärkt werden. Es ist der Versuch, aus einem Volumengeschäft ein Wertgeschäft zu machen – ambitioniert, aber nicht ohne Logik angesichts der Konkurrenz aus Asien.

Zahlen, die Mut machen – aber wem?

Die Halbjahreszahlen, veröffentlicht vor gut drei Wochen, geben dem Vorstand zumindest kurzfristig recht: Das Ergebnis nach Steuern hat sich auf 35,6 Millionen Euro mehr als verdoppelt, verglichen mit 15,2 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Umsatzerlöse von 1,27 Milliarden Euro und ein EBITDA von 239,2 Millionen Euro klingen nach einem Unternehmen, das aus der Krise herauskommt.

Der freie Cashflow von 45,8 Millionen Euro untermauert das. Seither hat die Aktie allerdings rund 2,4 Prozent verloren – ein Hinweis darauf, dass der Markt die operative Erholung längst eingepreist hatte und nun auf die Kosten der Transformation starrt.

Diese Kosten sind real: Werksschließungen, Sozialpläne, eine Kapitalerhöhung, die bestehende Aktionäre verwässert. Bis spätestens Ende Februar 2027 soll die neue Aktienausgabe abgeschlossen sein, unter Wahrung des Bezugsrechts – ein Detail, das zumindest Altaktionären die Möglichkeit gibt, ihren Anteil zu verteidigen.

Ein neues Führungsteam für eine alte Baustelle

Auch personell ist bei Lenzing seit dem Frühsommer einiges in Bewegung. Georg Kasperkovitz wurde Anfang Juni zum Vorstandsvorsitzenden bestellt, an seiner Seite CFO Mathias Breuer und CPO/CTO Christian Skilich. Im Aufsichtsrat löst Martin Seiter, MBA, den auf eigenen Wunsch ausgeschiedenen Franz Gasselsberger ab.

Ein komplett erneuertes Führungsgremium übernimmt also ausgerechnet in der Phase, in der über die Zukunft von Standorten und Belegschaften entschieden wird – keine leichte Aufgabe, aber vielleicht die richtige Konstellation für einen echten Neuanfang.

Der Kurs notiert derzeit bei 22,65 Euro, rund 24 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 29,75 Euro aus dem Juni, aber immerhin 17 Prozent über dem März-Tief von 19,40 Euro. Das RSI von 42 signalisiert weder Überkauft- noch Überverkauftheit – der Markt wartet offenbar ab, wie sich Kapazitätsabbau und Kapitalspritze in den kommenden Quartalen tatsächlich auf die Bilanz auswirken.

Wer die Aktie hält, hat damit eine Wette auf einen Konzern laufen, der sich radikal verkleinert, um am Ende größer dazustehen. Ob das gelingt, entscheidet sich nicht an einem Tag – sondern an den nächsten Zahlen, die diese doppelte Strategie belegen müssen.

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Lenzing Aktie

11,14 EUR

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KGV —
KUV 0,38
Sektor Zyklischer Konsum
Div.-Rendite —
Marktkapitalisierung 430,31 Mio. EUR
Ø Kursziel 21,50 EUR
ISIN: AT0000644505 WKN: 852927

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