Nahostkonflikt lähmt globale Wirtschaft
Die Schließung der Straße von Hormuz treibt Ölpreise und bremst das globale Wachstum. G7 ringt um Maßnahmen, während Anleger auf Entspannung setzen.

Kurz zusammengefasst
- Ölpreis über 110 Dollar je Barrel
- G7-Treffen ohne konkrete Beschlüsse
- Russland profitiert von hohen Energiepreisen
- Japan droht wirtschaftliche Stagnation
Der Nahe Osten hält die Weltwirtschaft in Atem. Die anhaltende Schließung der Straße von Hormuz treibt Ölpreise auf über 110 Dollar je Barrel, bremst Volkswirtschaften von Tokio bis São Paulo — und zwingt die G7-Finanzminister zu einer Krisenreaktion, die bislang mehr Absichtserklärungen als konkrete Maßnahmen hervorbrachte.
Während US-Präsident Donald Trump am Montag ankündigte, einen geplanten Angriff auf den Iran abgesagt zu haben, bleibt die Meerenge faktisch gesperrt. Teheran sendete zwar einen neuen Friedensvorschlag nach Washington, der eine Einstellung aller Feindseligkeiten sowie den Abzug amerikanischer Streitkräfte aus irannahen Gebieten vorsieht — doch Beobachter weisen darauf hin, dass sich das Angebot kaum von früheren Bedingungen unterscheidet, die Trump als „Müll“ bezeichnete.
Die Straße von Hormuz als Schlüssel zur Weltwirtschaft
Durch die Meerenge vor Irans Südküste fließen normalerweise rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gashandels. Ihre Schließung seit den US-israelischen Angriffen im Februar hat eine Energiepreisschock-Welle ausgelöst, die Analysten bei Yardeni Research bereits als „globale Stagflation“ bezeichnen — Inflation und verlangsamtes Wachstum treffen gleichzeitig aufeinander.
Für die Tankerbranche ist die Situation eine scharfe Klinge, die in beide Richtungen schneidet. CMB.Tech-Chef Alexander Saverys, dessen Unternehmen im ersten Quartal seinen Kerngewinn verdreifachte, warnt vor einer paradoxen Situation: Eine Wiedereröffnung der Straße könnte Frachtraten sowohl nach oben als auch nach unten treiben. Einerseits könnte ein Wiedereröffnungs-Schock einen Lagernachholbedarf auslösen, der die verfügbare Tonnage überfordert. Andererseits würden rasch viele Schiffe auf den Markt zurückkehren — und die Raten könnten fallen. Aktuell verdienen Tanker 80.000 bis 120.000 Dollar täglich, deutlich mehr als vor dem Konflikt.
G7 in Paris: Einigkeit in der Diagnose, Schweigen bei den Rezepten
Auf ihrem zweitägigen Treffen in Paris einigten sich die G7-Finanzminister und Notenbankchefs auf eine gemeinsame Sprache — aber wenig mehr. Der französische Finanzminister Roland Lescure, der die Gespräche leitete, fasste die Lage so zusammen: „Diese Ungleichgewichte sind nicht nachhaltig.“ Gemeint ist ein globales Muster, das er selbst skizzierte: China konsumiere zu wenig, die USA zu viel, Europa investiere zu wenig.
Die Minister forderten die sofortige Wiedereröffnung der Straße von Hormuz und bekräftigten ihre Unterstützung für die Ukraine — trotz einer sichtbaren Spannung. Washington hat erneut eine 30-tägige Ausnahme von den Sanktionen für den Kauf russischen Seeöls verlängert, um „energievulnerable“ Länder zu versorgen. EU-Kommissar Valdis Dombrovskis ließ wenig Raum für Deutungen: „Wir sind nicht immer zu 100 Prozent auf einer Linie — und das ist leider eines dieser Themen.“
Deutschlands neuer Finanzminister Lars Klingbeil schlug härtere Töne an: Europa müsse eigene Inhaltsanforderungen durchsetzen und seine Interessen klar vertreten. „Ich habe keine Lust, dass wir am Ende die Dummen sind.“
Russland als stiller Gewinner, Japan als exponierter Verlierer
Während die G7 über Sanktionslücken debattierten, profitiert Moskau direkt vom Konflikt. Der russische Rubel erreichte am Dienstag seinen stärksten Stand gegenüber dem chinesischen Yuan seit Februar 2023 — gestützt von hohen Ölpreisen, dem US-Sanktionswaiver und Erwartungen an neue Energiedeals rund um Putins Staatsbesuch in Peking. Seit Anfang April hat der Rubel gegenüber dem Dollar um 12 Prozent zugelegt.
Japan zeigt die Kehrseite dieser Gleichung. Das Land veröffentlichte am Dienstag überraschend starke Erstquartalszahlen: Das BIP wuchs annualisiert um 2,1 Prozent, mehr als die erwarteten 1,7 Prozent. Doch Ökonomen warnten sofort, dass diese Zahlen bereits Vergangenheit sind. Japans starke Abhängigkeit von nahöstlichem Öl macht das Land besonders anfällig. „Die Wirtschaft näherte sich dem Irankrieg mit solidem Schwung, aber wir erwarten, dass das BIP-Wachstum in diesem und im nächsten Quartal zum Stillstand kommt“, schreiben die Analysten von Capital Economics.
Die Bank of Japan steht vor einem Dilemma: Einerseits senden steigende Energiepreise und Inflation eigentlich Signale für eine Zinserhöhung im Juni. Andererseits könnte eine Verschärfung der Lieferstörungen die Wirtschaft so stark belasten, dass kein Spielraum bleibt.
Anleger trotzen der Krise — vorerst
Globale Fondsmanager zeigen sich erstaunlich gelassen. Laut einer BofA-Umfrage unter 200 Investoren mit insgesamt 517 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen wurde die Aktienquote im Mai so stark erhöht wie nie zuvor gemessen. Ein Nettowert von 50 Prozent der Befragten war übergewichtet in Aktien — im April waren es noch 13 Prozent. Treiber sind Optimismus über Unternehmensgewinne und Zinssenkungserwartungen an die US-Notenbank Fed.
66 Prozent der befragten Manager gehen davon aus, dass der Hormuz-Engpass in den nächsten Monaten enden wird. Doch 40 Prozent nennen eine zweite Inflationswelle als größtes Tail-Risiko — also ein Szenario, das selten eintritt, aber verheerende Folgen hätte.
Brasiliens Notenbank illustriert, warum diese Sorge berechtigt ist. Direktoriumsmitglied Nilton David sagte, man werde keine Hinweise auf den künftigen Zinspfad mehr geben — die Unsicherheit durch den Konflikt sei schlicht zu groß. Die Inflation in Lateinamerikas größter Volkswirtschaft liegt bereits bei 4,39 Prozent. „Es wird Zeit brauchen, bis die Energiepreise zurückkehren — wenn sie überhaupt zurückkehren“, sagte David.
Offene Fragen, kein klarer Horizont
Das Bild, das sich am 19. Mai 2026 zeigt, ist das einer Weltwirtschaft im Wartezustand. Die Finanzmärkte preisen auf Erholung — die Realwirtschaft von Tokio bis São Paulo spürt den Gegenwind bereits. Die G7 haben eine gemeinsame Sprache gefunden, aber keine gemeinsame Strategie. Und solange die Straße von Hormuz geschlossen bleibt, bleibt der Friedensoptimismus das Fragilste an diesem Ausblick.