Der Iran-Konflikt hinterlässt tiefe Spuren in der Weltwirtschaft – und die schlimmsten Auswirkungen könnten erst noch kommen. Während die ersten Kursschocks an den Börsen verarbeitet scheinen, warnen Analysten vor einer zweiten, gefährlicheren Welle an Verwerfungen, die sich von den Energiemärkten in die gesamte Weltwirtschaft frisst.
Vom Schock zur Dauerkrise
BCA Research beschreibt die Markteffekte des Konflikts in drei Phasen: dem initialen Schockwellen-Stadium, den Folgewellen und schließlich einer längerfristigen Rückströmung. Die erste Phase ist nach Einschätzung der Analysten weitgehend abgeklungen. Nun droht die zweite – und komplexere – Phase.
In den ersten Kriegstagen konzentrierten sich die größten Bewegungen auf Rohöl, Raffinierieprodukte und Erdgas. Der Grund: Die Meerenge von Hormuz, durch die ein erheblicher Teil der weltweiten Seefracht an Erdöl und Flüssiggas fließt, geriet unter Druck. Schon die Androhung einer Blockade genügt, um die Märkte zu erschüttern. Der anfängliche Preisanstieg resultierte laut BCA weniger aus tatsächlichen Produktionsausfällen als aus logistischen Engpässen – Tankerverkehr verlangsamte sich, Lieferwege mussten umgeleitet werden.
Jetzt droht die nächste Eskalationsstufe. Füllen sich die Lagertanks und bleiben die Lieferwege blockiert, könnten Golfproduzenten gezwungen sein, ihre Fördermengen zu drosseln. Aus einem Transportproblem würde dann ein Versorgungsschock.
Indien navigiert diplomatisch durch die Krise
Einen ersten Fingerzeig, was bei entschlossenem diplomatischen Handeln möglich ist, liefert Indien. Zwei LPG-Tanker – die Shivalik und die Nanda Devi, gechartert von der staatlichen Indian Oil Corp. – haben die de facto gesperrte Meerenge von Hormuz passiert. Berichten zufolge geschah dies im Rahmen einer stillschweigenden Vereinbarung zwischen Neu-Delhi und Teheran.
Für Indien ist die Bedeutung kaum zu überschätzen: Das Land ist der weltweit zweitgrößte LPG-Importeur und bezieht 90 Prozent seines Bedarfs aus dem Nahen Osten. Haushaltsgaskunden stehen vor Engpässen, Industriebetriebe drohen mit Stillstand. Die erfolgreiche Durchfahrt der beiden Schiffe weckt nun Hoffnungen, dass weitere Tanker folgen könnten. Ob das jedoch eine einmalige Ausnahme oder der Beginn eines stabilen „Energiekorridors“ ist, bleibt offen.
Währungen geraten unter Druck
Die Folgewellen des Konflikts erreichen inzwischen auch die Devisenmärkte. Japan und Südkorea – beide stark von importiertem Öl abhängig – sehen sich mit einem rasant abwertenden Yen beziehungsweise Won konfrontiert. Der sichere Hafen Dollar zieht Kapital an, während Ölimporteure unter der doppelten Last steigender Energiekosten und schwächerer Währungen leiden.
Japans Finanzministerin Satsuki Katayama und ihr südkoreanischer Amtskollege Koo Yun-cheol erklärten nach ihrem Treffen in Tokio, sie beobachteten die Märkte genau und seien bereit, bei übermäßiger Volatilität einzugreifen. Der Yen nähert sich der Marke von 160 Yen je Dollar – einem Niveau, das in der Vergangenheit Interventionen ausgelöst hat. Der Won durchbrach erstmals seit März 2009 die Schwelle von 1.500 Won je Dollar.
Ob Devisenmarktinterventionen tatsächlich wirken würden, ist umstritten. Solange die Nachfrage nach Dollar anhält, könnte jede Stützungsaktion verpuffen.
S&P 500 im Stresstest
An den Aktienmärkten hinterlässt der Konflikt ebenfalls Spuren. Der S&P 500 gab im Wochenverlauf um rund zwei Prozent nach – ein Muster, das Goldman Sachs als typisches Verhalten in geopolitischen Krisenphasen einordnet. Für das laufende Jahr hatte Goldman ein EPS-Wachstum von zwölf Prozent prognostiziert. Ein anhaltender Ölpreisschock könnte diesen Ausblick deutlich eintrüben: Laut Goldman-Modell entspricht jeder Prozentpunkt weniger Realwirtschaftswachstum einem Rückgang der Unternehmensgewinne um drei bis vier Prozent.
Faustregel: Energieunternehmen profitieren von hohen Ölpreisen, während Konsumgüter- und Industriekonzerne leiden. Per Saldo ist der Effekt für den Gesamtmarkt negativ – besonders dann, wenn die Disruption anhält.
KI als Gegengewicht
Abseits der geopolitischen Verwerfungen bleibt die Künstliche Intelligenz der dominierende strukturelle Treiber für Marktbewertungen. Goldman Sachs beschreibt einen sich selbst verstärkenden Investitionszyklus: Chiphersteller wie Nvidia profitieren, Infrastrukturanbieter und Versorgungsunternehmen folgen. Die massiven Investitionsausgaben der großen Cloud-Konzerne fließen als Umsatz in andere S&P-500-Unternehmen – ein Wachstumskreislauf, der sich vorerst fortsetzt.
Taiwan illustriert diesen Zusammenhang eindrücklich. Präsident Lai Ching-te rechtfertigte ein 40-Milliarden-Dollar-Sonderbudget für Verteidigung mit dem Hinweis auf Taiwans boomende Wirtschaft, die maßgeblich vom KI-bedingten Chipbedarf angetrieben wird. Die Wirtschaft wuchs 2025 so schnell wie seit 15 Jahren nicht mehr.
Zwischen Schock und Anpassung
Was bleibt, ist ein Bild globaler Märkte unter mehrfachem Druck: Energieverknappung, Währungsturbulenzen, geopolitische Eskalationsrisiken – und gleichzeitig ein struktureller Technologieboom, der zumindest einen Teil des Gegenwinds abfedert. Wie lange die zweite Phase des Konflikts andauert und ob sich weitere diplomatische Korridore öffnen lassen, wird darüber entscheiden, ob die Weltwirtschaft glimpflich davonkommt – oder ob der schlimmste Teil erst noch bevorsteht.
