Nahost-Krieg lähmt Finanzmärkte
Der Nahost-Konflikt zerstört traditionelle Marktkorrelationen und treibt Ölpreise auf neue Höhen.

Kurz zusammengefasst
- Traditionelle Anlagekorrelationen brechen ein
- Ölpreis übersteigt 100-Dollar-Marke
- EZB erwägt Zinspause im April
- Yen und Rupiah geraten unter Druck
Der Krieg im Nahen Osten schreibt täglich neue Kapitel – und die Finanzmärkte versuchen vergeblich, Schritt zu halten. Während Iran-Kommandos ein Frachtschiff im Hormus-Archipel stürmen und US-Präsident Trump seine Marine anweist, iranische Minenboote zu „erschießen“, kämpfen Investoren weltweit mit einem Problem: Die gewohnten Instrumente zur Orientierung funktionieren schlicht nicht mehr.
Öl über 100 Dollar je Barrel, eine faktisch gesperrte Meerenge, stockende Friedensgespräche – und trotzdem notiert die Wall Street auf Rekordniveau. Kein Wunder also, dass erfahrene Marktstrategen von einem „faulty instrument panel“ sprechen.
Wenn alte Regeln nicht mehr gelten
Aktien und Anleihen bewegten sich jahrzehntelang verlässlich in entgegengesetzte Richtungen. Wer Aktienrisiko absichern wollte, kaufte Staatsanleihen – fertig. Seit Kriegsausbruch ist diese Logik zerbrochen. Die rollende Ein-Monats-Korrelation zwischen zweijährigen US-Staatsanleiherenditen und dem S&P 500 ist auf rund -0,8 eingebrochen, verglichen mit einem Fünfjahresdurchschnitt von 0,23.
Gold verhält sich ähnlich merkwürdig. Eigentlich der klassische Krisenpuffer, bewegt es sich inzwischen fast im Gleichschritt mit Aktien – und liegt noch immer rund zehn Prozent unter seinem Vorkriegsniveau. Stattdessen ist der Dollar in die Rolle des eigentlichen Sicherheitshafens gerutscht, mit einer nahezu inversen Korrelation zu Aktien von -0,94. Bitcoin? Korreliert mit Aktien zu einem Rekordwert von 0,96 – was das Narrativ der Kryptowährung als Diversifikationsinstrument vorerst beerdigt.
BMO-Stratege Mark McCormick bringt es auf den Punkt: „Something new is forming.“ Die nächsten drei bis sechs Monate würden dem früheren Normalzustand nicht ähneln.
EZB zwischen Abwarten und Handeln
Wie sehr der Krieg das geldpolitische Kalkül verändert, zeigt der Blick auf die Europäische Zentralbank. Noch vor wenigen Wochen, als Öl auf fast 120 Dollar kletterte, hatten Märkte auf eine sofortige Zinserhöhung gewettet. Die seither ausgehandelte Waffenruhe hat den Druck etwas gemindert – Inflation soll demnach laut EZB-Chefin Christine Lagarde in diesem Quartal bei rund drei Prozent gipfeln, das schlimmste Szenario mit einem Peak oberhalb von vier Prozent bleibt vorerst aus.
Für die Sitzung am 30. April rechnet eine knappe Mehrheit der Ökonomen nun mit einer Zinspause bei zwei Prozent. „Die EZB kann es sich leisten, bei der April-Sitzung stillzuhalten, mehr Datenmaterial zu sammeln und dann im Juni zu entscheiden“, sagt Deutsche-Bank-Ökonom Mark Wall.
Doch die Uhr tickt. Zwei Zinserhöhungen noch in diesem Jahr sind nach wie vor eingepreist – wahrscheinlich ab Juni. Die Euro-Zone schrumpft bereits: Deutschlands Wachstumsprognosen wurden nach unten korrigiert, die Erzeugerpreise stiegen so schnell wie seit 37 Monaten nicht mehr, und der Dienstleistungssektor befindet sich im Rückzug. „Sie müssen die Zinsen ein wenig anheben, um sicherzustellen, dass Zweitrundeneffekte nicht einsetzen“, sagt David Zahn von Franklin Templeton.
Entscheidend ist dabei ein Unterschied zur Energiekrise von 2022: Damals befeuerte aufgestaute Nachfrage nach der Pandemie die Konjunktur, die Inflation lag weit über Ziel, die Geldpolitik war noch ultralocker. Heute sind Arbeitsmärkte schwächer, staatliche Spielräume enger – und Europa muss nicht, wie nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, seine Energieversorgung von Grund auf neu organisieren.
Yen und Rupiah unter Druck
Die Währungsmärkte spiegeln die Unsicherheit direkt wider. Der Yen nähert sich der psychologisch wichtigen Marke von 160 je Dollar – einem Niveau, das japanische Behörden traditionell als Interventionssignal betrachten. Finanzministerin Satsuki Katayama bekräftigte am Freitag erneut, man könne „entschlossen“ eingreifen. Solange Tokio die Gangart verschärft, sei ein rasches Durchbrechen der 160er-Marke kaum zu erwarten, schätzt Mitsubishi-UFJ-Analyst Akihiko Yokoo.
Japans Inflationsdaten vom Freitag liefern derweil gemischte Signale. Der Kernverbraucherpreisindex stieg im März auf 1,8 Prozent – nach wie vor unter dem BOJ-Ziel von zwei Prozent, aber höher als erwartet. Haupttreiber waren Energie- und Transportkosten infolge der Lieferkettenstörungen aus dem Nahen Osten. Die Bank of Japan dürfte auf ihrer Sitzung nächste Woche die Zinsen unverändert lassen, aber eine weitere Straffung signalisieren.
Noch härter trifft es Indonesien. Die Rupiah fiel auf ein Rekordtief von 17.320 je Dollar. Die Subventionskosten explodieren, weil die Regierung trotz steigender Ölpreise die Kraftstoffpreise für Verbraucher eingefroren hat. Ratingagentur Fitch, die den Ausblick für Indonesien bereits auf „negativ“ gesenkt hat, zeigt sich pragmatisch: Ein vorübergehendes Überschreiten der Defizitgrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts führt nicht automatisch zu einem sofortigen Downgrade – sofern die Regierung einen glaubwürdigen Konsolidierungspfad kommuniziert. Nutzt Jakarta die Krise als Dauerlizenz für strukturell höhere Ausgaben, wird Fitch die Schuldenquote neu bewerten.
Die SNB, das KI-Rennen und ein fragiler Frieden
Schweizer Nationalbankchef Martin Schlegel warnte unterdessen in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vor voreiligen Schlüssen. Ob ein stagflationäres Szenario drohe, sei noch offen. Entscheidend sei, wie lange der Energiepreisschock anhalte. „Energie steckt indirekt in vielen Gütern“, so Schlegel – in Lebensmitteln, Transport und Verpackungen. Die Schweiz sei zwar vergleichsweise solide aufgestellt, doch unterschätzen dürfe man die Breite des Preisdrucks nicht.
Während Notenbanken weltweit jonglieren, liefert die Technologiebranche eine Art Kontrast-Erzählung: Das chinesische KI-Start-up DeepSeek begann am Freitag mit der Vorschau auf ein größeres Upgrade seines gefragten KI-Modells. Passend dazu warf das Weiße Haus Peking vor, US-amerikanische KI-Systeme im industriellen Maßstab zu stehlen – ein Konflikt, der die Spannungen kurz vor dem geplanten Gipfeltreffen zwischen Trump und Xi Jinping weiter anheizt.
Der Hormus-Konflikt, jetzt seit rund acht Wochen, bleibt das dominierende Gravitationszentrum der Märkte. Solange die Meerenge gesperrt bleibt und Öl bei 100 Dollar notiert, werden weder Zinsmodelle noch Währungskorrelationen zur Ruhe kommen.