Märkte unter Druck: Iran-Konflikt trifft Notenbanken
Krieg im Nahen Osten und Inflationssorgen setzen Aktienmärkte unter Druck. Notenbanken zögern mit geldpolitischen Entscheidungen.

Kurz zusammengefasst
- Europäische Aktienmärkte geben deutlich nach
- Technologiewerte erleiden schwere Verluste
- Fed und EZB signalisieren mögliche Zinserhöhungen
- Defensive Branchen als sicherer Hafen gesucht
Der Nahost-Konflikt hält die Finanzmärkte fest im Griff. Während Friedenshoffnungen und Inflationsängste gleichzeitig durch die Handelssäle ziehen, reagieren Börsen, Notenbanken und Unternehmen weltweit auf ein Umfeld, das kaum widersprüchlicher sein könnte.
Europas Börsen im Gegenwind
Der europäische Leitindex STOXX 600 schloss am Dienstag 0,7 Prozent im Minus – auf dem niedrigsten Stand seit dem 12. Juni. Der Absturz traf besonders den Technologiesektor hart. Mit einem Tagesverlust von 3,7 Prozent verbuchte er seinen schwersten Einbruch seit Februar.
Der Ausverkauf trifft ausgerechnet jene Unternehmen, die in diesem Quartal am stärksten von der KI-Euphorie profitiert hatten. Chipentwickler Infineon verlor 6,3 Prozent, STMicroelectronics sogar 8,5 Prozent. Der Halbleiterausrüster ASML rutschte um 5,7 Prozent ab, Aixtron um 8,3 Prozent. Das Problem dahinter ist strukturell: Viele dieser Unternehmen haben sich zuletzt frisches Fremdkapital beschafft, um ihre KI-Investitionen zu finanzieren. Steigen nun die Zinsen, gerät genau dieses Modell unter Druck.
„Wenn Unternehmen weiter Schulden aufnehmen müssen, bevor sie ausreichende Erträge erwirtschaften, könnten Anleger beginnen, das Schuldenprofil und die Nachhaltigkeit der Gewinne zu hinterfragen“, warnte Kiran Ganesh, globaler Leiter für Anlagekommunikation bei UBS.
Gleichzeitig preisen Marktteilnehmer an den Terminmärkten eine Zinserhöhung der US-Notenbank Fed um 25 Basispunkte ein, mit einer über 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit für eine weitere Anhebung noch in diesem Jahr. Auch die EZB soll demnach die Zinsen um weitere 25 Basispunkte erhöhen – trotz gegenteiliger Signale von EZB-Chefin Christine Lagarde.
Frieden in Sicht, Inflation bleibt
Der US-amerikanisch-iranische Krieg dauert nun vier Monate. Die jüngsten Signale aus Genf klingen nach Aufbruch: Iran und die USA haben vergangene Woche ein Interimsabkommen unterzeichnet und sich auf einen 60-Tage-Fahrplan für ein dauerhaftes Friedensabkommen verständigt. US-Vizepräsident JD Vance sprach am Montag von einer „guten Grundlage“, die bei Gesprächen in der Schweiz gelegt worden sei.
Doch die Verhandlungen sind alles andere als reibungslos. Irans UN-Botschafter Ali Bahreini wies Berichte zurück, wonach Washington und Katar Kontrolle über die aufgetauten iranischen Devisen erhalten sollten. „Iran ist das einzige Land, das entscheidet, was mit seinen freigegebenen Vermögenswerten geschieht“, sagte Bahreini in Genf. Rund zwölf Milliarden Dollar sollen im Rahmen des Abkommens freigegeben werden. US-Außenminister Marco Rubio legte unterdessen klar, dass Iran in keinem zukünftigen Abkommen Transitgebühren für die Straße von Hormus erheben dürfe – dies verstoße gegen internationales Recht.
Diese Gemengelage spiegelt sich direkt in den Konjunkturdaten wider. Der US-amerikanische Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe stieg im Juni auf 55,7 – den höchsten Stand seit Mai 2022. Unternehmen kaufen auf Vorrat, aus Sorge vor Lieferengpässen und weiteren Preissteigerungen. Gleichzeitig fiel der Beschäftigungsindex im Sektor auf 47,0 – den tiefsten Wert seit Mai 2020. Fabrikbetreiber entlassen Mitarbeiter, weil steigende Rohstoffkosten die Margen zerfressen.
„Fabrikstellenabbau läuft auf dem höchsten Niveau seit 2009, wenn man die Pandemie ausklammert“, kommentierte Chris Williamson, Chefökonom bei S&P Global Market Intelligence.
Notenbanken zwischen Abwarten und Handeln
Wie soll die Geldpolitik auf ein Umfeld reagieren, das von Angebotsschocks, Kriegsfolgen und fragiler Konjunktur geprägt ist? Die Antworten der Zentralbanken fallen unterschiedlich aus – aber der Tenor ist ähnlich: Vorsicht.
Bank of England-Ratsmitglied Alan Taylor plädierte am Dienstag für ein „verlängertes Halten“ des Leitzinses auf dem aktuellen Niveau von 3,75 Prozent. Vor dem Krieg habe er noch für Zinssenkungen gestimmt – nun sei die Unsicherheit zu groß. Sollte sich das Inflationsumfeld jedoch aufhellen, spricht er sich für eine Rückkehr zu Zinssenkungen aus, hin zu seinem geschätzten neutralen Zinssatz von 3,0 Prozent.
Brasiliens Zentralbank geht einen anderen Weg. Sie signalisierte in ihrem jüngsten Sitzungsprotokoll eine Mischung aus Pausen und weiteren Lockerungsschritten, um die Inflation bis zum ersten Quartal 2028 auf ihr 3-Prozent-Ziel zu führen. Der Leitzins Selic wurde zuletzt auf 14,25 Prozent gesenkt. Kritiker sehen darin politische Einflussnahme – Präsident Lula strebt im Oktober die Wiederwahl an.
China dagegen hält sich bewusst zurück. Laut einer Analyse der Investmentbank Macquarie folgt Peking weiter der „Just Enough“-Regel: gerade so viel Stimulus, wie nötig ist, um die Wachstumsziele von 4,5 bis 5,0 Prozent zu erreichen – aber nicht mehr. Die KI-getriebene Exportdynamik nehme den Druck, die Binnennachfrage gezielt anzukurbeln. Das nächste Politbüro-Treffen Ende Juli könnte dennoch eine etwas stützendere Haltung signalisieren.
Defensive Werte gefragt
Inmitten der Turbulenzen suchen Anleger Schutz in klassischen Defensivwerten. Der Gesundheitssektor stieg um 1,9 Prozent, Lebensmittel- und Getränketitel legten 1,7 Prozent zu. Den stärksten Anstieg im STOXX 600 verbuchte Bunzl mit einem Plus von 5,6 Prozent – der britische Distributionskonzern hob seine Umsatzwachstumsprognose nach einem starken ersten Halbjahr an.
Am anderen Ende der Skala kollabierte Signify um fast 15 Prozent. Der weltgrößte Leuchtmittelhersteller stellte eine neue Mittelfriststrategie vor, die eine bereinigte EBITA-Marge von lediglich rund 10 Prozent bis 2029 in Aussicht stellt – das enttäuschte die Märkte erheblich.
Die eigentliche Frage bleibt, ob der Friedensprozess zwischen Washington und Teheran schnell genug Fahrt aufnimmt, um den Inflationsdruck spürbar zu dämpfen. Solange das offen ist, dürften Zentralbanken weltweit im Wartemodus verharren – und die Märkte mit ihnen.
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