Märkte unter Druck: Nahost, KI und Zinsangst

Steigende Ölpreise, drohende EZB-Zinserhöhung und schwächelnde Tech-Werte belasten die globalen Börsen. Der SpaceX-IPO rückt näher.

Felix Baarz ·
KOSPI Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Brent-Öl steigt über 97 Dollar
  • EZB plant Zinserhöhung am Donnerstag
  • Fed verschiebt Zinssenkungen auf 2027
  • SpaceX-IPO mit 75 Milliarden Dollar Erlös

Die Finanzmärkte stehen unter Druck von mehreren Seiten gleichzeitig. Der Nahost-Konflikt flammt erneut auf, die KI-Euphorie bröckelt, und Zinserhöhungen rücken näher. Was für sich genommen schon reicht, um Anleger nervös zu machen, trifft diese Woche alles auf einmal ein.

Nahost-Eskalation treibt Ölpreise

Brent-Rohöl stieg am Montag zeitweise auf über 97 Dollar je Barrel – ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr die Märkte das erneute Aufflammen des Iran-Israel-Konflikts einpreisen. Nachdem beide Seiten am Wochenende Angriffe ausgetauscht hatten, meldeten Irans Streitkräfte schließlich das Ende der Operationen gegen Israel, woraufhin die Ölpreise ihre Gewinne etwas abbauten und zuletzt bei rund 94 Dollar notierten.

US-Präsident Donald Trump hatte zuvor öffentlich auf eine sofortige Waffenruhe gedrungen. „Israel und Iran müssen sofort aufhören zu schießen“, schrieb er in sozialen Medien. Gleichzeitig erklärte er, die Friedensverhandlungen mit Teheran seien „sehr nah“ an einem Abschluss. Ein iranischer Insider bewertete die Lage jedoch pessimistischer: Ein Deal sei „in diesem Stadium nicht mehr realisierbar“.

Die strategische Meerenge von Hormus bleibt derweil de facto blockiert. Durch sie fließt ein Fünftel des weltweiten Öls. Solange dieser Engpass bestehen bleibt, sind Energiepreisschocks keine abstrakte Gefahr, sondern gelebte Realität für Unternehmen und Verbraucher weltweit.

EZB und Fed: Zinswende in beide Richtungen

Die Ölpreise machen das Geschäft der Notenbanken komplizierter. Die Europäische Zentralbank wird am Donnerstag voraussichtlich als erste große Zentralbank seit Ausbruch des Iran-Kriegs Ende Februar die Zinsen anheben. Der Schritt gilt als gesetzt – selbst Tauben im EZB-Rat wie Italiens Fabio Panetta stehen dahinter.

Die eigentliche Frage ist, was danach kommt. Händler preisen ein bis zwei weitere Erhöhungen für 2026 ein, am wahrscheinlichsten im September. Eurozone-Inflation kletterte im Mai auf 3,2 Prozent, und die Kerninflation zieht erstmals seit Kriegsbeginn ebenfalls an. „Zwei Zinserhöhungen dürften genug sein, um die Glaubwürdigkeit der EZB zu stärken, ohne die Wirtschaft über das durch die hohen Energiepreise ohnehin schon gebremstes Maß hinaus zu belasten“, sagt UBS-Ökonom Reinhard Cluse.

Die US-Notenbank Fed bewegt sich derweil in die entgegengesetzte Richtung: weg vom Lockern, hin zum Abwarten. Goldman Sachs hat seine Prognose für Fed-Zinssenkungen gerade auf 2027 verschoben. Ökonom David Mericle begründet das mit einem starken Arbeitsmarkt, anhaltenden Inflationsdrücken durch Zölle, Energiepreise und verzerrte KI-Nachfrage. Die Kerninflation beim privaten Konsum dürfte laut Goldman Sachs das gesamte Jahr 2026 über 3 Prozent liegen. Eine Zinssenkung ist damit fürs Erste vom Tisch.

Das US-Verbraucherpreisindex-Datum am Mittwoch wird zeigen, wie weit die Inflation im Mai geklettert ist. Ökonomen erwarten einen Anstieg auf 4,2 Prozent im Jahresvergleich – nach 3,8 Prozent im April.

KI-Rally unter Druck

Tech-Aktien hatten zuletzt Federn gelassen. Enttäuschende Quartalsergebnisse des Chipherstellers Broadcom in Kombination mit den starken US-Beschäftigungsdaten haben die KI-Euphorie gedämpft. Europas STOXX-600-Technologiesektor verlor am Montag 2,1 Prozent, Infineon rutschte 1,7 Prozent tiefer, BE Semiconductor verlor fast 4 Prozent.

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Diese Woche stehen zwei weitere Prüfungen für das KI-Narrativ an. Oracle berichtet am Mittwoch nach Börsenschluss. Analysten von Evercore ISI sehen ein positives Chance-Risiko-Verhältnis, wenn der Konzern saubere Quartalszahlen liefert und die Umsatzbeschleunigung für 2027 und 2028 bestätigt. Oracle-Aktien haben seit Jahresbeginn gut 9 Prozent zugelegt.

Adobe folgt am Donnerstag. Das Unternehmen hat mit KI-Konkurrenz besonders zu kämpfen: Die Aktie ist 2026 um mehr als 33 Prozent gefallen. CEO Shantanu Narayen hat seinen Rücktritt angekündigt, und ein Nachfolger könnte die eigentliche Überraschung der Berichtssaison werden. Analysten von Jefferies rechnen kaum mit einem inhaltlichen Paukenschlag – aber eine personelle Weichenstellung könnte Investoren Orientierung geben.

Vom FOMO in die Falle: Koreas Privatanleger

Besonders schmerzhaft war der Wochenbeginn für koreanische Privatanleger. Der KOSPI, noch vor Kurzem der weltbeste Aktienindex, verlor am Montag mehr als 8 Prozent – der stärkste Tageseinbruch seit drei Monaten. Der Auslöser: Der starke US-Jobsbericht hatte Spekulationen auf eine Fed-Zinserhöhung befeuert, was die neun Wochen andauernde Wall-Street-Rally abrupt beendete.

Besonders betroffen: Anleger, die auf Kredit in doppelt gehebelte ETFs auf Samsung Electronics und SK Hynix gesetzt hatten. Diese Produkte, erst am 27. Mai eingeführt, verdoppeln sowohl Gewinne als auch Verluste. Die südkoreanische Zentralbank Bank of Korea warnte jüngst, dass kreditfinanzierte Aktienanlagen Ende Mai einen Rekordstand von 60 Billionen Won (rund 39 Milliarden Dollar) erreicht haben. Allein 2025 sind diese Investitionen um 72,5 Prozent gewachsen – weit mehr als in den USA, China oder Japan.

„Alle reden über die gehebelten ETFs. SK Hynix war schon zu hoch gelaufen, um es direkt zu kaufen, also habe ich den doppelt gehebelten ETF genommen“, sagte eine 40-jährige Hausfrau aus Seoul der Nachrichtenagentur Reuters. „Die Volatilität ist extrem. Ich werde wohl bald verkaufen.“

Japaner ziehen sich zurück – SpaceX steht bevor

Auch japanische Institutionelle wurden vorsichtiger: Im Mai verkauften sie per saldo ausländische Aktien im Wert von 2,72 Billionen Yen – der größte Nettoabzug seit April 2021. Gleichzeitig flossen 2,9 Billionen Yen in ausländische Anleihen. Geopolitische Risiken und die Sorge, dass die KI-getriebene Rallye überhitzt ist, trieben die Umschichtung.

Inmitten all dieser Unsicherheiten bleibt ein Ereignis mit Spannung erwartet: der Börsengang von SpaceX. Das Raketunternehmen von Elon Musk plant für diese Woche einen IPO mit einem angestrebten Erlös von 75 Milliarden Dollar und einer Bewertung von 1,75 Billionen Dollar – ein potenzieller Rekordgang. Der Preisfindung wird für den 11. Juni erwartet, der erste Handelstag an der Nasdaq am 12. Juni. SpaceX hatte 2025 zwar einen Nettoverlust von knapp 5 Milliarden Dollar, steigerte den Umsatz aber um 33 Prozent auf 18,67 Milliarden Dollar.

Die Märkte haben diese Woche viel zu verdauen: Zinserhöhungen, Inflationsdaten, Unternehmensgewinne, ein Mega-IPO – und ein Nahost-Konflikt, der sich jeden Moment wieder entzünden kann.

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