Micron Aktie: 2 Milliarden für Manassas

Micron verzeichnet Rekordumsätze durch KI-Boom, sieht sich aber einer Sammelklage wegen angeblicher DRAM-Preisabsprachen ausgesetzt.

Andreas Sommer ·
Micron Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Kursrückgang trotz Rekordgewinnen
  • Kartellklage wegen DRAM-Verknappung
  • Neuer Liefervertrag mit General Motors
  • Analysten sehen weiteres Kurspotenzial

Micron ist der Liebling des KI-Booms — und plötzlich der Sündenbock einer Kartellklage. Beide Geschichten stimmen gleichzeitig. Genau das macht diese Aktie gerade so schwer zu lesen.

Am Mittwoch schloss das Papier bei 912,90 Euro. Binnen sieben Handelstagen hat Micron 14,28 Prozent verloren. Auf Jahressicht steht trotzdem ein Plus von 785,11 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn sind es 239,37 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 1.103,80 Euro, aufgestellt erst am 25. Juni, trennen die Aktie inzwischen 17,29 Prozent.

Zahlen wie diese wirken wie aus einer anderen Zeitrechnung. Und genau das ist das Problem: Ein Konzern, der in zwölf Monaten fast verzehnfacht, zieht zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich — auch die unangenehme Sorte.

Vom Zykliker zum Vertragspartner

Micron hat sich in den vergangenen Jahren neu erfunden. Aus dem klassischen Speicherchip-Hersteller, dessen Gewinne früher im Rhythmus der Marktzyklen schwankten, ist ein strategischer Lieferant für die halbe Industrie geworden.

Am 1. Juli verkündete das Unternehmen eine neue Liefervereinbarung mit General Motors. Der Deal sichert dem Autobauer LPDRAM-, NOR- und UFS-NAND-Speicher für KI- und Sicherheitssysteme in Fahrzeugen. Micron untermauert das mit einer Investition von 2 Milliarden Euro in sein Werk im virginischen Manassas.

Das ist kein Einzelfall. GM ist bereits der 16. Kunde mit einem solchen Vertrag. Zusammen sichern diese Abkommen rund 20 Prozent der DRAM-Kapazität und ein Drittel der NAND-Kapazität ab — mit Kundenverpflichtungen von etwa 100 Milliarden Euro, die durch Sicherheiten gedeckt sind. Wer glaubt, Speicherchips seien noch ein reines Rohstoffgeschäft, hat die letzten zwei Jahre verpasst.

Dieses Modell erklärt, warum Micron für das vierte Fiskalquartal einen Umsatz von rund 50 Milliarden Euro in Aussicht stellt — deutlich mehr, als der Markt erwartet hatte. Die Bruttomarge kletterte im dritten Quartal auf 84,9 Prozent. Werte, die man sonst eher von Softwarekonzernen kennt als von Chipherstellern.

Die Kehrseite der Knappheit

Genau diese Margen sind jetzt Gegenstand einer Klage. Am 25. Juni reichten Kläger in Nordkalifornien eine Sammelklage ein. Der Vorwurf: Micron habe gemeinsam mit Samsung und SK Hynix seit 2022 die DRAM-Produktion künstlich gedrosselt.

Die Kläger behaupten, diese abgestimmte Verknappung habe die Preise über vier Jahre um bis zu 700 Prozent in die Höhe getrieben. Sollte sich das erhärten, wäre die Erzählung von der „Unterversorgung“, die Microns Kursrally seit Jahresbeginn befeuert hat, plötzlich ein juristisches Risiko statt eines Verkaufsarguments.

Der Markt hat am 1. Juli entsprechend reagiert. Der scharfe Ausverkauf lässt sich kaum von der Klage trennen — auch wenn eine breitere Sektorrotation den Rückgang verstärkt haben dürfte.

Rotation statt Ausverkauf?

Denn Micron fällt nicht allein. Nach einem starken ersten Halbjahr für Halbleiter-ETFs verschieben institutionelle Anleger derzeit Kapital von Hardware-Titeln hin zu KI-Software und defensiveren Sektoren. Die Folge: Micron durchläuft eine Phase außergewöhnlicher Schwankungsbreite, mit einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von 113,20 Prozent.

Technisch betrachtet befindet sich die Aktie in einer Verdauungsphase. Selbst nach dem Rücksetzer liegt der Kurs 137,74 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 384,00 Euro — der langfristige Aufwärtstrend bleibt intakt, wirkt aber überdehnt. Der RSI ist auf einen neutralen Wert von 52,3 gesunken. Der akute Überkauft-Druck der Vorwochen ist damit erst einmal raus.

Bewertungslücke trotz allem

Wall Street lässt sich von der juristischen Unruhe bislang kaum beeindrucken. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 1.238,90 Euro — ein Aufwärtspotenzial von 35,7 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.

Die Zuversicht speist sich aus einem konkreten Fakt: Microns High-Bandwidth-Memory-Chips sind bis Ende 2026 komplett ausverkauft. Der Umsatz mit Cloud-Speicher überschritt zuletzt in einem einzigen Quartal die Marke von 13 Milliarden Euro. Mit einer Marktkapitalisierung von 1.123,30 Milliarden Euro ist Micron mittlerweile in der obersten Liga des S&P 500 angekommen.

Bleibt die Kernfrage, die sich aus beiden Geschichten zugleich ergibt: Kann ein Geschäftsmodell, das auf langfristigen Lieferverträgen und knappen Kapazitäten beruht, gleichzeitig als Wachstumsstory und als Kartellverdacht bestehen? Die Antwort dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen, wenn das Gericht in Nordkalifornien erste Schritte im Verfahren einleitet und neue Konkurrenz aus Südkorea und China auf den Markt drängt.

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Micron Aktie

933,10 EUR

– 66,60 EUR -6,66 %
KGV 25,58
Sektor Technologie
Div.-Rendite 0,04 %
Marktkapitalisierung 1,28 Bio. EUR
ISIN: US5951121038 WKN: 869020

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