Microsoft Aktie: Wird aus Rekordwachstum auch Rekordcashflow?

Microsoft übertrifft Erwartungen mit Rekordumsatz und Azure-Wachstum, doch der freie Cashflow sinkt deutlich. Investoren bewerten die KI-Strategie kritisch.

Dieter Jaworski ·
Microsoft Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Rekordumsatz von 90 Milliarden Dollar
  • Azure-Wachstum übertrifft Erwartungen
  • Freier Cashflow sinkt um 23 Prozent
  • KI-Investitionen belasten Bilanz

Ausgangslage

Microsoft hat mit den Zahlen zum vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026, veröffentlicht am 29. Juli, die eigene Erfolgsgeschichte neu geschrieben. Der Umsatz kletterte auf 90,01 Milliarden Dollar und übertraf die Konsensschätzung von 87,62 Milliarden Dollar deutlich, der bereinigte Gewinn je Aktie lag mit 4,74 Dollar über den erwarteten 4,24 Dollar. Azure überschritt erstmals die Marke von 100 Milliarden Dollar Umsatz und wuchs um 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Börse reagierte historisch: Am 30. Juli legte die Aktie um 15,5 Prozent zu, der größte Tageszuwachs an Marktwert, den eine Aktie je verzeichnet hat.

Genau diese Wucht macht die aktuelle Phase heikel. Die Aktie notiert aktuell bei 431,05 Euro und hat in den vergangenen 30 Tagen um 28,58 Prozent zugelegt. Nach einem derart steilen Anstieg stellt sich für Anleger weniger die Frage, ob das vierte Quartal stark war, sondern ob die zugrunde liegenden Trends – Azure-Beschleunigung, Copilot-Durchdringung, KI-Monetarisierung – tragfähig genug sind, um das aktuelle Bewertungsniveau zu rechtfertigen. Die Bezahl-Nutzerzahl von Microsoft 365 Copilot stieg von 20 Millionen im April auf über 30 Millionen, die annualisierte Laufrate des KI-Geschäfts erreichte 37 Milliarden Dollar, ein Plus von 123 Prozent. Der Auftragsbestand aus kommerziellen Restleistungsverpflichtungen wuchs auf 678 Milliarden Dollar.

Die entscheidende Frage

Der Knackpunkt liegt nicht im Wachstum, sondern im Cashflow. Der freie Cashflow des vierten Quartals fiel trotz Rekordumsatz um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 19,64 Milliarden Dollar. Grund sind die gewaltigen Investitionen in Rechenzentren und KI-Infrastruktur: Im Geschäftsjahr 2026 gab Microsoft 116 Milliarden Dollar für Sachanlagen aus. Für das Kalenderjahr 2026 senkte Finanzchefin Amy Hood die Investitionsplanung auf rund 175 Milliarden Dollar inklusive Finanzierungsleasing, nachdem zuvor 190 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt worden waren. Gleichzeitig verlängerte das Unternehmen die angenommene Nutzungsdauer von Rechenzentrumsgebäuden von 15 auf 25 Jahre, eine Bilanzierungsänderung, die künftige Abschreibungen glättet.

Die entscheidende Frage für die kommenden Quartale lautet damit: Gelingt es Microsoft, das enorme Nachfragewachstum in Azure und Copilot in tatsächlichen freien Cashflow umzuwandeln, ohne dass die Infrastrukturkosten die Marge weiter belasten? Das Unternehmen selbst stellt für das Geschäftsjahr 2027 wieder positiven Free Cashflow in Aussicht, nach dem Rückgang im abgelaufenen Quartal ist das jedoch eine Prognose, keine gesicherte Größe.

Bullisches Szenario

Für Optimisten sprechen mehrere Datenpunkte. Für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 rechnet Microsoft mit einem Azure-Wachstum von 45 Prozent auf konstanter Währungsbasis, mehr als im gerade abgeschlossenen Quartal. Die Umsatzguidance liegt bei 89,85 bis 90,95 Milliarden Dollar, ein Plus von 16 bis 17 Prozent. Zusätzlich drehte die Beteiligung an OpenAI ins Positive: Ein Nettogewinn von 4,963 Milliarden Dollar für das Gesamtjahr steht einem Verlust von 3,620 Milliarden Dollar im Vorjahr gegenüber, hinzu kam ein Gewinn von 3,2 Milliarden Dollar aus der Anthropic-Beteiligung. Die reduzierte Investitionsplanung für 2026 lässt sich zudem als Kapitaldisziplin lesen, nicht als Schwäche. Sollte Azure die angepeilten 45 Prozent Wachstum liefern und die Copilot-Basis weiter skalieren, hätte die Bullenthese ein solides Fundament.

Bärisches Szenario

Die Risikoseite ist ernst zu nehmen. Der Rückgang des freien Cashflows um 23 Prozent zeigt, dass das aktuelle Wachstumstempo kapitalintensiv erkauft wird. Die Verlängerung der Nutzungsdauer von Rechenzentren auf 25 Jahre senkt zwar ausgewiesene Abschreibungen, ändert aber nichts an den tatsächlichen Investitionssummen. Im klassischen Geschäft zeigen sich zudem Schwachstellen: Der Bereich More Personal Computing schrumpfte um 4,4 Prozent, getrieben von einem Rückgang bei Windows-OEM-Lizenzen um 7 Prozent und bei Xbox-Inhalten um 10 Prozent. Technisch ist die Aktie nach dem 30-Tage-Anstieg von 28,58 Prozent überkauft, der 14-Tage-RSI liegt bei 75,7. Zugleich bleibt der Kurs 9,84 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 478,10 Euro vom 28. Oktober 2025, ein Hinweis darauf, dass der Markt trotz der Rekordreaktion auf die Zahlen noch nicht bereit ist, neue Höchststände zu bestätigen.

Ausblick

Solange Azure sein Wachstumstempo hält oder beschleunigt und der Auftragsbestand von 678 Milliarden Dollar weiter wächst, dürfte der Markt die hohen Investitionen als Wachstumsinvestition tolerieren. Kippt dagegen die Cashflow-Erosion in einen anhaltenden Trend, oder verfehlt das laufende Quartal die selbst gesetzte Guidance von 89,85 bis 90,95 Milliarden Dollar Umsatz, dürfte die Diskussion um die Kapitalintensität des KI-Geschäfts lauter werden. Ein konkreter Termin steht bereits fest: Am 20. August 2026 notiert die Aktie ex Dividende in Höhe von 0,91 Dollar je Aktie. Der nächste echte Prüfstein für die These vom sich selbst finanzierenden KI-Wachstum bleibt jedoch der übernächste Quartalsbericht, wenn sich zeigt, ob die gesenkte Investitionsplanung für 2026 tatsächlich zu mehr freiem Cashflow führt oder ob die Rechenzentrumskosten das Wachstum weiter aufzehren.

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