Microvast: Neue Klagewelle um Huzhou Phase 3.2
Microvast erreicht neues Jahrestief, während mehrere Sammelklagen dem Management optimistische Prognosen vorwerfen. Analysten-Konsens bleibt trotzdem optimistisch.

Kurz zusammengefasst
- Neues 52-Wochen-Tief bei 0,70 Euro
- Mehrere Kanzleien reichen Sammelklagen ein
- Vorwürfe: Zu optimistische Kapazitäts- und Margenziele
- Analysten-Kursziel liegt bei 4,83 Euro
Microvast schließt am Freitag bei 0,7030 Euro. Das ist ein neues 52-Wochen-Tief, ein Minus von 7,13 Prozent an einem einzigen Tag. Wer seit Jahresanfang investiert ist, sitzt auf einem Verlust von 70,41 Prozent — das ist keine Korrektur mehr. Das ist ein Urteil des Marktes.
Eine Klagewelle mit Substanz
Was diesen Fall besonders macht, ist nicht allein der Kursverfall. Es ist die Menge an Klagen, die sich in den letzten Tagen aufgetürmt hat. Bernstein Liebhard hat eine Sammelklage im Namen von Aktionären eingereicht. Kaplan Fox & Kilsheimer zielt auf Investoren, die zwischen April 2025 und März 2026 Microvast-Papiere gekauft haben. Holzer & Holzer und die Rosen Law Firm haben in derselben Zeit ähnliche Investoren-Warnungen veröffentlicht.
Entscheidend ist nicht die Zahl der Kanzleien, sondern der Inhalt der Vorwürfe. Laut der Kaplan-Fox-Klage hat Microvast den Ausbau seiner Fertigungsanlage in Huzhou, China angekündigt — intern „Huzhou Phase 3.2“ genannt. Das Unternehmen habe versprochen, die zusätzliche Produktionskapazität werde noch vor Ende 2025 laufen. Die Kläger werfen dem Management vor, sowohl die Margenziele als auch den Zeitplan für Huzhou Phase 3.2 bewusst zu optimistisch dargestellt zu haben. Wenn sich eine Wachstumsgeschichte, die auf Kapazitätsausbau und Margensteigerung aufgebaut war, in Gerichtsakten zerlegt, wird es schwer, den Kursverfall als reines Sentiment abzutun.
Die Kluft zwischen Analysten-Konsens und Realität
Der Analysten-Konsens sieht den fairen Wert von Microvast weiterhin bei 4,83 Euro. Das wäre ein Kurspotenzial von fast 588 Prozent gegenüber dem Freitagsschluss. Auf dem Papier klingt das nach der Story des Jahres. In der Praxis zeigt diese Zahl vor allem eines: wie weit sich die Analystenmeinungen von den Problemen entfernt haben, die in den Klageschriften beschrieben werden.
Die Abdeckung durch Analysten ist ohnehin dünn — eine einstellige Zahl aktiver Bewerter, von denen einige ihre Kursziele seit Monaten nicht mehr angepasst haben. Das, obwohl sich der Kurs in dieser Zeit halbiert hat. Ein Kursziel, das vor den Betrugsvorwürfen, vor dem Umsatzeinbruch im ersten Quartal und vor der wachsenden juristischen Belastung entstanden ist, wiegt deutlich weniger als bei einem breit abgedeckten Large Cap. Ein Kurspotenzial von fast 600 Prozent bei einer Aktie am 52-Wochen-Tief, mit einem RSI von 24,4 im überverkauften Bereich, aber ohne bestätigten Wendepunkt — das als echte Chance zu behandeln, ist für disziplinierte Investoren kaum zu rechtfertigen.
Die Charttechnik bestätigt den Abwärtstrend, nicht die Bodenbildung
Jeder gleitende Durchschnitt erzählt dieselbe Geschichte. Die Aktie notiert 32,09 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt und 66,25 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt. Vom 52-Wochen-Hoch bei 5,46 Euro, erreicht im Oktober 2025, trennen die Aktie inzwischen 87,13 Prozent. Eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von über 57 Prozent zeigt, wie heftig das Papier mittlerweile auf jede neue Meldung reagiert — ob rechtlich, operativ oder makroökonomisch.
Ein RSI im mittleren 20er-Bereich signalisiert normalerweise überverkaufte Bedingungen, die kurze, scharfe Erholungen einleiten können. Überverkauft ist aber nicht dasselbe wie unterbewertet. Eine technische Gegenbewegung durch Short-Eindeckungen sagt nichts darüber aus, ob die zugrunde liegenden rechtlichen und operativen Risiken gelöst sind. Solange kein konkreter, überprüfbarer Beweis vorliegt, dass die Kapazitätsprobleme in Huzhou und die Margendefizite aus den Klagen tatsächlich behoben sind — und nicht nur erneut versprochen werden — bleibt der Weg des geringsten Widerstands nach unten gerichtet.
Mein Fazit
Die Vorsicht bei Microvast stützt sich nicht auf einen einzelnen Datenpunkt, sondern auf ein Zusammentreffen mehrerer Warnsignale: eine Aktie, die neue Tiefs markiert, ein sich verschlechterndes charttechnisches Bild und ein rasch wachsender Stapel von Aktionärsklagen, die dem Management vorwerfen, sowohl Kapazitätszeitpläne als auch Margenentwicklung überzeichnet zu haben.
Bis Microvast belastbare Beweise liefert — geprüfte Zahlen, keine Presseerklärungen — dass die Verzögerungen bei Huzhou Phase 3.2 und die Margenprobleme aus den Klagen gelöst sind, wirkt die Kluft zwischen dem angeschlagenen Chart und dem optimistischen Kursziel weniger wie eine Chance. Sie wirkt wie ein Warnsignal, dass die Wall-Street-Abdeckung mit der Auflösung der Unternehmensgeschichte noch nicht Schritt gehalten hat.
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