Die Eskalation im Nahen Osten versetzt die globalen Finanzmärkte in Aufruhr. Was am vergangenen Wochenende mit massiven US-israelischen Angriffen auf Iran begann, entwickelt sich zum größten Risikofaktor für die Weltwirtschaft seit Jahren. Öl- und Gaspreise schießen in die Höhe, Aktien stürzen ab, und Notenbanker müssen ihre gesamten Prognosen überdenken. Der viertägige Konflikt hat bereits tiefe Spuren hinterlassen – und ein Ende ist nicht in Sicht.
Energiepreise als zentrale Bedrohung
Brent-Rohöl verteuerte sich binnen weniger Tage um über 12 Prozent auf 81,40 Dollar je Barrel. US-Leichtöl kletterte um mehr als 13 Prozent, nachdem iranische Streitkräfte die Straße von Hormus – eine kritische Nadelöhr für etwa ein Fünftel des weltweiten Ölhandels – faktisch blockierten. Dazu kommen Produktionsstopps mehrerer Golfstaaten nach iranischen Drohnen- und Raketenangriffen auf Raffinerien in der Region.
Die Folgen zeigen sich unmittelbar an den Tankstellen: US-Benzinpreise legten binnen 24 Stunden um 10 Cents zu. In Europa explodieren die Erdgaspreise regelrecht – ein Anstieg von 65 Prozent in nur zwei Tagen versetzt energieintensive Industrien in Alarmbereitschaft. Chuck Carlson von Horizon Investment Services bringt das Dilemma auf den Punkt: „Die größte Frage ist, ob Energiepreise länger erhöht bleiben als gestern gedacht – und ob sich das durchschlägt.“
Asienmärkte im freien Fall
Besonders brutal traf es die asiatischen Börsen. Südkoreas KOSPI brach um 7,2 Prozent ein, über zwei Tage summieren sich die Verluste auf über 11 Prozent. Spekulanten und ausländische Investoren flohen aus einem Markt, der zuvor auf KI-getriebenen Gewinnen der Speicherchip-Hersteller gestiegen war. Der Won fiel auf ein 17-Jahres-Tief.
Auch Japans Nikkei verlor 2,5 Prozent – der dritte Verlusttag in Folge. „Es sieht so aus, als würde der Konflikt länger dauern als zunächst gedacht“, konstatiert Damien Boey von Wilson Asset Management. „Und es gibt eine Eskalation, weil der Krieg sich nun auf US-Verbündete ausweitet. Öl-Infrastruktur steht unter Beschuss – die Leute müssen über die Dauer all dessen nachdenken.“
Wall Street zeigt Nervosität
An der Wall Street parierten die großen Indizes heftige Verluste zumindest teilweise. Der S&P 500 schloss 0,94 Prozent im Minus, nachdem er zeitweise über 2 Prozent verloren hatte. Der Dow Jones gab 0,83 Prozent ab, der Nasdaq 1,02 Prozent. Der MSCI-Weltaktienindex verlor knapp 2 Prozent, europäische Börsen brachen um über 3 Prozent ein – auf den niedrigsten Stand seit Ende Januar.
Der Volatilitätsindex VIX, das sogenannte Angstbarometer der Wall Street, kletterte auf 23,57 Punkte – der höchste Schlusswert seit November. „Das Potenzial für Peitschenhiebe in Teilen des Markts ist extrem hoch, weil alles von Schlagzeilen getrieben wird“, warnt Kevin Gordon von Charles Schwab.
Bemerkenswert: Während Wachstumswerte leiden, zeigen Value-Aktien relative Stärke. Fluggesellschaften wie American Airlines legten trotz steigender Treibstoffkosten zu – ein Zeichen dafür, dass Schnäppchenjäger aktiv werden.
Gold verliert seinen Glanz
Ausgerechnet der klassische Krisenschutz Gold enttäuschte. Der Goldpreis stürzte um 4,5 Prozent ab, Silber verlor sogar 8,5 Prozent. Verantwortlich ist die massive Dollar-Stärke: Der Greenback kletterte auf Mehrmonatshochs gegenüber Euro, Pfund und Yen, während Investoren sichere Häfen suchten.
„Das ist einer dieser Tage, an dem man einfach Gewinne vom Tisch nehmen muss, wo immer man kann“, erklärt Robert Gottlieb, ehemaliger Edelmetall-Chef bei Koch Supply and Trading. „Aber haben sich die Fundamentaldaten geändert? Die Antwort ist nein. Wir haben weiterhin anhaltende geopolitische und wirtschaftliche Unsicherheit.“
Tatsächlich hob BNP Paribas gerade erst ihre durchschnittliche Goldpreisprognose für 2026 um 27 Prozent auf 5.620 Dollar an – mit einem Peak über 6.250 Dollar bis Jahresende. Viele Analysten sehen den Rücksetzer als Kaufgelegenheit, zumal asiatische Käufer bereits zugreifen sollen.
Fed in der Zwickmühle
Die US-Notenbank steht vor einem Dilemma. Steigende Energiepreise befeuern die Inflation, während ein eskalierender Konflikt das Wirtschaftswachstum bremsen könnte. „Das kann beide unserer Mandate kurzfristig gegensätzlich treffen – Inflation erhöhen und vielleicht globales Wachstum verlangsamen“, sagt New Yorks Fed-Präsident John Williams.
Minneapolis-Fed-Chef Neel Kashkari bringt die Unsicherheit auf den Punkt: „Ich hatte großes Vertrauen in den Ausblick – bis vor ein paar Tagen.“ Die Frage sei nun, wie lange der Effekt anhält und wie groß er wird. „Wird es eher wie Russland-Ukraine aussehen oder wie der Hamas-Angriff auf Israel? Das wird Auswirkungen auf die Geldpolitik haben.“
Die Märkte haben bereits reagiert: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung im Juni sank auf nur noch 35 Prozent, selbst für Juli sehen Händler nur noch 55 Prozent Chance – deutlich weniger als vor wenigen Tagen. Die erste Zinssenkung wird nun erst für September erwartet.
Private Credit unter Druck
Inmitten der Marktturbulenzen gerät auch die boomende Private-Credit-Branche unter Druck. Blackstones Flaggschiff-Fonds BCRED verzeichnete im ersten Quartal Rücknahmegesuche von 7,9 Prozent des Fondsvolumens – deutlich über der üblichen 5-Prozent-Grenze. Der Vermögensverwalter hob die Grenze auf 7 Prozent an und steckte zusammen mit Mitarbeitern 400 Millionen Dollar ein, um alle Anfragen bedienen zu können.
Die Blackstone-Aktie verlor zeitweise 8 Prozent, bevor sie sich erholte. Analysten von RA Stanger prognostizieren einen Rückgang der Kapitalbildung bei Business Development Companies um 40 Prozent für 2026 – ein ähnlicher Einbruch wie bei Immobilienfonds für Privatanleger 2023, als Blackstone damals Auszahlungen blockierte.
Politik verschärft die Lage
Die geopolitische Komponente wiegt schwer. US-Präsident Donald Trump ordnete Versicherungsgarantien für Schiffe im Golf an und kündigte mögliche Marine-Eskorten durch die Straße von Hormus an. Gleichzeitig rechtfertigte er den „offenen, unbegrenzten Krieg“ gegen Iran mit der Behauptung, das Land entwickle Atomwaffen – ohne Beweise vorzulegen.
Großbritanniens Kanzlerin Rachel Reeves steht unter Druck, weil London sich nicht an der Offensive beteiligt. Trump kommentierte spitz: „Das ist nicht Winston Churchill, mit dem wir es zu tun haben.“ Reeves kontert: „Man kann nicht entscheiden, britische Streitkräfte in einen Konflikt zu schicken, nur weil es ein Handelsabkommen wahrscheinlicher macht.“
Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind absehbar: Europa als großer Energieimporteur wird besonders hart getroffen. Der Euro rutschte unter 1,16 Dollar, während Anleger die Auswirkungen auf eine ohnehin schwächelnde Wirtschaft fürchten.
Ausblick bleibt düster
Die fundamentale Frage ist: Wie lange dauert dieser Konflikt? Historisch gesehen erreichen Inflationserwartungen nach Militäraktionen typischerweise innerhalb von 20 Handelstagen ihren Höhepunkt. Doch diesmal könnte es anders sein. Die Angriffe auf Öl-Infrastruktur, die Blockade der Straße von Hormus und Irans Vergeltungsschläge auf nicht-militärische Ziele deuten auf eine längere Auseinandersetzung hin.
„Im Moment geht es nur um Unsicherheit“, fasst Jack Ablin von Cresset Capital zusammen. Solange unklar ist, ob der Konflikt sich weiter ausbreitet oder eingrenzen lässt, werden die Märkte volatil bleiben. Anleger müssen sich auf weitere turbulente Wochen einstellen – mit Risiken für Inflation, Wachstum und Zinsen gleichermaßen.
