Nel ASA vor der Bewährungsprobe im Herbst
Nel verzeichnet starken Auftragseingang, doch Umsatz und EBITDA bleiben schwach. JPMorgan kappt das Kursziel und mahnt zur Vorsicht.

Kurz zusammengefasst
- Auftragseingang steigt um 224 Prozent
- Umsatz sinkt um zwölf Prozent
- EBITDA bleibt mit minus 155 Millionen tiefrot
- JPMorgan senkt Kursziel auf 1,80 Kronen
Ausgangslage: Zwischen Auftragsboom und Kursziel-Kürzung
Nel ASA steckt mitten in einem Spagat zwischen operativer Schwäche und aufkeimender Nachfrage. Die Zahlen zum zweiten Quartal 2026 zeigen ein zweigeteiltes Bild: Der Umsatz aus Kundenverträgen sank auf 153 Millionen norwegische Kronen, ein Rückgang von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.
Gleichzeitig sprang der Auftragseingang auf 230 Millionen Kronen – ein Plus von 224 Prozent im Jahresvergleich. Das operative Ergebnis blieb tief rot: Das EBITDA lag bei minus 155 Millionen Kronen, bei einem Gesamtumsatz von 182 Millionen Kronen.
Diese Divergenz erklärt, warum JPMorgan am 5. August sein Kursziel für die Aktie deutlich kappte, von 2,90 auf 1,80 norwegische Kronen, und die Einstufung Neutral beibehielt.
Die Bank reagierte damit auf genau jenes Muster, das die Quartalszahlen offenlegten: schwindende Umsätze im laufenden Geschäft bei gleichzeitig wachsendem Bestellbuch für die Zukunft. Für Anleger stellt sich damit die Frage, ob der Auftragsschub echte Substanz hat oder nur eine Momentaufnahme ist, die die operative Talfahrt überdeckt.
Der Aktienkurs notiert aktuell bei 0,1990 Euro und damit rund 45,55 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 0,3655 Euro. Das zeigt, wie sehr sich die Erwartungen der Anleger seit dem Frühjahr eingetrübt haben, obwohl das operative Momentum beim Auftragseingang zuletzt zunahm.
Die entscheidende Frage: Trägt der Auftragsschub tatsächlich Umsatz?
Der zentrale Faktor für die kommenden Quartale ist simpel formuliert: Verwandelt sich der Auftragseingang von 230 Millionen Kronen in tatsächliche Umsatzerlöse, oder bleibt er ein Bestellbuch-Effekt ohne Durchschlag auf die Gewinn- und Verlustrechnung?
Der Auftragssprung im zweiten Quartal 2026 wird von Beobachtern mit dem Marktstart der neuen druckbeaufschlagten Alkaline-Serie im Mai 2026 in Verbindung gebracht. Das Management hatte die Plattform bereits im Vorfeld als potenziellen Industriestandard positioniert.
Ob diese Erwartung trägt, entscheidet sich daran, wie schnell sich Bestellungen in Rechnungen und Lieferungen übersetzen. Bislang zeigt die Umsatzlinie noch den gegenteiligen Trend: Schon im ersten Quartal 2026 war der Umsatz aus Kundenverträgen mit 148 Millionen Kronen um 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Die Lücke zwischen Auftragseingang und Umsatzrealisierung ist also kein neues Phänomen, sondern hat sich über zwei Quartale hinweg verschärft.
Bullisches Szenario: Skalierung über Lizenzpartner und neue Plattform
Für Optimisten spricht die Kombination aus neuer Technologie und einem strategischen Vertriebshebel. Nel hat mit Reliance Industries eine Lizenzvereinbarung geschlossen, die es dem indischen Konzern erlaubt, Alkaline-Elektrolyseure in Masse zu produzieren.
Im Gegenzug erhält Nel Erlöse aus dem indischen Markt und kann Ausrüstung für eigene Projekte beziehen. Dieses Modell könnte helfen, Skaleneffekte zu erzielen, ohne dass Nel selbst massiv in eigene Fertigungskapazitäten investieren muss.
Kommt hinzu, dass die neue druckbeaufschlagte Alkaline-Serie als technologischer Sprung gilt. Sollte sie sich im Markt als Referenzprodukt etablieren, könnte der aktuelle Auftragsschub der Anfang einer nachhaltigeren Nachfragewelle sein – mit entsprechender Zeitverzögerung bis zur Umsatzwirkung.
Bärisches Szenario: Die Verlustserie hält an
Das Risiko liegt in der schlichten Fortsetzung des bisherigen Musters. Ein EBITDA von minus 155 Millionen Kronen bei sinkenden Vertragsumsätzen ist ein Warnsignal, das sich über mehrere Quartale wiederholt hat.
Sollte sich der Auftragseingang als einmaliger Effekt eines Produktlaunches erweisen, ohne dass daraus zeitnah Rechnungsvolumen entsteht, bliebe die Ertragslage angespannt. JPMorgans Kürzung des Kursziels auf 1,80 norwegische Kronen deutet genau in diese Richtung: Die Bank sieht offenbar wenig Anlass, die operative Schwäche kurzfristig als überwunden zu betrachten.
Hinzu kommt die technische Lage: Der Kurs liegt rund 8,88 Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt, ein Hinweis darauf, dass sich der kurzfristige Trend zuletzt eher abgeschwächt als stabilisiert hat.
Ausblick: Der nächste Beleg muss aus der Umsatzlinie kommen
Solange der Auftragseingang nicht in wachsende Vertragsumsätze mündet, bleibt die Skepsis der Analysten berechtigt und der Kurs dürfte in seiner bisherigen Bandbreite verharren.
Kippt dieses Muster – zeigt sich in den kommenden Quartalsberichten, dass die Bestellungen aus der neuen Alkaline-Serie tatsächlich Rechnungen nach sich ziehen und die Reliance-Lizenz erste Erlösbeiträge liefert –, könnte sich die Bewertung der Aktie rasch verändern.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Quartalsbericht zum dritten Quartal 2026, der zeigen muss, ob sich die Kluft zwischen Auftragsbuch und Umsatzrealisierung endlich schließt.
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